649. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
649. NachtAuf einmal kam das Oberhaupt der Verschnittenen, um die Ankunft des Sultans zu verkünden. Die schöne Sklavin stand auf, um seiner Majestät entgegenzugehen, warf sich vor dem Fürsten auf die Knie und blieb in dieser Stellung mit niedergeschlagenen Augen und einem Ausdruck voll Bescheidenheit. Der Sultan setzte sich und winkte ihr, an seiner Seite Platz zu nehmen. Nach einigen gleichgültigen Reden wollte er seine Rechte geltend machen. Nachdem die Sklavin es vergebens versucht hatte, sich den königlichen Liebkosungen zu entziehen, fing sie an, in Tränen zu zerfließen. Niemals hatte sich eine Sklavin so widerspenstig gezeigt. Wie war es möglich, sich über ein Abenteuer zu betrüben, welches die anderen Sklavinnen auf den Gipfel der Freude gehoben hätte! Der Fürst konnte sich keine Ursache eines so seltsamen Betragens denken, und bald unterbrach er seine Liebkosungen, bald fuhr er damit fort. Endlich warf sich die junge Schöne vor ihm auf die Knie und rief, indem sie die Hände nach ihm ausstreckte, schluchzend: “Herr, verschwört Euch nicht mit dem Schicksal, um eine vom Missgeschick verfolgte Unglückliche ganz niederzudrücken. Sollten mir, erniedrigt, wie ich es bin, meine Tränen nicht einige Rechte auf ein großmütiges Herz geben, und wolltet Ihr mich eines flüchtigen Genusses wegen mit ewiger Schmach bedecken?” Der Fürst schien anfangs von Mitleid bewegt; aber bei diesen letzten Worten runzelte er die Stirn. “Seit wann,” rief er aus, “haben die Gunstbezeigungen der Könige ihre Sklavinnen entehrt?” “Herr, seitdem sie Sklavinnen gekauft haben, die würdig sind, ihre Frauen zu werden,” erwiderte jene mit Stolz; und in demselben Augenblick ergoss sie einen Tränenstrom aus ihren Augen und überschwemmte die Haarlocken, die auf ihren Wangen wogten. “Steh auf,” sagte der Sultan zu ihr, indem er ihr die Hand reichte, “und erkläre Dich deutlicher. Junge Fremde, sage mir aufrichtig, wer Du bist, lass mich Deine Herkunft und Dein Geburtsland wissen.” “Herr, die Tatarei ist mein Vaterland, aber ich stamme von den Pharaonen, den Verfolgern der Juden.” “Wie,” rief der König von Indien aus, “Ihr stammt von den ältesten Beherrschern der Erde ab und seid eine Sklavin?” “Ihr werdet noch mehr erstaunen, wenn ich Euch sage, dass meine Verwandten noch auf mehreren Thronen Asiens sitzen; aber habt nur die Güte, mir Eure Aufmerksamkeit zu schenken, und Ihr sollt erfahren, welche Reihe von Ereignissen mich in den kläglichen Zustand versetzt hat, in welchem Ihr mich seht. Die aus Ägypten verjagten Pharaonen flohen nach Abessinien, woselbst sie ein neues, weniger mächtiges, aber dauerndes Reich als ihr erstes gründeten; denn meine Familie besitzt es schon viele Jahrhunderte lang. Mein Großvater hatte eine Tochter von der seltensten Schönheit, die er zärtlich liebte, und diese Prinzessin ist meine Mutter. Eine Menge von Monarchen begehrten sie zur Ehe, aber der Sultan der großen Tatarei hatten den Vorzug, denn er war der Freund meines Großvaters, und ein altes Bündnis verknüpfte unsere Familien. Meine Mutter weinte bitterlich, als sie die schönen Quellen des Nils und den Palast, in welchem sie geboren war, verlassen musste, um sich in die Wüsten der Tatarei zu begeben. Sie fand jedoch den Fürsten liebenswürdiger, als sie sich ihn vorgestellt hatte; und da sie eine zärtliche Neigung zu ihm fasste, so missfielen ihr seine Sitten nicht, weil sie die ihres Gatten waren. Der Himmel segnete ihre Verbindung; denn sie hatten eine große Anzahl von Kindern: Ich bin das jüngste und unglücklichste, und ich habe ihr mehr Kummer verursacht als die andern alle zusammengenommen. Sie seufzen über meine Abwesenheit, und vielleicht werden sie den Augenblick meiner Rückkehr verfluchen. Ihr allein werdet die Ursache davon sein.” “Das wolle Gott nicht,” rief der Sultan aus, “dass ich Euer Unglück missbrauche und euch zu beleidigen wage. Ich weiß, was ich Eurem Rang und besonders Eurem Unglück schuldig bin; und von diesem Augenblick an erkläre ich Euch, dass ich mir zum Lösegeld eine kleine Gefälligkeit von Euch erbitte: Erzählt mir, ich ersuche Euch darum, Eure Geschichte.” “Ihr legt mir da,” versetzte die Prinzessin, “etwas sehr Peinliches auf; aber was es mich auch koste, ich will mich bemühen, Euch Genüge zu leisten.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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