77. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
77. Nacht“Ich war sehr erstaunt, das Schiff nicht mehr vor Anker zu sehen. Ich stand auf, sah mich überall um und gewahrte keinen einzigen von den Kaufleuten, die mit mir ans Land gestiegen waren. Ich sah nur das Schiff in so weiter Ferne segeln, das ich es bald nachher aus dem Gesicht verlor. Ihr mögt euch die Betrachtungen denken, die ich in einem so traurigen Zustande anstellte. Ich meinte vor Schmerz zu vergehen, ich stieß ein schreckliches Geschrei aus, ich schlug mir vor die Brust und den Kopf und warf mich auf die Erde, wo ich lange Zeit in einer tödlichen Verwirrung trauriger Gedanken liegen blieb. Hundertmal warf ich mir vor, mich nicht mit meiner ersten Reise begnügt zu haben, die mir doch auf immer die Reiselust benommen haben sollte. Aber all’ mein Bedauern war unnütz und alle meine Reue unzeitig. Endlich ergab ich mich in den Willen Gottes, und ohne zu wissen, was aus mir werden würde, stieg ich auf einen hohen Baum, von welchem ich mich nach allen Seiten umsah, ob nichts zu entdecken wäre, was mir einige Hoffnung geben könnte. Indem ich die Augen auf das Meer warf, sah ich nur Wasser und Himmel. Da ich aber auf der Landseite etwas Weißes erblickte, stieg ich vom Baum herab und ging mit dem, was ich an Lebensmitteln übrig hatte, auf jenen Gegenstand zu, der so entfernt war, dass ich ihn nicht erkennen konnte. Als ich nun in die gehörige Nähe kam, bemerkte ich, dass es eine weiße Kugel von wundersamem Umfang war. So wie ich ihr ganz nahe kam, berührte ich sie und fand sie sehr sanft. Ich ging rund um sie herum, um zu sehen, ob sie keine Öffnung habe. Ich konnte keine entdecken und sie war so glatt, dass es mir unmöglich schien, hinauf zu steigen. Sie konnte wohl 50 Schritte im Umfang haben. Die Sonne war eben im Begriff, unterzugehen, da verfinsterte sich plötzlich der Himmel, als wenn er von einer dicken Wolke bedeckt würde. Wenn ich aber über diese Dunkelheit erstaunte, so erstaunte ich noch mehr, als ich sah, dass das, was sie verursachte, ein Vogel von außerordentlicher Größe war, der nach meiner Seite flog. Ich erinnerte mich eines Vogels, Roch genannt, von welchem ich die Matrosen oft hatte reden hören, und ich dachte mir, dass die große Kugel, die ich so bewundert hatte, ein Ei dieses Vogels sein müsste. In der Tat ließ er sich nieder und setzte sich darauf, um es auszubrüten. Als ich ihn kommen sah, drückte ich mich ganz nahe an das Ei, so dass ich einen der Füße des Vogels vor mir hatte, der so groß wie ein dicker Baumstamm war. Ich band mich daran fest mit der Leinwand, mit welcher mein Turban umwickelt war, in der Hoffnung, das der Roch, wenn er den folgenden Tag davon flöge, mich aus dieser wüsten Insel fort trüge. In der Tat flog, nachdem ich die Nacht in diesem Zustand zugebracht hatte, mit Tagesanbruch der Vogel davon, entführte mich so hoch, dass ich die Erde nicht mehr sah, und stürzte sich hierauf plötzlich mit solcher Schnelle herab, das ich die Besinnung verlor. Als der Roch sich niedergelassen hatte und ich mich auf der Erde sah, knüpfte ich schnell den Knoten auf, der mich an seinen Fuß befestigte. Kaum hatte ich mich losgemacht, so hieb er mit dem Schnabel nach einer Schlange von unerhörter Länge. Er packte sie und flog sogleich davon. Der Ort, an welchem er mich ließ, war ein sehr tiefes Tal, von allen Seiten mit so hohen und so steilen Bergen umgeben, dass sie sich in die Wolken verloren und es keinen Pfad gab, sie zu besteigen. Das war eine neue Verlegenheit für mich, und wenn ich diesen Ort mit der wüsten Insel verglich, die ich eben verlassen hatte, so fand ich bei dem Tausche keinen Gewinn. In diesem Tal umhergehend, bemerkte ich, dass es mit Diamanten von erstaunlicher Größe besät