87. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
87. Nacht“Die Kaufleute, die sich mit mir eingeschifft hatten und mit mir ans Land gestiegen waren, zerschlugen das Ei mit starken Axtschlägen und machten eine Öffnung, aus welcher sie den Roch stückweise herausholen und braten ließen. Ich hatte sie ernstlich gewarnt, das Ei nicht anzurühren, aber sie wollten mich nicht hören. Kaum hatten sie ihr Mahl beendet, als in der Luft, ziemlich fern von uns, zwei dicke Wolken erschienen. Der Hauptmann, den ich zur Leitung meines Schiffes in Gold genommen hatte, wusste aus Erfahrung, was die Wolken zu bedeuten hätten, verkündete, dass es die Eltern des kleinen Rochs wären und drang in uns, uns auf das schnellste wieder einzuschiffen, um das Unglück, welches er vorher sah, zu vermeiden. Wir beeilten uns, seinem Rat zu folgen, und gingen eilig unter Segel. Inzwischen nahten sich die beiden Roche und stießen ein schreckliches Geschrei aus, als sie sahen, dass das Ei zerbrochen und ihr Junges nicht mehr darin war. Sie flogen, in der Absicht sich zu rächen, wieder nach der Seite, von welcher sie hergekommen waren, und verschwanden uns auf einige Zeit, während wir mit vollen Segeln uns zu entfernen und das, was nicht ausblieb, zu vermeiden strebten. Sie kamen zurück, und wir bemerkten, das jedes von ihnen in seinen Klauen ein Felsstück von ungeheurer Größe hielt. Als sie gerade über meinem Schiff waren, hielten sie still, und in der Luft schwebend, ließ eines von ihnen sein Felsstück fallen, aber durch die Geschicklichkeit des Steuermanns, der das Schiff durch eine Wendung des Steuerruders ablenkte, fiel es seitwärts in Meer, welches sich auf eine Weise öffnete, dass wir fast bis auf seinen Grund sahen, aber der andere Vogel ließ sein Felsstück so genau auf die Mitte des Schiffes fallen, dass es in tausend Stücke zerschmettert wurde. Die Matrosen und die Reisenden wurden alle totgeschlagen, oder ins Meer versenkt. Auch ich sank unter, als ich aber wieder über Wasser kam, hatte ich das Glück, ein Stück des Wracks zu ergreifen. Indem ich nun bald mit der einen, bald mit der anderen Hand ruderte, ohne das, woran ich mich hielt, loszulassen, gelangte ich endlich, bei günstigem Strom und Wind, an eine Insel mit sehr steilem Ufer. Ich überstieg jedoch diese Schwierigkeit und rettete mich. Ich setzte mich in das Gras, um mich ein wenig von meiner Ermüdung auszuruhen, stand sodann auf und ging landeinwärts, um das Land zu erkunden. Es kam mir vor, als ob ich in einem köstlichen Garten wäre. Überall sah ich Bäume, teils mit reifen, teils mit unreifen Früchten belastet, und Bäche von süßem, klaren Wasser, die sich angenehm schlängelten. Ich aß von den Früchten, die mir trefflich mundeten, und trank von dem Wasser, das mich zum Trinken einlud. Als es Nacht geworden war, legte ich mich an einer ziemlich bequemen Stelle ins Gras, aber ich schlief keine ganze Stunde und mein Schlaf wurde oft durch den Schreck unterbrochen, mich an einem so einsamen Orte allein zu sehen. So brachte ich den größten Teil der Nacht damit zu, mich auf das heftigste zu betrüben und mir die Torheit vorzuwerfen, nicht lieber daheim geblieben zu sein, als diese letzte Reise unternommen zu haben. Diese Betrachtungen brachten mich so weit, dass ich einen Anschlag gegen mein eigenes Leben machte, aber das Tageslicht zerstreute meine Verzweiflung. Ich stand auf und ging, nicht ohne eigene Furcht, unter den Bäumen umher. Nachdem ich wieder ein Weilchen landeinwärts gegangen war, gewahrte ich einen Greis, der mir sehr gebrechlich schien. Er saß am Ufer des Baches, und meine erste Vermutung war, dass er, gleich mir, Schiffbruch gelitten hätte. Ich näherte mich ihm und grüßte ihn, worauf er bloß mit dem Kopf nickte. Ich fragte ihn, was er dort mache, aber anstatt mir zu antworten, machte er mir bloß ein Zeichen, dass ich ihn auf meine Schulter laden und durch den Bach tragen solle, in der Absicht, – wie er mir zu verstehen gab, – Früchte zu pflücken. Da ich glaubte, dass er dieser meine Dienstleistung bedürfte, so lud ich ihn auf meinen Rücken und trug ihn durch den Bach. “Steigt herab,” – sagte ich hierauf, indem ich mich bückte, ihn auf die Erde zu helfen. Statt sich aber auf diese niederzulassen, (ich muss noch immer lachen, wenn ich daran denke), schlang dieser Greis, den ich für so hinfällig gehalten hatte, seine Beine, – deren Haut, wie ich bemerkte, der einer Kuh glich, – mit Leichtigkeit um meinen Hals, setzte sich rittlings auf meine Schultern und presste mir die Gurgel so heftig zusammen, als wollte er mich erdrosseln. In diesem Augenblick ergriff mich ein so heftiger Schreck, dass ich in Ohnmacht fiel …” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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