62. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
62. NachtDinarsade erwachte in dieser Nacht nicht so früh als in der vorhergehenden; sie unterließ jedoch nicht, die Sultanin vor Tage zu rufen und sie zu bitten, dass sie mit der Geschichte des dritten Kalenders fortfahren möge. Scheherasade begann demnach zu erzählen, indem sie den Kalender weiter zu Sobeïde sprechen ließ: “Verehrte Frau, da nun einer der zehn einäugigen Herren so, wie ich euch berichtete, zu mir gesprochen hatte, hüllte ich mich, mit dem erhaltenen Messer versehen, in die Haut des Hammels, und nachdem sich die jungen Herren die Mühe gegeben hatten, mich einzunähen, so ließen sie mich auf dem Platz und gingen in den Saal. Der Roch, von welchem sie mir gesagt hatten, zögerte nicht, sich sehen zu lassen; er schoss auf mich herab, packte mich mit seinen Klauen wie einen Hammel, und trug mich auf die Höhe eines Berges. Als ich mich auf der Erde fühlte, unterließ ich nicht, mich des Messers zu bedienen; ich zerschlitzte die Haut, enthüllte mich und erschien vor dem Roch, der davonflog, sobald er mich erblickte. Dieser Roch ist ein weißer Vogel von einer ungeheuren Größe und Dicke. Was seine Stärke betrifft, so ist diese so groß, dass er Elefanten aus den Ebenen wegholt, und sie zum Futter für sich auf die Gipfel der Berge trägt. Bei meiner Ungeduld, in das Schloss zu gelangen, verlor ich keine Zeit und schritt so rüstig vorwärts, dass ich in weniger als in einem halben Tage dort anlangte, und ich kann sagen, dass ich es noch schöner fand, als es mir geschildert worden war. Die Türe war offen. Ich trat in einen viereckigen und so großen Hof, dass ich um mich her 99 Türen von Sandel- und Aloeholz und eine goldene erblickte, ohne die zu mehreren prächtigen Treppen zu rechnen, welche in die obern Gemächer führten, und noch andere, die ich nicht sah. Die erwähnten hundert Türen führten in Gärten, oder in, mit Reichtümern angefüllte Speicher, oder endlich an Orte, welche erstaunliche Dinge enthielten. Ich sah gerade vor mir eine offene Türe, durch welche ich in einen großen Saal trat, worin vierzig junge Mädchen von so vollkommener Schönheit saßen, dass selbst die Einbildungskraft sich nichts Schöneres vorzustellen vermag. Sie waren prächtig gekleidet und standen alle zusammen auf, als sie mich erblickten, und ohne meine Begrüßung abzuwarten, riefen sie mir mit großen Freudenbezeugungen zu: “Edler Herr, seid willkommen!”, und eine unter ihnen, welche das Wort für die andern nahm, sagte: “Seit langer Zeit erwarteten wir einen Ritter, wie ihr. Euer Aussehen zeigt uns hinlänglich, dass ihr alle guten Eigenschaften besitzt, die wir irgend wünschen können, und wir hoffen, dass ihr unsre Gesellschaft nicht unangenehm und eurer unwürdig finden werdet.” Nach vielem Widerstand von meiner Seite, wurde ich von ihnen gezwungen, mich an einen Platz zu setzen, der über die übrigen etwas erhaben war, und da ich zu erkennen gab, dass mir das unangenehm wäre, sagten sie zu mir: “Das ist euer Platz; ihr seid von diesem Augenblick an unser Herr und unser Richter, und wir sind eure Sklavinnen, bereit, eure Befehle zu empfangen.” Nichts auf der Welt, edle Frau, setzte mich so in Erstaunen, als die Geschäftigkeit, womit diese schönen Mädchen sich beeiferten, mir alle erdenklichen Dienste zu leisten. Die eine trug heißes Wasser herzu und wusch mir die Füße; eine andere goss mir ein wohlriechendes Wasser auf die Hände; jene brachten mir alles zu meiner Umkleidung Nötige; diese trugen mir einen prächtigen Imbiss auf; andere endlich kamen mit dem Glas in der Hand, um mir einen köstlichen Wein einzuschenken, und das alles geschah ohne Verwirrung, mit einer bewundernswerten Ordnung und Einigkeit und auf eine Art, die mich bezauberte. Ich aß und trank, worauf alle Mädchen, die sich rund um mich her gesetzt hatten, eine Erzählung meiner Reise von mir verlangten. Ich stattete ihnen einen Bericht von meinen Abenteuern ab, der bis zum Anbruch der Nacht währte.” Da Scheherasade hier inne hielt, fragte sie ihre Schwester um die Ursache. “Siehst du nicht, dass es Tag ist?” erwiderte die Sultanin, “warum hast du mich nicht eher geweckt?” Der Sultan, dem die Ankunft des Kalenders im Palast der vierzig schönen Mädchen angenehme Dinge versprach, wollte sich nicht des Vergnügens berauben, diese zu hören, und schob den Tod der Sultanin noch auf. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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