78. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
78. Nacht“Herr,” sagte sie, indem sie sich immer an den Sultan von Indien wandte, “Sindbad erzählte der ihm zuhörenden Gesellschaft die Abenteuer seiner zweiten Reise auf folgende Weise weiter: “Ich fing nun an,” sagte er, “die größten Diamanten, die sich meinen Augen darboten, aufzusammeln, und ich füllte damit den ledernen Sack1), der mir zur Aufbewahrung meines Mundvorrats gedient hatte. Ich nahm hierauf das Stück Fleisch, welches mir das längste schien, band es mit der Leinwand meines Turbans fest um meinen Leib, und legte mich nun in diesem Zustand auf den Bauch, nachdem ich den ledernen Beutel so fest an meinen Gürtel gebunden hatte, dass er nicht herabfallen konnte. Kaum war ich in dieser Lage, als die Adler kamen und jeder sich eines Stückes Fleisch bemächtigte, das er davon trug. Einer der stärksten, der mich eben so mit dem Stück Fleisch, welches ich mir angebunden hatte, emporhob, trug mich auf die Höhe des Berges bis in sein Nest. Die Kaufleute schrieen nun, um die Adler zu verscheuchen, und nachdem sie sie genötigt hatten, ihre Beute zu lassen, näherte sich mir einer, wurde aber von Furcht befallen, als er mich sah. Er fasste sich jedoch, und statt sich zu erkundigen, durch welches Abenteuer ich mich dort befand, fing er an, mit mir zu zanken, indem er mich fragte, warum ich ihn seines Gutes beraube. “Wenn ihr mich besser kennen gelernt habt,” sagte ich zu ihm, “so werdet ihr menschlicher mit mir sprechen. Tröstet euch,” fügte ich hinzu, “ich habe Diamanten für euch und mich, mehr, als alle die anderen Kaufleute zusammen haben können. Wenn sie welche haben, so haben sie sie nur durch Zufall. Ich aber habe im Talgrunde selbst diejenigen ausgewählt, die ich hier in diesem Beutel mitbringe.” Indem ich dieses sagte, zeigte ich ihm denselben. Ich hatte noch nicht aufgehört zu reden, als die anderen Kaufleute sich um mich her versammelten, sehr erstaunt, mich zu sehen. Ich vermehrte ihr Erstaunen durch die Erzählung meiner Geschichte. Sie bewunderten weit weniger die Erfindung meiner List, als die Dreistigkeit, sie auszuführen. Sie führten mich in ihre gemeinschaftliche Wohnung, und als ich dort meinen Beutel in ihrer Gegenwart öffnete, überraschte sie die Größe meiner Diamanten, und sie gestanden mir, dass sie an allen Höfen, wo sie gewesen wären, nicht einen einzigen ähnlichen gesehen hätten. Ich bat den Kaufmann, dem das Nest gehörte, in welches mich der Adler getragen hatte, (denn jeder Kaufmann hatte das seinige) ich bat ihn, sag’ ich, sich so viel Diamanten auszuwählen, als ihm beliebte. Er begnügte sich damit, einen einzigen, und noch dazu einen von den minder großen zu nehmen, und da ich in ihn drang, er möge mir doch vergönnen, ihm noch mehrere zu geben und nicht befürchten, mir dadurch Unrecht zu tun, erwiderte er mir: “Nein, ich bin mit diesem einen vollkommen zufrieden, denn er ist kostbar genug, um mir von nun an die Mühe zu ersparen, andere Reisen zur Begründung meines kleines Glückstandes zu machen.” Ich brachte die Nacht mit den Kaufleuten zu, denen ich meine Geschichte zum zweiten Mal erzählte, um denjenigen Genüge zu leisten, die sie noch nicht gehört hatten. Ich konnte meine Freude nicht mäßigen, wenn ich bedachte, dass ich den Gefahren, wovon ich euch erzählt habe, entgangen wäre. Der Zustand, in welchem ich mich befand, schien mir ein Traum zu sein, und ich konnte gar nicht glauben, dass ich nichts mehr zu befürchten hätte. Die Kaufleute hatten nun schon mehrere Tage lang Fleisch in das Tal geworfen, und da jeder mit den ihm zugefallenen Diamanten zufrieden war, reisten wir am andern Tag alle miteinander ab und gingen über hohe Berge, auf welchen es Schlangen von wundersamer Größe gab, denen wir glücklich entkamen. Wir erreichten den ersten Hafen, von wo wir nach der Insel Riha schifften, auf