57. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


57. Nacht als PDF downloaden


57. Nacht

“Ich möchte wohl,” sagte Schachriar gegen Ende der Nacht, “die Geschichte des dritten Kalenders hören.” – “Herr,” erwiderte Scheherasade, “ich gehorche eurem Befehl. Der dritte Kalender,” fügte sie hinzu, “als er nun sah, dass die Reihe zu reden an ihn käme, wandte sich, gleich den andern, an Sobeïde und begann seine Erzählung auf folgende Weise:

Geschichte des dritten Kalenders, eins Königssohns

“Hochgeschätzte Frau, was ich euch zu erzählen habe, ist sehr verschieden von dem, was ihr eben gehört habt. Die beiden Prinzen, welche vor mir sprachen, haben jeder ein Auge durch eine Wirkung ihres Geschicks verloren, ich aber verlor das meinige nur durch meine Schuld, nur, indem ich mich in mein eigenes Unglück stürzte, wie ihr es aus der Folge meiner Rede erfahren werdet.”

“Ich heiße Agib1) und bin der Sohn eines Königs, der sich Kassib nannte. Nach seinem Tode nahm ich meine Staaten in Besitz und wählte dieselbe Stadt, in welcher er gewohnt hatte, auch zu meinem Wohnort. Diese Stadt liegt am Ufer des Meeres; sie hat einen der schönsten und sichersten Häfen mit einem Arsenal, welches groß genug ist, um das Nötige zur Bewaffnung von hundert Kriegsschiffen zu enthalten, die immer bereit sind, wenn’s Not tut, Dienste zu leisten; um fünfzig Kauffahrteischiffe auszurüsten und eben so viele kleine, leichte, zu Spazierfahrten und Vergnügungen auf dem Wasser bestimmte Fahrzeuge. Mein Königreich bestand aus mehreren schönen Provinzen des festen Landes und einer großen Anzahl beträchtlicher Inseln, die fast alle im Angesicht meiner Hauptstadt lagen.

Ich besuchte zuerst die Provinzen; ließ hierauf meine ganze Flotte bewaffnen und ausrüsten und landete auf meinen Inseln, um mir durch meine Gegenwart die Herzen meiner Untertanen zu gewinnen und sie in ihrer Pflicht zu bestärken. Einige Zeit, nachdem ich wieder heimgekommen war, wiederholte ich jene Reisen, die mir einige Kenntnis von der Schifffahrt verschafften und mir einen solchen Geschmack daran einflößten, dass ich beschloss, jenseits meiner Inseln Entdeckungen zu machen. Zu diesem Zweck ließ ich nur zehn Schiffe ausrüsten. Ich schiffte mich ein und wir gingen unter Segel. Vierzig Tage hindurch war unsere Schifffahrt glücklich; aber in der 41. Nacht wurde der Wind ungünstig und selbst zu einem so heftigen Sturm, dass wir nahe daran waren, zu Grunde zu gehen. Doch nichtsdestoweniger legte sich bei Tagesanbruch der Wind, die Wolken zerstreuten sich und da die Sonne wieder schönes Wetter herbeigeführt hatte, so landeten wir an einer Insel, auf welcher wir zwei Tage verweilten, um Erfrischungen einzunehmen. Als dies geschehen war, gingen wir wieder in See. Nach zehntägiger Fahrt hofften wir Land zu sehen, denn durch den Sturm, den wir erlitten hatten, war ich von meinem Vorsatz abgekommen und hatte den Weg nach meinen Staaten nehmen lassen, als ich bemerkte, dass mein Steuermann nicht wusste, wo wir waren. Wirklich berichtete am zehnten Tage ein Matrose, der den Befehl hatte, sich auf der Höhe des großen Mastes umzuschauen, dass er rechts und links nur Meer und Himmel gesehen, die den Horizont begrenzten, aber dass er vor sich, auf der Seite unseres Vorderteils, eine große Schwärze bemerkt hätte.

