70. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
70. NachtGegen Ende der folgenden Nacht weckte Dinarsade, ungeduldig, den Erfolg von Sobeïdes Seefahrt zu erfahren, die Sultanin. “Meine liebe Schwester,” sagte sie zu ihr, “fahre, – ich bitte dich, – in der gestrigen Erzählung fort und sage uns, ob der junge Prinz und Sobeïde glücklich in Bagdad anlangten.” – “Ihr sollt es erfahren,” erwiderte Scheherasade; Sobeïde erzählte, sich immer an den Sultan wendend, folgendermaßen weiter: “Herr,” sagte sie, “der junge Prinz, meine Schwestern und ich, wir unterhielten uns täglich angenehm miteinander; aber ach! Unsere Einigkeit dauert nicht lange! Meine Schwestern wurden eifersüchtig über das Verständnis, welches sie zwischen dem jungen Prinzen und mir bemerkten und fragten mich eines Tages boshafterweise: Was wir mit ihm anfangen würden, wenn wir in Bagdad angelangt wären. Ich merkte wohl, dass sie diese Frage nur darum an mich richteten, um meine Gesinnungen zu entdecken. Ich antwortete ihnen deshalb, indem ich die Sache scherzhaft zu nehmen schien, dass ich ihn zu meinem Gatten nehmen würde und sagte zum Prinzen, mich zu ihm wendend: “Mein Prinz, ich bitte euch, einzuwilligen. Sobald wir in Bagdad sein werden, ist meine Absicht, euch meine Person anzubieten, um eure ergebenste Sklavin zu sein, euch Dienste zu leisten und euch als unumschränkten Herrn meines Willens anzuerkennen.” “Verehrte Frau,” erwiderte der Prinz, “ich weiß nicht, ob ihr scherzt; was aber mich betrifft, so erkläre ich euch sehr ernsthaft vor euren beiden Frauen Schwestern, dass ich von diesen Augenblick an aus gutem Herzen das Anerbieten annehme, welches ihr mir macht, nicht um euch als eine Sklavin, sondern als meine Dame und meine Herrin zu betrachten, und ich begebe mich jedes Anspruchs auf eine Herrschaft über eure Handlungen.” Meine Schwestern veränderten bei dieser Rede die Farbe und ich bemerkte seit dieser Zeit, dass sie nicht mehr dieselben Gesinnungen als sonst für mich hegten. Wir waren im persischen Meerbusen und näherten uns Balsora, wo ich, bei dem guten Winde, den wir hatten, am folgenden Tage anzulangen hoffte. Aber in der Nacht, während ich schlief, passten meine Schwestern ihre Zeit ab und warfen mich ins Meer; den Prinzen ertränkten sie auf gleiche Weise. Ich hielt mich einige Zeit über dem Wasser, und glücklicher, oder vielmehr wunderbarer Weise fand ich Grund. Ich ging auf etwas Schwarzes zu, das ich, so viel mir die Dunkelheit zu unterscheiden vergönnte, für Land hielt. In der Tat erreichte ich ein Ufer und der anbrechende Tag ließ mich erkennen, dass ich mich auf einer kleinen wüsten Insel, ungefähr zwanzig Meilen von Balsora befand. Ich hatte meine Kleider schnell an der Sonne getrocknet, und bemerkte im Gehen mehrere Arten von Früchten und auch süßes Wasser, was mir einige Hoffnung zur Erhaltung meines Lebens gab. Ich ruhte mich im Schatten aus, als ich eine sehr dicke und lange, geflügelte Schlange gewahrte, die sich rechts und links heftig hin und her bewegend und mit ausgestreckter Zunge auf mich zu kam, woraus ich schloss, dass irgend ein Übel sie bedrängte. Ich stand auf und hatte Mitleid mit ihr, als ich gewahrte, dass sie von einer noch dickeren Schlange verfolgte wurde, welche sie beim Schwanz hielt und sich anstrengte sie zu verschlingen. Statt zu fliehen hatte ich die Dreistigkeit und den Mut, einen zufällig neben mir liegenden Stein zu ergreifen. Ich warf ihn mit aller meiner Kraft gegen die dickere Schlange, traf sie an den Kopf und zerschmetterte diesen. Als die andere sich befreit sah, breitete sie ihre Flügel aus und flog davon; ich betrachtete sie lange in der Luft als etwas Außerordentliches; als ich sie aus dem Gesicht verloren hatte, setzte ich mich wieder an einen anderen Fleck in den Schatten und entschlief. Stellt euch vor, wie groß bei meinem Erwachen mein Erstaunen war, neben mir eine schwarze Frau mit lebhaften und angenehmen Zügen zu sehen, welche an einem Bande zwei Hündinnen von derselben Farbe hielt. Ich richtete mich auf und fragte, wer sie wäre. “Ich bin,” erwiderte sie, “die Schlange, welche ihr vor kurzem von ihrem gefährlichsten Feinde befreit habt. Ich habe geglaubt, den wichtigen Dienst, der mir von euch geleistet worden ist, nicht besser vergelten zu können, als wenn ich täte, was ich getan habe. Ich wusste um den Verrat eurer Schwestern, und habe, um euch zu rächen, sobald ich durch eure großmütige Hilfe frei war, mehrere meiner Genossinnen, welche gleich mir Feen sind, herbeigerufen; wir haben die ganze Ladung eures Schiffes in eure Vorratshäuser in Bagdad getragen, und es hierauf versenkt. Diese beiden schwarzen Hündinnen sind eure Schwestern, denen ich diese Gestalt gegeben habe. Diese Züchtigung ist aber nicht hinreichend und ihr müsst sie noch auf die Art, die ich euch sagen werde, behandeln.” Bei diesen Worten umfasste die Fee mich fest mit dem einen Arm und die beiden Hündinnen mit dem anderen und brachte uns so nach Bagdad, wo ich in meinem Vorratshaus alle die Reichtümer fand, mit welchen mein Schiff beladen gewesen war. Ehe sie mich verließ, übergab sie mir die beiden Hündinnen und sagte zu mir: “Bei der Strafe, gleich ihnen in eine Hündin verwandelt zu werden, befehle ich euch im Namen dessen, der die Meere bewegt, alle Nächte jeder eurer Schwestern hundert Peitschenhiebe zu geben, um sie wegen des Verbrechens zu bestrafen, welches sie an eurer Person und dem von ihnen ertränkten Prinzen begangen haben.” Ich war genötigt, ihr zu versprechen, dass ich ihren Befehl erfüllen würde. Seit jener Zeit hab’ ich sie jede Nacht mit Widerwillen auf eben diese Weise, von welcher Euer Majestät Zeuge gewesen ist, behandelt. Ich bezeuge ihnen durch meine Tränen, mit wie vielen Schmerzen und wie ungern ich mich einer so grausamen Verpflichtung entledige, und ihr seht wohl, dass ich hierin mehr zu beklagen, als zu tadeln bin. Wenn es noch etwas mich betreffendes gibt, wovon ihr unterrichtet zu sein wünscht, so wird euch meine Schwester Amine durch die Erzählung ihrer Geschichte darüber aufklären.” Nachdem der Kalif Sobeïde mit Verwunderung angehört hatte, ließ er durch den Großwesir die anmutige Amine um die Gefälligkeit ersuchen, ihm doch zu erklären, warum sie mit Narben bezeichnet wäre. “Aber, Herr,” sagte Scheherasade bei dieser Stelle, “es ist Tag und ich darf Euer Majestät nicht länger aufhalten.” Schachriar, überzeugt, das die Geschichte, welche Scheherasade zu erzählen hatte, die Entwicklung der vorhergegangenen enthalten würde, sagte zu sich selbst: “Ich muss mir das Vergnügen ganz gewähren.” Er stand auf, mit dem Entschluss, die Sultanin diesen Tag noch leben zu lassen. 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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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