80. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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80. Nacht

“Wir verließen den Palast gleich dem Riesen,” fuhr Sindbad fort, “und begaben uns ans Meeresufer, an den Ort, wo unsere Flöße waren. Wir brachten sie sogleich ins Wasser und warteten, bis es Tag war, um uns auf sie zu werfen, falls wir den Riesen mit einigen Begleitern seiner Art kommen sahen, doch schmeichelten wir uns, dass, wenn er nicht bald nach Sonnenuntergang erscheinen und wir sein Geheul, das immerfort zu unseren Ohren drang, nicht mehr hören würden, dies für einen Beweis gelten könnte, dass er sein Leben verloren hätte und in diesem Fall nahmen wir uns vor, auf der Insel zu bleiben und uns nicht auf unsere Flöße zu wagen. Aber kaum war es Tag, so erblickten wir unseren grausamen Feinden, von zwei ihn führenden gleich großen Riesen begleitet und von sehr vielen anderen, die mit schnellen Schritten vor ihm her gingen.

Bei diesem Anblick zögerten wir nicht, uns auf unsere Flöße zu werfen und uns durch starkes Rudern vom Ufer zu entfernen. Die Riesen, welche das bemerkten, versahen sich mit großen Steinen, liefen ans Ufer, gingen selbst bis an den Leib ins Wasser und warfen so geschickt nach uns, dass mit Ausnahme des Floßes, auf welchem ich mich befand, alle andere davon zertrümmert wurden. Die darauf befindlichen Menschen ertranken. Ich und meine beiden Gefährten aber, da wir aus Leibeskräften ruderten, waren am fernsten und außerhalb der Wurfweite.

Als wir auf das offene Meer kamen, wurden wir Spielwerk des Windes und der Wellen, die uns von einer Seite zur anderen warfen, und wir brachten diesen Tag und die folgende Nacht in einer grausamen Ungewissheit über unser Schicksal zu. Aber am folgenden Tag hatten wir das Glück, an eine Insel getrieben zu werden, auf welche wir uns mit vieler Freude retteten. Wir fanden dort treffliche Früchte, die uns zur Wiedererlangung unserer verlorenen Kräfte treffliche Dienste leisteten.

Gegen Abend schliefen wir am Meeresufer ein, wir wurden aber von dem Geräusche aufgeweckt, welches eine Schlange, lang wie ein Palmbaum, im Kriechen mit ihren Schuppen machte. Sie war uns so nahe, dass sie einen meiner Gefährten, trotz seinem Geschrei und seiner Anstrengung, sich loszumachen, verschlang, nachdem sie ihn vorher wiederholt geschüttelt und gegen die Erde geschmettert hatte. Mein anderer Gefährte und ich, wir ergriffen sogleich die Flucht, und obgleich wir ziemlich fern waren, so hörten wir doch einige Zeit nachher ein Geräusch, welches vermuten ließ, dass die Schlange die Knochen des von ihr überfallenen Unglücklichen wieder von sich gäbe. “O Gott,” rief ich da aus, “was für Dingen sind wir ausgesetzt! Gestern freuten wir uns darüber, unser Leben der Grausamkeit des Riesen und der Wut der Wellen entzogen zu haben, und nun sind wir in eine nicht minder schreckliche Gefahr geraten!”

Im Umhergehen bemerkten wir einen dicken und hohen Baum, auf welchem wir, unserer Sicherheit wegen, die folgende Nacht zuzubringen beschlossen. Wir aßen wieder Früchte wie am vorigen Tage, und gegen Abend kletterten wir auf den Baum. Bald hörten wir nun die Schlange, die zischend bis an den Fuß des Baumes kam. Sie erhob sich am Stamm, und da sie meinen unter mir sitzenden Gefährten erreichte, so verschlang sie ihn auf einmal und entfernte sich sodann.

Ich blieb bis Tagesanbruch auf dem Baum, und steig sodann mehr tot als lebendig herab. Ich konnte in der Tat kein anderes Schicksal, als das meiner beiden Gefährten erwarten, und da mir dieser Gedanke Schaudern erregte, so machte ich einige Schritte, um mich ins Meer zu stürzen. Da es aber doch angenehm ist, so lange als möglich zu leben, so widerstand ich diesem Anfall von Verzweiflung und unterwarf mich dem Willen Gottes, der nach seinem Gutdünken über unser Leben schaltet.

Ich unterließ jedoch nicht, eine große Menge kleines Holz und trockenes Gestrüpp und Dorngebüsch zu sammeln. Ich machte daraus mehrere Bündel, aus welchen ich einen großen Kreis um den Baum bildete und einige überquer oben drüber band, um meinen Kopf zu decken. Hierauf sperrte ich mich beim Anbruch der Nacht in diesen Kreis, mit dem traurigen Trost, nichts zur Vermeidung des mich drohenden grausamen Schicksals vernachlässigt zu haben. Die Schlange unterließ nicht, wiederzukommen und den Baum zu umkreisen. Indem sie mich zu verschlingen suchte, was ihr jedoch wegen des von mir aufgebauten Walles nicht gelingen konnte, und sie gebärdete sich vergebens bis an den Morgen gleich einer Katze, welche eine Maus belagert, die sich in einem unüberwindlichen Zufluchtsort befindet. Endlich, bei Tagesanbruch, entfernte sie sich, aber ich wagte mich vor Sonnenaufgang nicht aus meiner Festung.

Ich war von der Arbeit, zu welcher mich die Schlange genötigt hatte, so ermüdet, und ich hatte von ihrem verpesteten Atem so gelitten, dass es mir schien, der Tod sei diesem Schrecken vorzuziehen, und ohne mich meiner Ergebung am vorhergegangenen Tage zu erinnern, lief ich ans Meer, um mich kopflings hinein zu stürzen.”

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