Der Steuermann veränderte bei diesem Bericht seine Farbe, warf mit der einen Hand den Turban auf das Verdeck und rief, indem er sich mit der andern ins Gesicht schlug, aus: “Ach, mein König, wir sind verloren! Keiner von uns vermag der Gefahr zu entrinnen, in welcher wir uns befinden, und mit aller meiner Erfahrung steht es nicht in meiner Macht, uns davor zu bewahren.” Indem er diese Worte sagte, fing er an zu weinen, wie ein Mensch, der seinen Untergang für unvermeidlich hält, und seine Verzweiflung verbreitete Schrecken durch das ganze Schiff. Ich fragte ihn, welchen Grund er habe so zu verzweifeln. “Ach Herr!” erwiderte er mir, “der Sturm, der wir erlitten haben, hat uns so von unserem Wege abgebracht, dass wir uns morgen Mittag bei jener Schwärze befinden werden, die nichts anders ist, als der schwarze Berg; und das ist der Magnetberg, welcher von jetzt an eure ganze Flotte an sich zeiht, wegen der Nägel und alles zum Bau der Schiffe gehörigen Eisenwerks. Wenn wir uns morgen in einer gewissen Entfernung befinden werden, wird die Kraft des Magnets so groß sein, dass sich alle Nägel losmachen und sich an den Berg heften und eure Schiffe auseinander fallen und untergehen werden. Da der Magnet die Kraft besitzt, das Eisen an sich zu ziehen und sich durch diese Anziehung zu stärken, so ist dieser Berg auf der Seeseite mit einer Unzahl von Nägeln durch ihn untergegangener Schiffe bedeckt, was diese Kraft zu gleicher Zeit erhält und mehrt. Dieser Berg,” sagte der Steuermann, “ist sehr steil und auf dem Gipfel steht ein Dom von feinem Erz, von eben solchen Säulen gestützt; oben auf dem Dom sieht man ein Ross, auch von Erz, welches einen Reiter trägt, dessen Brust von einer bleiernen Platte bedeckt ist, auf welcher talismanische Zeichen eingegraben sind, und dass es nicht aufhören wird Unheil bringend für alle diejenigen zu sein, die das Unglück haben sich ihm zu nahen, bis es umgestürzt werden wird.”

Als der Steuermann so gesprochen hatte, fing er wieder an zu weinen, und seine Tränen erregten die der ganzen Mannschaft. Ich selbst zweifelte nicht, dass ich dem Ende meiner Tage ganz nahe wäre. Keiner unterließ jedoch an seine Erhaltung zu denken und deshalb alle möglichen Maßregeln zu ergreifen, und bei der Ungewissheit des Unfalls machten sich alle gegenseitig zu Erben durch Testament zu Gunsten derer, die sich retten würden.

Am andern Morgen sahen wir den schwarzen Berg offen vor uns liegen, und das, was wir davon gehört hatten, ließ ihn uns viel schrecklicher finden, als er wirklich war. Gegen Mittag kamen wir ihm so nahe, dass uns widerfuhr, was der Steuermann uns prophezeit hatte. Wir sahen die Nägel und alles Eisenwerk der Flotte dem Berge zufliegen, an welchen sie sich, durch die Heftigkeit der Anziehungskraft, mit fürchterlichem Lärm festhefteten. Die Schiffe zerfielen und sanken ins Meer, welches an diesem Orte so tief war, dass wir keine Tiefe mit dem Senkblei nicht würden haben ermessen können. Alle meine Leute ertranken; aber Gott hatte Mitleid mit mir und vergönnte mir, mich zu retten, indem ich mich eines Brettes bemächtigte, welches vom Winde gerade an den Fuß des Berges getrieben wurde. Ich tat mir nicht den geringsten Schaden, da mein Glücksstern mich an den Gipfel zu steigen.”

Scheherasade wollte in dieser Erzählung fortfahren, aber der anbrechende Tag legte ihr Stillschweigen auf. Der Sultan schloss wohl aus diesem Anfang, dass die Sultanin ihn nicht betrogen hätte. Es ist deshalb nicht zu verwundern, dass er sie diesen Tag noch nicht sterben ließ.


1) Der Wohlgefällige. ­

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.

Tags: ,

Geschrieben in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI |