60. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
60. NachtDie Sultanin, von ihrer Schwester aufgefordert, zu berichten, was sich nach dem Tode des jungen Menschen begab, nahm das Wort und erzählte folgendermaßen weiter: “Edle Frau,” fuhr der dritte Kalender fort, indem er sich an Sobeïde wandte, “nach dem Unglück, welches mir eben widerfahren war, hätte ich mich ohne Schrecken dem Tode hingegeben, wenn er sich mir dargeboten hätte. Aber das Böse wie das Gute begegnet uns nicht immer, wenn wir es wünschen. Da ich nun bedachte, dass meine Tränen und mein Schmerz den jungen Menschen nicht wieder ins Leben zurück zu bringen vermöchten, und dass ich, da die vierzig Tage zu Ende gingen, von seinem Vater überrascht werden könnte, so verließ ich diesen unterirdischen Aufenthalt und stieg die Treppe hinauf. Ich ließ den großen Stein auf den Eingang nieder und bedeckte ihn mit Erde. Ich war kaum fertig, als ich, nach der Seite des Festlandes auf das Meer blickend, das Fahrzeug gewahrte, welches den jungen Menschen abzuholen kam. Indem ich mich nun mit mir beriet, was ich zu tun hätte, sagte ich zu mir selbst: “Wenn ich mich sehen lasse, lässt mich der Greis sicher durch seine Sklaven festnehmen und vielleicht niedermetzeln, wenn er seinen Sohn in dem Zustand sieht, in welchen ich ihn versetzt habe. Alles was ich anführen könnte, um mich zu rechtfertigen, wird ihn nicht von meiner Unschuld überzeugen. Es ist besser, da mir dazu das Mittel zu Gebote steht, mich seiner Rache zu entziehen, als mich ihr auszusetzen.” Es stand nahe bei dem unterirdischen Ort ein großer Baum, dessen dichtes Laub mir ganz geeignet schien, mich zu verbergen. Ich stieg hinauf, und ich hatte mich kaum so gesetzt, dass ich nicht gesehen werden konnte, als ich das Fahrzeug an derselben Stelle anhalten sah, wo es das erste Mal angehalten hatte. Der Greis und die Sklaven stiegen alsbald ans Land näherten sich der unterirdischen Wohnung, mit Mienen, welche zu erkennen gaben, dass sie einige Hoffnung hatten; als sie aber die frisch geschaufelte Erde sahen, veränderten sich ihre Gesichter, besonders das des Greises. Sie hoben den Stein auf, und stiegen hinab. Sie rufen den jungen Menschen bei seinem Namen, er antwortet nicht, ihre Furcht verdoppelt sich; sie suchen ihn, und finden ihn endlich auf sein Bett hingestreckt, das Messer mitten in seinem Herzen: denn ich hatte nicht den Mut gehabt, es herauszuziehen. Bei diesem Anblick schrieen sie vor Schmerz laut auf, welches den meinigen vermehrte; der Greis sank ohnmächtig nieder, seine Sklaven, um ihm Luft zu verschaffen, trugen ihn auf ihren Armen die Treppe hinauf, und legten ihn an den Fuß des Baumes, auf welchem ich saß, aber ihre Bemühungen ungeachtet blieb dieser unglückliche Vater lange in diesem Zustand und ließ sie mehr als einmal an seinem Leben verzweifeln. Er kam jedoch aus dieser langen Ohnmacht wieder zu sich. Hierauf brachten die Sklaven den Leichnam seines Sohnes herbei, mit seinen schönsten Kleidern angetan, und als das für ihn gemachte Grab fertig war, ließ man ihn hinab. Der Greis, von zwei Sklaven unterstützt, und mit einem in Tränen gebadeten Gesicht, warf zuerst ein wenig Erde auf ihn, worauf die Sklaven das Grab zufüllten. Als dies geschehen war, wurde alles Gerät aus der unterirdischen Wohnung geholt, und mit dem übrig gebliebenen Mundvorrat eingeschifft. Hierauf wurde der Greis, der sich, von Schmerzen niedergedrückt, nicht aufrecht erhalten konnte, auf eine Art von Tragbahre gelegt und in das Schiff gebracht, welches wieder unter Segel ging. Es entfernte sich in kurzer Zeit von der Insel, und ich verlor es aus dem Gesicht.” Der Tag, welcher schon das Zimmer des Sultans von Indien zu erhellen begann, nötigte Scheherasade, hier inne zu halten. Schachriar stand wie gewöhnlich auf, und verlängerte aus derselben Ursache, wie am vorigen Morgen, das Leben der Sultanin, welche er bei Dinarsade ließ. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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