669. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
669. Nacht“Die Hälfte meiner Krone,” rief der König aus, “und ich würde ihn dadurch noch nicht hinlänglich belohnt finden. Er könnte sogar meine Tochter heiraten, wenn diese darein willigte, ihm ihre Hand zu geben.” “Aber,” fuhr die Prinzessin fort, “wenn Ihr diese teure Tochter säht, würdet Ihr sie denn wieder erkennen?” Zugleich nahm sie ihren Turban ab, und ihre schönen schwarzen Haare fielen in Locken auf ihre Schultern – der Monarch schloss sie in seine Arme und drückte sie zärtlich an seine Brust, indem er mit gebrochener Stimme ausrief: “Meine Tochter! Es ist meine teure Tochter, die ich umarme!” Die Königin, welche sich in einem kleinen Gemach mit Glasfenstern befand, aus welchem sie alles sah, was bei dem Fest vorging, konnte ihre Entzückung nicht mehr mäßigen. Sie stürzte heraus, mitten durch die Herren und auf ihren Gatten und ihre Tochter: Alle drei waren einige Augenblicke hindurch ihrer Sinne beraubt, aber ihre Freude wurde nach und nach ruhige, und sie überhäuften sich gegenseitig mit den zärtlichsten Liebkosungen. “Ihr erkennt also Eure Tochter?”, sagte die junge Prinzessin. “Ich habe sie neun Monate in meinem Schoße getragen,” antwortete die Königin, “ich habe sie gesäugt: bedurfte ich der Augen? Niemals irrt sich eine Mutter in ihrem Blut.” “Unsere ersten Entzückungen gehörten der Natur,” sagte die Prinzessin, “aber auch die Dankbarkeit hat Rechte an unser Herz. Hier ist mein Befreier.” Hierauf erzählte sie alle ihre Abenteuer, welche bald von Munde zu Munde gingen. Die Freude verbreitete sich im Palast und in der ganzen Stadt, und man stellte große Feste an, um dieses glückliche Ereignis zu feiern. Der König sagte zu seiner Tochter: “Dein Reisegefährte verdient Deine Erkenntlichkeit und eine seiner würdige Belohnung: Wenn ihr beide darein willigt, werde ich Euch also verbinden.” Das war es eben, was meine Gefährtin wünschte, denn sie hatte sich leidenschaftlich in mich verleibt. Urteilt, Herr, wie groß meine Verlegenheit war, als ich diesen Vorschlag hörte. Ich wusste nicht, welchen Entschluss ich fassen sollte. Sollte ich auf der Stelle abreisen oder mein Geschlecht entdecken? Das erste war gefährlich, das zweite konnte meine Tugend zweifelhaft erscheinen lassen. In dieser Ungewissheit verlangte ich einige Tage Bedenkzeit. Der König bewilligte mir neun. Aber schon am folgenden Tag sah ich den Kadi bei mir eintreten, der mir den Heiratsvertrag brachte. Die Prinzessin drängte so sehr, dass ich sogleich in die Moschee musste, woselbst die Trauung mit vielem Gepränge vor sich ging. Die Prinzessin erwartete mich mit Ungeduld, sie war auf dem Gipfel ihrer Wünsche. Was mich betraf, so wusste ich nicht, was aus mir werden sollte. Es fehlte viel daran, dass ich Teil an der öffentlichen Freude nahm. Man schrieb diese Traurigkeit meinem von Natur trübsinnigen Gemüt zu, welches sich bei dieser wichtigen Gelegenheit mehr als gewöhnlich zu erkennen gab. Nach dem herkömmlichen Gebrauch essen die beiden Eheleute an ihrem Hochzeitstag miteinander zu Abend, um Bekanntschaft zu machen. Aber da wir beide, die Prinzessin und ich, uns lange kannten, so wollten ihre Eltern mit uns essen. Nach der Mahlzeit führten sie uns in die Hochzeitskammer. Die Königin entfernte sich, die Sklaven folgten ihr, und wir blieben allein. Meine Frau hatte sich schon niedergelegt, und ich dachte noch nicht daran, mich zu entkleiden. Ich musste jedoch ihren Bitten nachgeben. Ich löschte alle Lichter aus, ehe ich meine letzten Kleidungsstücke ablegte, und ich behielt noch so viel an, als nötig war, um ich mein Geschlecht zu verbergen. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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