68. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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68. Nacht

Dinarsade, welcher der Anfang von Sobeïdes Geschichte sehr gefallen hatte, unterließ nicht, die Sultanin vor Tagesanbruch zu wecken und sie zu bitten, ihr doch zu erzählen, was Sobeïde noch in jenem seltsamen Palast sah. “Höre,” erwiderte Scheherasade, “wie diese Frau in der Erzählung ihrer Geschichte fort fuhr:

“Herr,” sagte sie zum Kalifen, “aus dem Zimmer der versteinerten Königin ging ich in mehrere andere schöne und prächtige Zimmer und Kabinette, die mich in ein Gemach von außerordentlicher Größe führten, worin auf einigen Stufen ein Thron von massivem Golde stand, geschmückt mit großen eingefassten Smaragden, und auf dem Throne befand sich ein Bett, auf welchem eine Stickerei von Perlen glänzte. Was mich aber mehr als alles übrige in Erstaunen setzte, war ein glänzendes Licht, welches über dem Bette ausströmte. Neugierig, zu wissen, woher es käme, stieg ich hinauf und sah auf einem kleinen Sessel einen Diamanten in der Größe eines Straußeneies und von so schönem Wasser, dass ich auch nicht den geringsten Fehler an ihm bemerkte. Er glänzte so, dass ich seinen Glanz, wenn ich ihn im Tageslicht betrachtete, nicht auszuhalten vermochte.

Es befand sich am Kopfkissen auf jeder Seite ein großes angezündetes Licht, dessen Gebrauch ich nicht einsah. Dieser Umstand ließ mich jedoch vermuten, dass es noch irgend ein lebendes Wesen in diesem prächtigen Palast gäbe; denn ich konnte nicht glauben, das diese Lichter sich von selbst angezündet erhalten könnten. Mehrere andere Seltenheiten ließen mich in diesem Zimmer verweilen, welches der erwähnte Diamant allein unschätzbar machte.

Da alle Türen offen oder nur angelehnt waren, so ging ich noch durch andere Zimmer, die ich nicht minder schön fand als die bereits gesehenen. Ich ging bis an die Speise- und Geräte-Kammern, die mit unendlichen Reichtümern angefüllt waren, und ich beschäftigte mich so sehr mit allen diesen Wundern, dass ich mich selbst vergaß. Ich dachte weder an mein Schiff, noch an meine Schwestern, sondern bloß an die Befriedigung meiner Neugier. Inzwischen kam die Nacht heran, und da ihre Annäherung mir verkündete, dass es Zeit wäre, mich fort zu begeben, so wollte ich meinen Weg wieder durch die Höfe nehmen, durch welche ich gekommen war; aber es war mir nicht leicht, ihn wieder zu finden. Ich verirrte mich in den Gemächern, und als ich mich wieder in dem großen Thronzimmer mit dem Bett, dem großen Diamanten und den angezündeten Lichtern befand, beschloss ich, die Nacht daselbst zuzubringen, und die Rückkehr zu meinem Schiff bis an den anderen Morgen zu verschieben. Ich warf mich auf das Bett, nicht ohne einige Angst, mich in einem so öden Ort allein zu sehen, und es war ohne Zweifel diese Furcht, die mich am Schlafen hinderte.

Es mochte ungefähr Mitternacht sein, als ich eine Stimme, wie die eines Mannes hörte, der den Koran auf dieselbe Art und Weise und mit demselben Ton las, wie er in unsern Tempeln gelesen wird. Dies verursachte mir viel Freude; ich stand sogleich auf, nahm ein Licht, um mir zu leuchten, und ging auf der Seite, auf welcher ich die Stimme hörte, von Zimmer zu Zimmer. Ich blieb vor der Türe eines Kabinetts stehen, aus welchem sie unbezweifelt kam. Ich stellte das Licht auf die Erde, und als ich durch eine Spalte blickte, schien es mir ein Betzimmer zu sein. Es befanden sich darin in der Tat, wie in unseren Tempeln, eine Blende, welche bezeichnete, wohin man sich beim Gebet wenden sollte, aufgehangene und angezündete Lampen, und zwei Leuchter mit großen ebenfalls angezündeten Kerzen aus weißem Wachs.

