86. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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86. Nacht

“Ich erwartete nur den Tod, als ich den Stein aufheben hörte. Man ließ eine Leiche und eine lebendige Person herab. Der Tote war ein Mann. Es ist natürlich, in äußersten Fällen äußerste Entschlüsse zu fassen. Während man die Frau herabließ, nahte ich mich dem Ort, an welchen ihre Bahre zu stehen kommen sollte und als ich sah, dass man die Öffnung des Brunnens wieder bedeckte, gab ich der Unglücklichen mit einem großen Knochen, dessen ich mich bemächtigt hatte, zwei oder drei starke Schläge auf den Kopf. Sie wurde davon betäubt, aber ich schlug sie viel mehr, und da ich diese unmenschliche Handlung nur beging, um das auf der Bahre befindliche Brot und Wasser zu benutzen. So hatte ich Vorrat auf einige Tage. Nach Verlauf dieser Zeit ließ man wieder eine tote Frau und einen lebenden Mann herab, den ich auf dieselbe Weise tötete und so fehlte es mir, durch die wiederholte Anwendung desselben Mittels, niemals an Lebensmitteln.

Eines Tages, als ich eben wieder eine Frau in jene Welt geschickt hatte, hörte ich schnaufen und gehen. Ich ging auf die Seite zu, von welcher es herkam, hörte bei meiner Annäherung stärker schnaufen und es schien mir, als sähe ich etwas, was die Flucht ergriff. Ich folgte dieser Art von Schatten, die auf Augenblicke still stand und im Fliehen immer umso stärker schnaufte, je näher ich kam. Ich verfolgte sie so lange und so weit, dass ich endlich Licht, gleich einem Stern erblickte. Ich fuhr fort, auf das Licht zuzugehen, verlor es zuweilen durch Hindernisse, die es verbargen, fand es aber immer wieder und entdeckte endlich, dass es durch eine Öffnung des Felsens kam, die groß genug war, um durchzukommen.

Nach dieser Entdeckung blieb ich eine Weile stehen, um mich von meinem heftigen Gange zu erholen und als ich hierauf bis zu der Öffnung gekommen war, ging ich durch und befand mich nun am Meeresufer. Stellt euch das Übermaß meiner Freude vor. Es war so groß, dass ich Mühe hatte, mich zu überzeugen, was ich sähe, sei kein Traum. Als ich mich von der Wirklichkeit der Sache überzeugt hatte, und meine Sinne wieder in ihrem natürlichen Zustand waren, begriff ich wohl, dass das Ding, welches ich hatte schnaufen hören und welchem ich gefolgt war, ein aus dem Meer gekommenes Tier wäre, welches in die Höhle zu kommen pflegte, um sich dort von den Leichen zu ernähren.

Ich untersuchte den Berg und fand, dass er zwischen der Stadt und dem Meer lag, doch ohne Verbindung durch einen Weg, weil er so steil war, dass ihn die Natur unbesteigbar gemacht hatte. Ich warf mich am Ufer nieder, um Gott für die mir eben erwiesene Gnade zu danken. Hierauf kehrte ich in die Höhle zurück, um mir Brot zu holen, welches ich bei größerem Appetit aß, als ich’s je, seit meiner Einsperrung in diesen finsteren Ort, gegessen hatte.

Ich ging nochmals in die Höhle und sammelte tastend alle Diamanten, Rubine, Perlen, goldene Armbänder, kurz alle reiche Stoffe, die ich unter meinen Händen fand, zusammen, und trug das alles ans Meeresufer. Ich machte mehrere Ballen daraus, die ich säuberlich mit Stricken umband, welche zum Herablassen der Bahren gedient hatten und in großer Menge vorhanden waren. Ich ließ die Ballen in Erwartung einer guten Gelegenheit am Ufer, ohne zu befürchten, dass der Regen sie verderben könnte, denn es war eben nicht Regenzeit.

Nach Verlauf von zwei oder drei Tagen erblickte ich ein Schiff, welches eben aus dem Hafen kam und bei dem Ort, an dem ich mich befand, vorbeisegelte. Ich winkte mit der Leinwand meines Turbans und schrie aus Leibeskräften, um mich hörbar zu machen. Man hörte mich und schickte das Boot ab, um mich zu holen. Auf die Frage des Matrosen, durch welchen Unfall ich mich an diesem Ort befände, erwiderte ich, dass ich mich vor zwei Tagen mit den Waren, welche sie sähen, aus einem Schiffbruch gerettet hätte. Zum Glück für mich begnügten sich diese Leute, ohne den Ort, wo ich mich befand zu untersuchen, mit meiner Antwort und nahmen mich nebst meinen Ballen mit sich.

