540. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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540. Nacht

Sobeïde, die nichts lieber wünschte, befahl auf der Stelle der Mutter Asems, hinzugehen und das Zauberkleid zu holen. Bei diesen fürchterlichen Worten zitterte die Alte, indem sie an das Versprechen dachte, welches sie ihrem Sohn gegeben hatte; aber sie wagte nicht, Einwendungen dagegen zu machen, ging traurig nach Hause, und brachte das verhängnisvolle Gewand.

Nachdem Sobeïde es lange aufmerksam betrachtet und die Art, wie dieser leichte Stoff gewoben war, bewundert hatte, übergab sie es der Gattin Asems, deren Augen vor Freude funkelten.

Sobald sie das Gewand in ihrer Gewalt hatte, eilte sie sich damit zu bekleiden, dann schritt sie plötzlich in den Hof des Palastes hinab, nahm hier ihre beiden Kinder in die Arme, und ehe man noch daran denken konnte, sie zurückzuhalten, schwang sie sich mit ihnen, vor den erstaunten Blicken der Sultanin und ihres ganzen Gefolges, in die Lüfte. Als sie so hoch gestiegen, dass es nicht mehr möglich war, sie zu erreichen, rief sie hinab:

“Lebt wohl, liebe Mutter, ich trage es Euch auf, meinen Gemahl zu trösten. Sagt ihm, dass ich nie aufhören werde, ihn zu lieben, dass aber die Sehnsucht, die meinigen wieder zu sehen, mich zwingt, ihn zu verlassen; wenn er mich so sehr liebt, dass er nicht ohne mich leben kann, so soll er mich auf den Inseln Waak al Waak wieder suchen.”

Mit diesen Worten flog sie dahin, verlor sich in die Wolken, zeigte sich noch einen Augenblick, und entschwand endlich aller Augen.

Als Asems Mutter sie aus dem Gesicht verloren hatte, bemächtigte die Verzweiflung sich ihrer. Sie konnte den Schmerz, der sie durchdrang, nicht verleugnen, und klagte die Sultanin als die Urheberin ihres Unglücks an.

Sobeïde, selber von Leid und Schmerz ergriffen, vermochte nicht die Dreistigkeit zu züchtigen, mit welcher die alte Frau zu ihr gesprochen hatte. Sie zog sich in das Innere des Harems zurück, und in Traurigkeit versunken, bereute sie schmerzlich ihre Neugierde.

Während diese Dinge in Balsora vorgingen, gedachte Asem, mitten unter der zärtlichen und liebevollen Bewirtung, an seine Gattin, und sehnte sich nach ihr heim. Er beschleunigte seine Abreise, und nachdem er den Schwestern Lebewohl gesagt hatte, kehrte er nach Balsora zurück.

Als er nach Hause kam, fand er seine Mutter allein in bitteren Tränen.

“Was ist vorgefallen?”, rief er aus. “O meine Mutter, wo ist meine Frau, wo sind meine Kinder?”

Bei dieser peinlichen Frage verdoppelten sich die Tränen der alten Frau, und nichts vermöchte die Verzweiflung Asems zu schildern, als er den schmerzlichen Verlust vernahm, welchen er erlitten hatte: Ein furchtbarer Wahnsinn bemächtigte sich seiner und beraubte ihn für einen Augenblick des Bewusstseins seines Unglücks.

Als er wieder zu sich gekommen war, wollte er wissen, was seine Frau beim Abschied gesagt: Und sobald seine Mutter ihm ihre letzten Worte wiederholt hatte, fasste er auf der Stelle den Entschluss, seine Frau und seine Kinder aufzusuchen, und sollte er ihretwegen auch die ganze Erde durchlaufen. Vergeblich stellte man ihm vor, die Entfernung der Inseln Waak al Waak von Balsora wäre so groß, dass man nicht weniger als hundertundfünfzig Jahre bedürfte, um die Reise dahin zu vollenden, er bestand hartnäckig auf seinem Vorsatz, und nichts konnte ihn davon abwendig machen.

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