65. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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65. Nacht

Da die willfährige Dinarsade lange vor Tagesanbruch erwacht war, so rief sie die Sultanin, und sagte zu ihr: “Bedenke, meine Schwester, dass es Zeit ist, dem Sultan, unserm Herrn, die Folge dieser Geschichte zu erzählen, die du begonnen hast.” Scheherasade wandte sich nun an Schachriar mit den Worten: “Herr, Eure Majestät wisse, dass der Kalender seine Erzählung auf folgende Weise fortsetzte:”

“Edle Frau,” sagte er, “die Reden dieser schönen Prinzessinnen verursachten mir einen wahrhaften Schmerz. Ich unterließ nicht, ihnen zu erkennen zu geben, dass ihre Abwesenheit mir vielen Kummer verursachen würde, und ich dankte ihnen für ihre guten Ratschläge. Ich gab ihnen die Versicherung, dass ich sie benutzen und noch schwierigere Dinge tun würde, um mir das Glück zu verschaffen, den Rest meiner Tage mit Schönen von so seltenen Vorzügen zubringen zu können. Unser Abschied war der zärtlichste von der Welt, ich umarmte sie alle, eine nach der anderen.

Als sich diejenige nahte, die ich am meisten liebte, um Abschied zu nehmen, kämpfte ihr Herz den mächtigsten Kampf der Liebe.

“Ihren Augen entquollen Perlen, zu denen sich meine Tränen, gleich weißen Karneol, gesellten.
Auf ihren Busen rollten sie dahin, dort gleichsam ein Halsband bildend.”

Die Mädchen gingen fort und ich blieb allein im Schloss.

Die Annehmlichkeit der Gesellschaft, die gute Kost, die Konzerte, die Vergnügungen hatten mich das Jahr hindurch so beschäftigt, dass ich nicht die geringste Zeit noch Luft hatte, die Wunder zu sehen, die sich in diesem Zauberpalast befinden konnten. Ich hatte selbst auf tausend sehr merkwürdige Gegenstände nicht geachtet, die mir täglich vor den Augen waren; so sehr war ich von der Schönheit der Mädchen und von der Freude, sie bloß mit der Sorge, mir zu gefallen, beschäftigt zu sehen, bezaubert gewesen. Ich war über ihre Abreise innig betrübt, und obgleich ihre Abwesenheit nur vierzig Tage dauern sollte, so schien es mir doch, als sollt’ ich, ohne sie, ein Jahrhundert zubringen.

Ich versprach mir wohl, dass ich ihren wichtigen Rat, die goldene Tür nicht zu öffnen, nicht vergessen wollte; aber da es mir, dies ausgenommen, erlaubt war, meine Neugier zu befriedigen, so nahm ich den ersten der nach der Ordnung aufgereihten Schlüssel zu den anderen Türen.

Ich öffnete die erste Türe und trat in einen Fruchtgarten, dem, wie ich glaube, keiner in der ganzen Welt zu vergleichen ist. Ich bin der Meinung, dass selbst der, welchen unsere Religion uns nach dem Tode verspricht, ihn nicht übertreffen kann. Die Symmetrie, die Reinlichkeit, die bewundernswerte Anordnung der Bäume, der Überfluss und die Verschiedenheit von tausend Früchten unbekannter Art, ihre Frische, ihre Schönheit, alles entzückte meine Augen. Ich darf nicht vergessen, euch, verehrte Frau, zu bemerken, dass dieser köstliche Garten auf sehr seltsame Weise gewässert wurde; mit Kunst und Gleichmaß gegrabene Rinnen leiteten Wasser im Überfluss zu den Wurzeln der Bäume, die dessen bedurften, um ihre ersten Blätter und Blüten zu treiben, andre führten denen, deren Früchte schon angesetzt hatten, ein geringeres Maß zu, andere noch weniger denen, deren Früchte schon größer wurden, andere leiteten nur das Notwendige zu denen, deren Früchte schon die gehörige Größe erlangt hatten und nur die Reise erwarteten; aber diese Größe übertraf bei weitem die der gewöhnlichen Früchte unserer Gärten. Die andern Rinnen endlich, welche an die Bäume reichten, deren Frucht schon reif war, enthielten nur so viel Feuchtigkeit, als nötig war, sie, ohne dass sie verdarben, in demselben Zustand zu erhalten. Ich konnte nicht müde werden, einen so schönen Ort zu betrachten und zu bewundern, und ich hätte ihn niemals verlassen, wenn ich nicht von da an eine größere Meinung von den andern noch nicht gesehenen Dingen gefasst hätte. Ich ging aus dem Garten, ganz voll von seinen Wundern, verschloss die Türe und öffnete die folgende.

