559. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


559. Nacht als PDF downloaden


559. Nacht

Ich eilte nach Hause, um meinen Freund zu benachrichtigen, der mir befahl, nächstens, wenn ich allein mit ihr sein würde, ein Armband, welches sie um den rechten Arm trüge, von ihr zu verlangen und es ihm zu bringen, worauf ich dann die Ehe mit ihr vollziehen könnte. Ich erwiderte: “Dein Wille ist mir Gesetz!”, und ich sagte am nächsten Abend, als ich in das Zimmer meiner Frau trat: “Wenn Du wünschest, dass wir recht glücklich zusammen leben sollen, so gibt mir Dein rechtes Armband.” Sie tat es augenblicklich. Ich brachte es dem jungen Mann und schlief, in den Palast zurückgekehrt, wie ich voraussetzte, bis zum andern Morgen bei der Prinzessin.

Denk Dir aber mein Erstaunen, als ich mich beim Erwachen in meiner ersten schlechten Wohnung fand, meiner reichen Kleider beraubt und in meinen vormaligen schlechten Anzug, nämlich eine alte Decke, ein Paar zerrissene Hosen und einen gleich einem Sieb durchlöcherten Turban, auf der Erde erblickend. Als ich wieder etwas zu mir selber gekommen war, zog ich die Lumpen an und ging in schwermütiger Stimmung aus, indem ich mein verlorenes Glück beweinte und nicht wusste, wie ich es wiedererlangen sollte.

Als ich in die Nähe des Palastes kam, sah ich auf der Straße einen Zauberer sitzen, der einige beschriebene Zettel vor sich liegen hatte und den Umstehenden ihr Los warf. Ich trat zu ihm, grüßte ihn, was er freundlich erwiderte, und nachdem er mich aufmerksam betrachtet hatte, rief er: “Was! Hat der verruchte Elende Dich betrogen und Dich von Deinem Weib gerissen?” Ich erwiderte mit Ja. Hierauf verlangte er, ich sollte ein wenig warten, und ließ mich neben sich sitzen. Als sich die Neugierigen entfernt hatten, sagte er zu mir: “Freund, der Affe, den Du für zehn Silberstücke gekauft hast, und der bald nachher in einen jungen Mann verwandelt worden, gehört nicht zum Menschengeschlecht, sondern ist ein Geist und in die Prinzessin, die Du geheiratet hast, heftig verliebt. Er konnte ihr jedoch nicht nahen, weil sie das mit einem mächtigen Zauber begabte Armband trug, und um dieses zu erhalten, brauchte er Dich. Er ist nun bei ihr, aber ich will sogleich seine Vernichtung bewirken, dass Geister und Menschen künftig vor seiner Schändlichkeit sicher sind; denn er ist einer von den aufrührerischen und verfluchten Geistern, die unserm Herrn, dem Salomon, dem Sohn Davids, ungehorsam waren.”

Hierauf schrieb der Wahrsager einen Zettel, den er mir, als er überschrieben und gesiegelt war, einhändigte, worauf er zu mir sagte: “Geh an den in dieser Aufschrift bestimmten Ort, warte dort und gib acht, wer sich Dir naht. Fasse Mut, und wenn Du eine vornehme Person mit einem großen Gefolge kommen siehst, so übergib ihr dies Briefchen, und sie wird Dein Begehren erfüllen.”

Ich nahm das Briefchen, machte mich auf den Weg nach dem Ort, welchen mir der Wahrsager bezeichnet hatte, erreichte ihn, nachdem ich Tag und Nacht gereist war, und setzte mich nieder, um auf die Dinge zu warten, die da kommen sollten.

Es war Abend, und als etwa der vierte Teil der Nacht vergangen war, bewegte sich aus einiger Entfernung ein großer Lichtglanz auf mich zu, und als er näher kam, bemerkte ich Personen, die Fackeln und Laternen trugen, auch ein zahlreiches Gefolge, welches einem mächtigen Sultan anzugehören schien. Mein Gemüt wurde unruhig, aber ich fasste mich und beschloss zu bleiben, wo ich war. Ein großer Zug ging bei mir je zwei und zwei vorüber, und endlich erschien ein Sultan der Geister, von einem zahlreichen Gefolge umgeben, worauf ich mich so dreist, als es mir möglich war, ihm näherte, mich vor ihm niederwarf und ihm das Briefchen übergab, welches er öffnete, las, und welches folgendermaßen lautete:

“Wisse, o Sultan der Geister, dass der Überbringer dieser Zeilen in großer Not ist, aus welcher Du ihn durch Vernichtung seines Feindes retten musst. Solltest Du ihm nicht beistehen, so sorge für Deine eigene Sicherheit. Lebe wohl!”

Als der Sultan der Geister das Briefchen gelesen hatte, rief er einen von seinen Eilboten und befahl ihm, den Geist, welcher die Tochter des Sultans von Kairo bezaubert hatte, unverzüglich herbeizuholen. “Dein Wille ist Gesetz,” erwiderte der Eilbote, und sogleich verschwindend, war er etwa eine Stunde abwesend, nach deren Verlauf er mit dem Schuldigen zurückkehrte und ihn vor den Sultan stellte, welcher ihm zurief: “Verruchter Elender, hast Du diesen Mann misshandelt!”

“Mächtiger Herrscher,” erwiderte der Geist, “mein Verbrechen entstand aus Liebe zu der Prinzessin, deren Armband einen Zauber enthielt, durch welchen ich verhindert wurde, mich ihr zu nähern, weshalb ich mich dieses Mannes bediente. Er brachte mir den Talisman, und die Prinzessin ist nun in meiner Gewalt; aber ich liebe sie zärtlich und habe sie nicht beleidigt.”

“Gib das Armband sogleich zurück,” erwiderte der Sultan der Geister, “damit der Mann seine Frau wiedererhalte, oder ich will dem Scharfrichter befehlen, Dir den Kopf abzuschlagen.”

Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.


Tags: ,

Geschrieben in 1001 Nacht | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI |