589. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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589. Nacht

Es fügte sich, dass der Kadi am Tag ihrer Ankunft eben auf seinem Maulesel spazieren ritt und ihr auf dem Weg nach der Stadt begegnete. Ihre Schönheit und ihr Anstand fielen ihm auf, der Mund wässerte ihm, er strich seinen Schnauzbart, ritt auf sie zu und fragte sie, woher sie käme. Sie entgegnete: “Von hinter mir.” – “Das weiß ich wohl,” sagte der Kadi, “aber aus welcher Stadt?” – “Aus Mossul,” sagte das Mädchen. – “Bist Du ledig oder verheiratet?”, fuhr der Richter fort. – “Ledig.” – “Willst Du mich zum Mann nehmen?” – “Ich will Dir morgen eine Antwort geben,” sagte das Mädchen und ritt vorwärts nach Tripolis.

Am folgenden Morgen sandte das Mädchen von Mossul einen Boten an den Kadi, zeigte sich bereit, ihn zu heiraten, und forderte eine Mitgift von fünfzig Dinaren, welche er ihr trotz seinem Geiz sandte und sie in sein Haus holen ließ. Das Eheband war geknüpft, und am Abend rief der Kadi wie gewöhnlich seiner schwarzen Sklavin zu: Bringe das Tischtuch mit Fransen!” Die groben Brote und die Zwiebeln wurden aufgetragen, wovon jeder sein Anteil verzehrte; und als die Braut das ihrige mit anscheinendem Vergnügen gegessen hatte, rief sie aus: “Allah lohne Dir dieses köstliche Mahl!” Als der Kadi dies hörte, freute er sich höchlich und sagte: “Allah sei gepriesen, der mir endlich eine Frau beschert hat, die vorlieb nimmt und zufrieden ist!” Aber er wusste nicht, was Allah durch die sinnreiche List seiner jungen Frau bereitet hatte.

Am folgenden Morgen begab sich der Kadi in seinen Gerichtshof, und seine Frau besichtigte alle Zimmer des Hauses. Endlich kam sie zu einem, welches verschlossen und stark mit Eisen verriegelt und versperrt war. Es befand sich jedoch unten in der Türe eine Spalte von der Breite eines Daumens und Fingers, durch welche sie sah und viele Vasen voll gemünzten Goldes und Silbers erblickte. Sie holte sich nun eine lange Rute, an deren Spitze sie ein Klümpchen Teig klebte, sie dann durch die Spalte steckte und damit die Goldstücke erreichte. Durch Hin- und Herwenden der Rute blieben endlich zwei Goldstücke daran kleben, welche sie nun durch die Spalte zog. Sie ging darauf in ihr Zimmer zurück, rief die schwarze Sklavin, gab ihr das Geld und schickte sie auf den Markt mit dem Auftrag, gekochtes Fleisch mit Butter, frisches Brot und schöne Früchte zu kaufen und schnell damit wieder da zu sein. Die schwarze Sklavin nahm das Geld und kam bald mit dem Eingekauften zurück, worauf ihre Gebieterin sie nieder sitzen und an dem guten Mahl teilnehmen ließ. Als sie satt waren, brachte die Sklavin Gießkanne und Becken, und beide wuschen sich, worauf die Sklavin ihrer Gebieterin die Hände küsste und sagte: “Möge Dir es Allah belohnen! Denn Du hast mich mit einem guten Mahl bewirtet, das ich nicht genossen habe, seit ich diesem filzigen Kadi diene.” Die Frau sagte: “Gehorche nur meinen Befehlen, und Du sollst täglich ebenso gut speisen.” Die Sklavin versprach Gehorsam und Treue und betete zu Allah, ihr eine so gute Gebieterin zu erhalten.

Als der Kadi mittags nach Hause kam, rief er wie gewöhnlich nach dem Tischtuch mit Fransen. Als es aufgebreitet war, trug seine Frau die Überbleibsel von dem Eingekauften auf, und er ließ sich’s wohl schmecken, fragte jedoch, woher die Speisen wären. Die Frau antwortete: “Ich habe in dieser Stadt viele Verwandte, und eine davon, die meine Herkunft erfahren, hat mir eine Mahlzeit geschickt, und ich sagte zu mir selbst: “Wenn mein Herr, der Kadi, nach Hause kommen wird, will ich ihn bewirten.” Der Kadi bedankte sich. Sie zog am folgenden Tag mit Hilfe ihrer Rute wieder drei Dinare aus dem Zimmer und bereitete eine Mahlzeit, zu welcher sie einige Nachbarinnen einlud, die sich mit ihr erlustigten, bis ihr Mann aus dem Gerichtshof nach Hause kam.

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