569. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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569. Nacht

Der Jüngling gehorchte seinem Befehl, aber er war kaum an Ort und Stelle, als ihn eine Menge von Neugierigen umgab, die über seinen Anblick staunten. Der Bereicht von der so wunderbaren Erscheinung eines halben Mannes verbreitete sich alsbald durch die Stadt und gelangte bis in den Palast des Sultans, der nach dem vermeintlichen Ungeheuer schickte.

Der junge Mann wurde in den Palast geführt, wo der ganze Hof ihn anstaunte. Hierauf führte man ihn in den Harem, um die Neugier der Frauen zu befriedigen. hier sah er nun die Prinzessin und wurde durch den Glanz ihrer Reize so entzückt, dass er zu sich selbst sagte: “Wenn ich sie nicht heiraten kann, so will ich mich töten.”

Als der junge Mann aus dem Palast entlassen war, begab er sich nach hause, das Herz voll Liebe für die Tochter des Sultans. Da fragte ihn der Weise, ob er die Prinzessin gesehen hätte. “Das hab’ ich,” versetzte der Jüngling, “aber ein Blick ist nicht hinreichend, und ich habe keine ruhe, bis ich neben ihr sitzen und meine Augen an ihr weiden kann, bis sie des Schauens müde sind.” – “Ach, mein Sohn,” rief der Greis aus, “ich fürchte für den Frieden Deines Herzens. Wir sind fromme Männer und sollten Versuchungen scheuen. Auch schickt es sich nicht für uns, mit dem Sultan zu verkehren.” Hierauf entgegnete der junge Mann: “Mein Vater, wenn ich nicht neben ihr sitzen und ihren Hals mit meinen Händen berühren kann, so bringe ich mich ums Leben.”

Der Weise, über diese Worte bestürzt und für die Ruhe seines Schülers besorgt, sagte zu sich selbst: “Ich will wo möglich diesen jungen Mann bewahren, und vielleicht wird Allah seine Wünsche gewähren.” Hierauf bestrich er seine beiden Augen mit einem wunderbaren Wasser, welches die Wirkung hatte, ihn unsichtbar zu machen. Dann sagte er zu ihm: “Geh, mein Sohn, befriedige Deine Wünsche; kehre aber zurück und bleib nicht lange von Deiner Pflicht entfernt.”

Der junge Mann eilte nach dem königlichen Palast und ging unbemerkt hinein nach dem Harem, woselbst er sich neben der Tochter des Sultans setzte. Eine Zeitlang begnügte er sich damit, ihre Schönheit anzustaunen; aber endlich berührte er ihren Hals leise mit seiner Hand. sobald die Prinzessin diese Berührung fühlte, schrie sie laut auf: “Ich suche Hilfe bei Allah vor Satan, dem Verfluchten!” Ihre Mutter und die gegenwärtigen Frauen, die über ihr Aufschreien heftig erschraken, fragten begierig nach der Ursache, worauf sie entgegnete: “Iblis oder irgend ein andrer böser Geist hat mich diesen Augenblick am Hals berührt.”

Die darüber sehr bestürzte Mutter schickte nach ihrer Amme, die da meinte, als sie das Vorgefallene vernommen, dass zur Vertreibung böser Geister kein Mittel besser und entschiedener Hilfe als der Rauch von angezündetem Kamelmist, wovon sogleich ein Häufchen herbeigebracht und angezündet wurde. Der Rauch davon füllte das ganze Zimmer und griff die Augen des jungen Mannes dergestalt an, dass sie ihm voll Wasser traten: Worauf er sie gedankenlos mit seinem Schnupftuch trocknete und so den Zaubersaft mit abwischte.

Kaum war dies geschehen, als der junge Mann sichtbar wurde und die Prinzessin, ihre Mutter und die Frauen alle auf einmal ein Geschrei des Erstaunens und der Bestürzung ausstießen, worauf die Verschnittenen herbeikamen. Als sie den jungen Mann gewahr wurden, umgaben sie ihn, schlugen ihn unbarmherzig und schleppten ihn vor den Sultan, dem sie anzeigten, dass sie ihn im Harem gefunden hätten. Der erzürnte Sultan schickte nach dem Scharfrichter und befahl ihm, den Schuldigen zu ergreifen, ihm ein schwarzes, mit Flammen besätes Gewand anzuziehen, ihn auf ein Kamel zu setzen, zur Schau durch die Stadt zu führen und ihn dann hinzurichten.

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