welcher der Baum wächst, woraus man den Kampfer erhält und der so dick und belaubt ist, dass sich in seinem Schatten hundert Menschen mit Bequemlichkeit aufhalten können. Der Saft, aus welchem sich der Kampfer bildet, fließt aus einer oben am Baum gemachten Öffnung und wird in einem Gefäß aufgefangen, in welchem er gerinnt und zu dem wird, was man Kampfer nennt. Wenn ihm der Saft auf diese Weise entzogen ist, so vertrocknet der Baum und stirbt ab. Auf derselben Insel gibt es Nashörner, Tiere, welche kleiner als der Elefant und größer als der Büffel sind, und auf der Nase ein Horn haben, das ungefähr eine Elle lang ist. Dieses Horn ist dicht und in der Mitte von einem Ende zum andern durchschnitten. Man sieht auf ihm weiße Züge, welche die Gestalt eines Menschen darstellen. Das Nashorn kämpft mit dem Elefanten, stößt ihm sein Horn in den Bauch, hebt ihn empor und trägt ihn auf seinem Kopf. Da ihm das Blut und das Fett über die Augen rinnen und es blind machen, so fällt es auf die Erde, und – was euch in Erstaunen setzen wird – der Roch kommt, packt beide mit seinen Klauen und fliegt mit ihnen davon, seine Jungen zu füttern. Ich übergehe mehrere andere Merkwürdigkeiten dieser Insel mit Stillschweigen, weil ich euch zu langweilen befürchte. Ich tauschte daselbst gute Handelswaren gegen einige Diamanten ein. Von dort schifften wir nach andern Inseln, und nachdem wir endlich mehrere Handelsstädte des festen Landes berührt hatten, landeten wir in Balsora, von wo ich mich nach Bagdad begab. Ich teilte dort bedeutende Almosen unter den Armen aus, und genoss auf eine ehrenvolle Weise den Überrest meiner großen Reichtümer, die ich mit so vielen Beschwerden erworben und hingebracht hatte.” So erzählte Sindbad seine zweite Reise. Er ließ dem Hindbad wieder hundert Zeckinen geben, und lud ihn auf den anderen Tag ein, um den Bericht von seiner dritten Reise zu hören. Die Gäste gingen nach Hause und kamen am folgenden Tag zu derselben Stunde wieder, ebenso wie der Lastträger, der sein vergangenes Elend schon vergessen hatte. Man setzte sich zu Tisch, und als die Mahlzeit zu Ende war, bat Sindbad um Gehör und erzählte auf folgende Art seine dritte Reise. Dritte Reise Sindbads des Seefahrers nach Selahath“Ich hatte bald in den Genüssen des Lebens, das ich führte, die Erinnerung an jene Gefahren verloren, denen ich auf meinen beiden Reisen ausgesetzt gewesen war. Aber, noch in der Blüte meiner Jahre, langweilte mich das ruhige Leben, und mich über die neuen Gefahren, denen ich Trotz bieten wollte, betäubend, reiste ich von Bagdad mit reichen Landeswaren ab, die ich nach Balsora bringen ließ. Dort schiffte ich mich wieder mit anderen Kaufleuten ein. Wir fuhren lange umher und landeten in mehreren Häfen, wo wir beträchtliche Handelsgeschäfte machten. Als wir eines Tages auf offenem Meer waren, wurden, wir von einem schrecklichen Sturm hin und her geworfen und verloren unseren Weg. Der Sturm hielt mehrere Tage an, und trieb uns vor den Hafen einer Insel, in welchem der Schiffshauptmann sehr gern nicht gelandet wäre, aber wir waren wohl gezwungen, dort vor Anker zu gehen. Als die Segel eingezogen waren, sagte uns der Hauptmann: “Diese Insel und einige andere benachbarte Inseln sind von ganz behaarten Wilden2) bewohnt, die uns bestürmen werden. Ob sie nun gleich Zwerge sind, so will doch unser Unglück, dass wir nicht den geringsten Widerstand leisten, denn sie kommen in größerer Anzahl als die Heuschrecken und wenn es uns begegnen sollte, einen zu töten, so würden sie sich alle über uns her werfen, und uns umbringen. 1) Die reisenden Orientalen bewahren ihren Vorrat in einem runden ledernen Sack, den sie auf der Erde ausbreiten und der ihnen als Tisch dient, wenn sie ihre Mahlzeit halten. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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