580. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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580. Nacht

Einige Jahre nachher unternahm mein Vater eine Wallfahrt nach Mekka und übertrug dem Wesir wieder die Regierung des Reichs. Als der Sultan zehn Tage fort war, sandte der Wesir, der noch immer die Erfüllung seiner Wünsche hoffte, aufs neue eine Dienerin ab, welche, als meine Mutter sie vorgelassen hatte, sagte: “Habe doch um des Himmels willen Mitleid mit meinem Herrn; denn sein Herz ist von Liebe verzehrt, seine Sinne sind zerstört, und sein Leib schwindet dahin. Beherzige seine traurige Lage und richte ihn durch das Lächeln der Herablassung wieder auf.”

Als meine Mutter diese unverhoffte Botschaft angehört hatte, befahl sie in ihrer Wut, die unglückliche Botin zu ergreifen, sie zu erdrosseln und dann ihren Leichnam im äußersten Hof des Palastes öffentlich zur Schau auszustellen, ohne jedoch die Ursache ihres Unwillens bekannt zu machen. Ihre Befehle wurden vollzogen. Als die Staatsbeamten und andere die Leiche sahen, benachrichtigen sie den Wesir von dem gesehenen, der, entschlossen, sich zu rächen, ihnen befahl, für jetzt zu schweigen, weil er erst nach der Heimkehr des Sultans bekannt machen wollte, weshalb die Sultanin seine Dienerin, wie sie bezeugen könnten, hätte töten lassen.

Als nun die Zeit herannahte, dass der Sultan von Mekka heimkehren sollte, und der verräterische Wesir ihn auf der Heimreise vermutete, schrieb er ihm folgenden Brief:

“Nachdem ich dem Himmel für Deine glückliche Rückkehr Dank gesagt, melde ich Dir, dass während Deiner Abwesenheit die Sultanin fünf Mal zu mir gesendet und Unziemliches von mir verlangt hat, was ich nicht zu tun vermochte, und dass ich ihr antwortete, ich könnte, wie sie auch meinen Herrn und Herrscher betrügen und beleidigen wollte, ihren Wünschen kein Gehör geben, da er mich zum Wächter seiner Ehre und seines Reiches eingesetzt hätte. Mehr zu sagen ist überflüssig!”

Der Überbringer dieses Schreibens erreichte das Lager des Sultans, als es noch acht Tagesreisen von der Stadt entfernt war. Als mein Vater den Brief erhielt und las, erblasste er, seine Augen rollten zornig umher, er befahl, sogleich die Zelte abzubrechen, und beschleunigte seine Reise, bis er noch zwei Tagesreisen von seiner Hauptstadt entfernt war. Dann machte er Halt und sandte zwei vertraute Diener mit dem Befehl ab, unsere unschuldige und unglückliche Mutter mit uns drei Schwestern eine Tagesreise weit von der Stadt zu führen und uns dann zu töten. Wir wurden demnach aus dem Harem gerissen und aufs Land geschleppt. Als wir aber an dem zu unserer Hinrichtung bestimmten Ort angelangt waren, wurden die Herzen der damit beauftragten Diener zum Mitleid bewegt; denn unsere Mutter hatte diesen Männern und ihren Familien viel Gutes getan. Einer sagte zu dem andern: “Himmel, wir können sie nicht ermorden!”, und sie erzählten uns, was der Wesir an unsern Vater geschrieben hatte, worauf die Sultanin ausrief: “Gott weiß, dass ich höchst fälschlich angeklagt bin!” und erzählte ihnen dann treulichst alles, was sie getan hatte.

Die Männer wurden über das Unglück zu Tränen gerührt und sagten: “Wir sind überzeugt, dass Du wahrhaft gesprochen hast.” Sie fingen hierauf einige Antilopenkälber, töten sie, und nachdem sie jeder von uns ein Unterkleid ausgezogen hatten, tauchten sie es in das Blut der Tiere und kochten ihr Fleisch zur Stillung unseres Hungers. Unsere Erhalter sagten uns nun Lebewohl, indem sie hinzufügten: “Wir vertrauen Euch dem Schutz des Allmächtigen an, der diejenigen nie verlässt, die ihm vertrauen.” Hierauf verließen sie uns. Wir wanderten zehn Tage lang in der Wüste, indem wir von Früchten lebten, die wir eben fanden, ohne eine Spur von Bevölkerung anzutreffen, bis wir endlich glücklicherweise einen grünen Fleck erreichten, der eine Menge Arten von trefflichen Früchten und Kräutern enthielt. Es befand sich daselbst auch eine Höhle, in welcher wir ein Obdach zu suchen beschlossen, bis eine Karawane vorbei käme. Am vierten Tag lagerte sich wirklich eine in der Nähe unseres Zufluchtsortes. Wir kamen nicht zum Vorschein. Als aber die Karawane sich wieder auf den Weg machte, folgten wir ihrem Zug in einiger Entfernung und erreichten nach mehreren sehr beschwerlichen Resietagen diese Stadt, wo wir uns eine Wohnung mieteten und dem allmächtigen Beschützer unschuldiger Verlassener für unsere wunderbare Errettung aus den Gefahren des Todes und der Wüste dankten.

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