889. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
889. Nacht“Sie werden sich dann freuen und Dir sagen: Komm nur zu uns herein. Wenn Du ihnen nun wirst etwas vorgesungen haben und sie Deine Kunst kennen werden, und Du Dich dadurch in der Stadt bekannt gemacht haben wirst, so wird sich Dein Schicksal sehr günstig gestalten.” Der Sänger dankte ihm für diesen guten Rat, ging und tat so, wie ihm der Gewürzhändler gesagt hatte, bis gegen Mittag, doch ohne jemand zu finden, der das angenehme Geschäft des Essens oder Trinkens ausgeübt hätte. Da begab er sich endlich in eine enge Straße, um auszuruhen. In derselben bemerkte er ein schönes hohes Haus, in dessen Schatten er sich vor den Sonnenstrahlen schützte. Als er den schönen Bau desselben betrachtete, wurde ein Fenster geöffnet, und er erblickte an demselben ein Gesicht, das schön war, wie der Mond. Zugleich rief ihm die Frau zu: “Was stehst Du da unten? Brauchst Du etwas?” Er antwortete: “Ich bin ein fremder Mann, ein Sänger, und dergleichen mehr.” – “Was würdest Du wohl sagen,” erwiderte sie, “wenn Dir ein guter Schmaus und Trank gereicht würde und zwar in Gesellschaft einer hübschen Frau, und noch dazu ein Dir sehr nützliches Geschenk?” – “O, meine Herrin, das ist eben, was ich wünsche. Deshalb gehe ich eben in der Stadt herum, und suche.” Sie öffnete ihm hierauf die Tür, ließ ihn neben sich in das schönste Zimmer des Hauses setzen, und reichte ihm Speise. Er ließ es sich gut schmecken, vernachlässigte auch nicht zu trinken, und überhäufte die Frau mit Zärtlichkeiten. Nach dem Essen überließen sie sich verliebten Tändeleien bis an den Nachmittag, wo ihr Mann heimkam. Sie konnte in der Eile keinen besseren Ort finden, den Sänger zu verbergen, als ihn unter einen Teppich zu stecken, welcher in einem Winkel des Zimmers lag. Als der Mann eintrat, bemerkte er sogleich einige Unordnung im Zimmer, und den Geruch des Weines. Auf die Frage, was das wäre, antwortete sie ihm: “Es war eine Freundin bei mir, die ich beschwor, etwas zu sich zu nehmen. Da habe ich denn mit ihr einen Krug Wein getrunken. Sie ist im Augenblick gegangen.” Der Mann glaubte, sie hätte die Wahrheit gesprochen, und ging bald darauf wieder in seinen Laden zurück. Dieser ihr Mann aber war kein anderer, als jener Gewürzkrämer und Ratgeber des Sängers. Dieser kroch nun wieder unter dem Teppich hervor, und kostete mit ihr bis gegen Abend. Da gab sie ihm ein Stück Geld und sprach zu ihm: “Morgen komm nur wieder.” Er versprach es ihr, und ging. Der Sänger begab sich nun ins Bad, und trat am anderen Morgen wieder in den Laden des Gewürzkrämers seines Freundes. Als dieser ihn sah, empfing er ihn sehr freundlich, und fragte ihn, wie er den gestrigen Tag zugebracht hätte? – “Ach herzlichen Dank, mein lieber Bruder,” rief er ihm entgegen, “Du hast mir einen herrlichen Rat gegeben.” Darauf erzählte er ihm alles, und fuhr sodann fort: “Da kam eben ihr Mann, der Dummkopf, und klopfte an die Türe. Sie wickelte mich schnell in einen Teppich. Als er nun wieder weggegangen war, kroch ich hervor, und wir fingen wieder von neuem an zu spielen, zu scherzen und zu kosen.” Diese Worte gaben dem Gewürzkrämer Stoff zum Nachdenken. Er bereute es nun, ihm diesen Rat gegeben zu haben, und hatte einigen Verdacht auf seine Frau. Doch ließ er sich nichts merken, sondern fragte weiter: “Und was sagte sie Dir denn, als Du weggingst?” – “Sie lud mich ein, morgen wieder zu kommen. Ich bin jetzt soeben auf dem Weg zu ihr, und bin nur einen Augenblick hereingekommen, um Dich zu benachrichtigen, damit Du nicht wegen meiner in Sorgen seist.” Hierauf empfahl er sich, und ging. Der Gewürzkrämer, sobald er vermuten konnte, dass der Sänger in seinem Haus angelangt sein könnte, warf plötzlich seinen Laden zu, und begab sich, voll Verdachts gegen seine Frau, nach Hause und klopfte an die Tür, kurz darauf, nachdem der Sänger eingetreten war. Die Gewürzkrämerin sagte schnell zu diesem: “Komm, krieche geschwind in diesen Kasten.” Der Sänger tat es, und sie deckte schnell den Deckel darüber. Nun erst machte sie ihrem Mann auf, der eilig und ganz außer sich eintrat. Er durchsuchte das Haus, fand aber niemanden, denn der Zufall wollte, dass er immer über den Kasten hinweg sah. Da sprach der Mann bei sich selbst: “Es ist wohl auch möglich, dass das Haus, wie er es mir beschrieben hat, nur meinem Haus ähnlich sieht, und meine Frau desgleichen. So kehrte er denn beruhigt in seinen Laden zurück, und der Sänger aus seinem Kasten. Sie überließen sich nunmehr denselben Belustigungen wie am vorigen Tag bis auf den Abend, wo sie ihm wieder ein Stück Geld gab, und ihn entließ, nachdem sie ihn auf den morgigen Tag abermals eingeladen hatte. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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