Statt des Fruchtgartens fand ich einen in seiner Art nicht minder seltsamen Blumengarten. Er enthielt ein geräumiges Stück Land, nicht mit derselben Verschwendung bewässert, als der vorige, sondern mit größerer Ersparnis, um jeder Blume nicht mehr Wasser zu spenden, als sie bedurfte. Die Rose, der Jasmin, das Veilchen, die Narzisse, die Hyazinthe, die Anemone, die Tulpe, die Ranunkel, die Nelke, die Lilie und eine Menge anderer Blumen, welche anderwärts nur zu verschiedenen Zeiten blühen, standen dort zugleich in der Blüte, und nichts war süßer, als die Luft, welche man in diesem Garten einatmete.

Ich eröffnete die dritte Türe, und fand ein sehr weitläufiges Vogelhaus. Es war mit dem feinsten, seltensten Marmor von mehreren Farben gepflastert. Der Käfig war von Sandel- und Aloeholz und umschloss eine große Menge von Nachtigallen, Distelfinken, Zeisigen, Lerchen und anderen noch gesangreicheren Vögeln, von denen ich in meinem Leben nichts gehört hatte. Die Gefäße, in welchen sich ihr Futter und ihr Wasser befand, waren vom kostbarsten Jaspis und Achat. Übrigens herrschte in diesem Vogelhaus die größte Reinlichkeit; seinem Umfange nach glaubte ich, dass nicht weniger, als hundert Personen nötig wären, um es so reinlich zu erhalten, als es war, und doch sah ich hier ebenso wenig irgend jemanden, als in den Gärten, in denen ich gewesen war, und in welchen nicht ein einziges Unkraut, noch irgend etwas überflüssiges meine Augen beleidigt hatte. Die Sonne war schon untergegangen, und ich ging fort, entzückt von dem Gesang dieser Menge Vögel, die sich den bequemsten Fleck zur Nachtruhe aussuchten. Ich begab mich in mein Gemach, entschlossen, an den folgenden Tagen die anderen Türen, die hunderste ausgenommen, zu öffnen.

Am folgenden Tage unterließ ich nicht, die vierte Türe zu öffnen. Wenn das, was ich am vorigen Tage gesehen hatte, fähig gewesen war, mich in Erstaunen zu setzen, so riss mich das, was ich nun sah, zum Entzücken hin. Ich trat in einen großen Hof, der mit einem Gebäude von wundersamer Bauart umgeben war, dessen nähere Beschreibung ich unterlasse, um nicht zu weitläufig zu werden. Dieses Gebäude hatte vierzig offene Türen, jede führte zu einem Schatz, und mehrere dieser Schätze waren mehr wert, als die größten Königreiche. Der erste enthielt ganze Haufen von Perlen und – was allen Glauben übersteigt – die kostbarsten, groß wie Taubeneier, überstiegen an Zahl die mittelmäßigen. Im zweiten Schatz befanden sich Diamanten, Karfunkel und Rubinen, im dritten Smaragden, im vierten Gold in Stangen, im fünften gemünztes Gold, im sechsten Silber in Stangen, in den beiden folgenden gemünztes Silber. Die andern enthielten Amethyste, Chrysolith, Topase, Opale, Türkise, Hyazinthe und andere Edelsteine, die wir kennen, ohne vom Achat, Jaspis und Karneol zu reden. Derselbe Schatz enthielt einen Vorrat nicht bloß von Korallenzweigen, sondern von Korallenbäumen.

Erfüllt von Erstaunen und Bewunderung, rief ich nach der Betrachtung aller dieser Reichtümer aus: “Nein, wenn die Schätze aller Könige des Weltalls an einem einzigen Ort zusammengehäuft wären, so würden sie diesen nicht gleichkommen. wie groß ist mein Glück, alle diese Güter mit so vielen liebenswürdigen Prinzessinnen zu besitzen!”

Ich werde mich nicht dabei aufhalten, verehrte Frau, euch eine ausführliche Beschreibung aller der seltenen und kostbaren Dinge zu machen, die ich an den folgenden Tagen sah. Ich begnüge mich, euch zu sagen, dass ich nicht weniger als 39 Tage brauchte, um die 99 Türen zu öffnen, und alles, was sich meinem Anblick darbot, zu bewundern. Es blieb nur noch die hundertste Tür übrig, deren Eröffnung mir verboten war …”

Der Tag, welcher das Zimmer des Sultans von Indien erhellte, legte hier Scheherasade Stillschweigen auf. Aber diese Erzählung ergötzte Schachriar zu sehr, als dass er nicht hätte wünschen sollen, in der folgenden Nacht den Erfolg zu hören. Mit diesem Entschluss stand er auf.

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