Als wir an Bord gekommen waren, hatte der Schiffshauptmann, der über die mir verursachte Freude vergnügt und mit dem Befehl des Schiffes beschäftigt war, ebenfalls die Güte, sich mit meinem vorgegebenen Schiffbruch abspeisen zu lassen. Ich bot ihm einige meiner Edelsteine an. Er wollte sie aber nicht annehmen.

Wir schifften bei mehreren Inseln vorbei, unter anderen bei der Insel Nacous (Schelleninsel), welche, bei regelmäßigem Wind, zehn Tagesreisen von der Insel Gerendib1) und sechs von der Insel Kela entfernt ist, an welcher letzteren wir landeten2). Man findet dort Bleigruben, indianische Röhre und trefflichen Kampfer.

Der König der Insel Kela ist sehr reich, sehr mächtig und seine Gewalt erstreckt sich über die ganze Schelleninsel, welche zwei Tagesreisen Umfang hat und deren Einwohner noch so barbarisch sind, dass sie Menschenfleisch fressen. Nachdem wir auf dieser Insel große Handelsgeschäfte gemacht hatten, gingen wir wieder unter Segel, und landeten an mehreren anderen Häfen. Endlich langte ich mit unermesslichen Reichtümern, deren nähere Schilderung unnütz wäre, glücklich in Bagdad an. Um Gott für die mir erwiesenen Gnaden zu danken, verteilte ich große Almosen, sowohl zum Unterhalt mehrere Moscheen, als auch vieler Armen, und widmete mich ganz und gar meinen Verwandten und Freunden, indem ich mit ihnen gut tafelte und mich ergötzte.”

Sindbad beendigte hier die Erzählung seiner vierten Reise, welche bei seinen Zuhörern noch mehr Bewunderung erregte, als die drei vorhergegangenen. Er machte dem Hindbad ein neues Geschenk von hundert Zeckinen, und lud ihn, gleich den andern, ein, am folgenden Tag zu derselben Stunde wieder zum Mittagsmahl zu ihm zu kommen, um den Bericht von seiner fünften Reise zu hören. Hindbad und die anderen Gäste beurlaubten sich und gingen nach Hause.

Als sie am anderen Tage alle beisammen waren, setzten sie sich zu Tisch, und am Ende des Mahles, welches nicht länger als die früheren dauerte, fing Sindbad auf folgende Weise die Erzählung seiner fünften Reise an:

Fünfte Reise Sindbads des Seefahrers, nach den Sundischen Inseln

“Noch,” sagte er, “hatten die Vergnügungen Reise genug für mich, um aus meinem Gedächtnis alle erlittenen Beschwerden und Übel auszulöschen, ohne mir die Luft zu neuen Reisen zu benehmen. Ich kaufte demnach Waren ein, ließ sie einpacken und auf Wagen laden, und reiste nach dem nächsten Seehafen. Dort nahm ich mir die Zeit, um nicht von einem Schiffshauptmann abzuhängen und um ein Fahrzeug ganz zu meinem Befehl zu haben, mir eins auf meine Kosten bauen und ausrüsten zu lassen. Sobald es vollendet war, ließ ich es beladen, schiffte mich darauf ein, und da mein Vorrat von Waren zu einer vollständigen Ladung nicht hinreichte, so nahm ich Kaufleute von verschiedenen Völkern mit ihren Waren an Bord.

Wir gingen bei dem ersten guten Wind unter Segel und suchten das Weite. Der erste Ort, wo wir nach einer langen Fahrt landeten, war eine wüste Insel, auf welcher wir das Ei eines Roches, von derselben Größe, wie das bereits erwähnte, fanden. Es enthielt einen kleinen Roch, der eben auskriechen wollte und dessen Schnabel bereits zum Vorschein kam.


1) Arabischer Name der Insel Ceylon. ­
2) Es wird vermutet, dass diese beiden Inseln vielleicht Sumatra und Banka sind.
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