war. Ich ergötzte mich sehr, sie zu betrachten, aber bald sah ich in der Ferne Gegenstände, welche dieses Ergötzen sehr verringerten, und die ich nicht ohne Schrecken sehen konnte. Es war eine große Anzahl Schlangen von solcher Dicke und Länge, dass sich keine unter ihnen befand, die nicht einen Elefanten verschluckt hätte. Sie zogen sich den Tag über in ihre Höhlen zurück, wo sie sich vor dem Roch, ihrem Feinde, verbargen, und kamen des Nachts zum Vorschein. Ich brachte den Tag damit zu, im Tal umherzugehen und mich von Zeit zu Zeit an den bequemsten Stellen auszuruhen. Inzwischen ging die Sonne unter und bei Anbruch der Nacht ging ich in eine Höhle, in der ich sicher zu sein glaubte. Ich versperrte ihren engen und niedrigen Eingang mit einem Stein, der groß genug war, um mich vor den Schlangen zu sichern, der aber doch nicht so dicht schloss, um nicht einiges Licht einzulassen. Ich aß zum Abendbrot einen Teil meines Mundvorrats, bei dem Geräusch der Schlangen, welche nun zu erscheinen begannen. Ihr schreckliches Gezisch jagte mir eine ungeheure Furcht ein, und erlaubte mir nicht – wie ihr’s euch wohl denken könnt – die Nacht sehr ruhig zuzubringen. bei Anbruch des Tages entfernten sich die Schlangen. Ich trat nun zitternd aus meiner Höhle, und ich kann sagen, dass ich eine lange Zeit auf Diamanten ging, ohne die mindeste Lust dazu zu verspüren. Endlich setzte ich mich nieder, und trotz der Unruhe, die mich bewegte, da ich die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte, entschlief ich, nach nochmals von meinem Vorrat eingenommener Mahlzeit. Aber kaum war ich entschlummert, als etwas in meiner Nähe mit großem Geräusch niederfiel und mich erweckte. Es war ein großes Stück frisches Fleisch, und in demselben Augenblick sah ich mehrere andere an verschiedenen Orten von den Felsen herabrollen. Ich hatte immer für ein zur Lust ersonnenes Märchen gehalten, was ich von Matrosen und anderen Personen von dem Tal der Diamanten und von der Geschicklichkeit erzählen hörte, deren sich mehrere Kaufleute bedienten, um diese kostbaren Steine daher zu bekommen. Nun sah ich wohl, dass sie mir die Wahrheit gesagt hatten. In der Tat begeben sich diese Kaufleute in die Nähe dieses Tals, zu der Zeit, wenn die Adler Junge haben. Sie zerschneiden Fleisch in große Stücke, die sie dann in das Tal werfen und woran die Diamanten, auf deren Spitze die Stücke fallen, nun festkleben. Die Adler, welche in diesem Land stärker sind, als anderswo, stürzen sich auf die Stücke Fleisch und tragen sie durch die Luft auf die Höhe der Felsen in ihre dort befindlichen Nester, zum Futter für ihre Jungen. Hierauf nötigen die Kaufleute, die zu den Nestern laufen, durch ihr Geschrei die Adler sich zu entfernen, und nehmen die am Fleisch klebenden Diamanten. Sie bedienen sich dieser List, weil es kein anderes Mittel gibt, die Diamanten aus diesem Tal zu bekommen, da es ein Abgrund ist, in den man nicht hinabsteigen kann1). Ich hatte bis dahin geglaubt, dass es mir nicht möglich sein würde, aus diesem Abgrund herauszukommen, den ich wie mein Grab ansah: Nun aber änderte ich meine Meinung, und was ich eben gesehen hatte, gab mir Veranlassung, das Mittel zur Erhaltung meines Lebens zu ersinnen …” Der bei diesen Worten anbrechende Tag legte Scheherasade Stillschweigen auf, aber sie setzte in der folgenden Nacht diese Erzählung fort. 1) St. Epiphanius, in seiner Abhandlung über die zwölf Steine, welche das Brustbild des jüdischen Hohenpriesters zierten, erzählt ein ähnliches Märchen über die Art, wie man in Scythien die Hyazinthe sammelt. Man sehe auch Marco Polo und Benjamin von Tudela, welcher von 1160 bis 1173 reiste. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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