64. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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64. Nacht

Am andern Morgen sagte die Sultanin bei ihrem Erwachen zu Dinarsade: “Höre nun, auf welche Weise der dritte Kalender den Faden seiner wunderbaren Geschichte wieder aufnahm:”

“Ich hatte,” sagte er, “mich am folgenden Morgen kaum angekleidet, als die 39 anderen Schönen in mein Gemach kamen, alle anders geschmückt, als am vorhergegangenen Tage. Sie wünschten mir einen guten Morgen und erkundigten sich nach meinem Befinden. Hierauf führten sie mich ins Bad, wo sie mich selbst wuschen, mir wider meinen Willen alle dort nötigen Dienste leisteten, und mich nach dem heraus steigen ein noch prächtigeres Kleid, als das erste, anziehen ließen.

Wir brachten fast den ganzen Tag bei der Tafel zu, und als die Schlafstunde gekommen war, baten sie mich, wieder eine von ihnen zur Bettgesellschaft zu wählen.

Ich wählte hierauf ein sanftes Wesen mit zarten Hüften, wie ein Dichter sagt:

Ich erblickte an ihrem Busen zwei fest geschlossene Knospen, die der Liebende nicht anfassen darf; sie bewacht sie mit den Pfeilen ihrer Blicke, die sie dem entgegenschleudert, der Gewalt braucht.

Kurz, verehrte Frau, um euch nicht durch Wiederholung derselben Sache zu langweilen, will ich euch nur sagen, dass ich ein ganzes Jahr mit den vierzig Schönen zubrachte, und dass, während dieser ganzen Zeit, dies wollüstige Leben nicht durch den geringsten Verdruss unterbrochen wurde.

Am Ende des Jahres indes, (nichts konnte mich mehr in Erstaunen setzen) kamen die vierzig Mädchen eines Morgens, statt sich mir mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit zu zeigen und mich zu fragen, wie ich mich befände, in Tränen gebadet, in mein Gemach. Sie umarmten mich zärtlich, eine nach der andern, und sagten zu mir: “Lebt wohl, lieber Prinz, – lebt wohl, wir müssen euch verlassen.” Ihre Tränen rührten mich. Ich bat sie, mir die Ursache ihrer Betrübnis und dieser Trennung, von welcher sie sprächen, zu sagen. “Im Namen Gottes, meine Schönen,” fügte ich hinzu, “belehrt mich, ob es in meiner Macht steht, euch zu trösten, oder ob meine Hilfe nichts vermag.” Statt mir bestimmt zu antworten, sagten sie; “Wollte Gott, dass wir euch nie gesehen und gekannt hätten! Mehrere Ritter haben uns vor euch die Ehre erzeigt, uns zu besuchen; aber kein einziger hatte diese Liebenswürdigkeit, diese Sanftmut, diese Fröhlichkeit und diese Verdienste, die ihr besitzt. Wir wissen nicht, wie wir ohne euch leben sollen.” Als sie ausgeredet hatten, fingen sie wieder bitterlich zu weinen an. “Meine Liebenswürdigen,” erwiderte ich, “ich bitte euch, lasst mich nicht länger schmachten: Sagt mir die Ursache eures Schmerzes.” – “Ach,” entgegneten sie, “was wäre sonst wohl fähig, uns zu betrüben, als die Notwendigkeit, uns von euch zu trennen? Vielleicht werden wir uns niemals wieder sehen! Wenn ihr es jedoch wolltet, und dazu Gewalt über euch hättet; so wäre es nicht unmöglich, dass wir uns wieder vereinigten.” – “Meine Schönen,” versetzte ich, “ich begreife nichts von dem, was ihr sagt, und ich bitte euch, deutlicher mit mir zu sprechen.” – “Nun,” sagte die eine von ihnen, “um euch Genüge zu leisten, sagen wir euch, dass wir alle Prinzessinnen und Königstöchter sind. Wir leben hier zusammen so angenehm, wie ihr es gesehen habt, aber am Ende jedes Jahres sind wir verbunden, uns, zur Erfüllung unerlässlicher Pflichten, die wir nicht offenbaren dürfen, auf vierzig Tage zu entfernen, worauf wir wieder in dieses Schloss zurückkehren. Gestern endete das Jahr, und wir müssen euch heute verlassen, das ist die Ursache unserer Betrübnis. Ehe wir abreisen, werden wir euch alle Schlüssel übergeben, und besonders die zu den hundert Türen, hinter welchen ihr manches finden werdet, um eure Neugier zu befriedigen und eure Einsamkeit während unserer Abwesenheit zu versüßen. Aber zu eurem Wohl und unserem besonderen Vorteil empfehlen wir euch, dass ihr euch hütet, die goldene Tür zu öffnen. Öffnet ihr sie, so werden wir uns niemals wieder sehen, und diese Befürchtung vermehrt unsern Schmerz. Wir hoffen, dass ihr den Rat, den wir euch geben, benutzen werden. Es handelt sich um die Ruhe und das Glück eures Lebens, bedenkt das wohl. Wenn ihr eurer unbedachtsamen Neugier nachgebt, würdet ihr euch großen Schaden zufügen. Wir beschwören euch demnach, diesen Fehltritt nicht zu begehen, und uns den Trost zu gewähren, dass wir euch in vierzig Tagen hier wieder finden. Wir könnten wohl den Schlüssel zu der goldenen Türe mit uns nehmen; aber es hieße einen Prinzen, wie ihr seid, beleidigen, wenn man an seiner Behutsamkeit und Zurückhaltung zweifeln wollte.”

Scheherasade wollte fortfahren; aber sie sah den Tag anbrechen. Der Sultan, neugierig, zu wissen, was der Kalender nach der Abreise der vierzig Schönen allein im Schloss machen würde, verschob es bis auf den andern Tag, sich darüber aufzuklären.

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