Ich sah auch einen kleinen Teppich ausgebreitet, von der Form derer, die man bei uns auszubreiten pflegt, um sich darauf zu setzen und zu beten. Ein junger Mann von gutem Gesicht saß auf dem Teppich, und als mit großer Aufmerksamkeit laut im Koran, der vor ihm auf einem kleinen Pulte lag. Bei diesem Anblick forschte ich, von Bewunderung hingerissen, in meinem Geiste, wie es möglich wäre, dass er der einzige Lebende in einer Stadt sei, wo alle übrigen Menschen versteinert wären, und ich zweifelte nicht, dass darin etwas sehr Wunderbares läge.

Da die Türe nur angelehnt war, so öffnete ich sie. Ich trat ein, und vor der Blende stehen bleibend, sprach ich mit lauter Stimme folgendes Gebet: “Gelobt sei Gott, der uns durch glückliche Seefahrt begünstigt hat. Er zeige uns die Gnade, uns bis zur Heimkehr in unser Land ebenso zu beschützen! Höre mich, Herr, und erhöre mein Gebet.”

Der junge Mann sah mich an und sagte zu mir: “Meine Schöne, ich bitte euch, mir zu sagen, wer ihr seid, und was euch in diese verödete Stadt geführt hat. Zum Lohn dafür sollt ihr erfahren, wer ich bin, was mir begegnet ist, was welcher Ursach’ die Bewohner dieser Stadt in dem Zustande sind, in welchem ihr sie gesehen habt, und warum ich allein in einem so schrecklichen Unglück frisch und gesund bin.”

Ich erzählte ihm mit wenigen Worten, woher ich käme, was mich zu dieser Reise veranlasst hätte und wie ich nach zwanzigtägiger Schifffahrt glücklich angelangt wäre. Zuletzt bat ich ihn nun, seinerseits das mir gegebene Versprechen zu erfüllen und ich bezeugte ihm, wie sehr ich über die schreckliche Verödung erstaunt wäre, die ich überall auf meinem Wege bemerkt hätte.

“Meine Liebe,” sagte der junge Mann, “geduldet euch einen Augenblick.” Bei diesen Worten machte er den Koran zu, steckte ihn in ein kostbares Futteral und legte ihn in die Blende. Während dem hatte ich Zeit, ihn aufmerksam zu betrachten, und ich fand ihn so schön und so anmutig, dass ich Bewegungen fühlte, die ich früher noch nie gefühlt hatte. Er ließ mich neben sich setzen, und eh’ er zu reden begann, konnte ich mich nicht erwehren, ihm mit einer Miene, die ihm die Gesinnungen, welche er mir eingeflößt hatte, zu erkennen gab, zu sagen: “Liebenswürdiger Herr, teurer Gegenstand meiner Seele, man kann nicht mit größerer Ungeduld, als ich es tue, die Aufklärung über so viele erstaunliche Dinge erwarten, welche meine Blicke seit meinem ersten Schritt in diese Stadt geschaut haben, und meine Neugier kann nicht schnell genug befriedigt werden. Redet, ich beschwöre euch; erzählt mir, durch welches Wunder ihr allein unter einer solchen Menge an einem so unerhörten Tod verstorbener Personen noch am Leben seid.”

Hier unterbrach sich Scheherasade und sagte zu Schachriar: “Herr, Euer Majestät bemerkt vielleicht nicht, dass es Tag ist. Wenn ich fortführe zu erzählen, würd’ ich euere Geduld missbrauchen.” Der Sultan stand auf, entschlossen, in der nächsten Nacht die Folge dieser merkwürdigen Geschichte zu hören.

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