54. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
54. NachtDa die Sultanin sah, wie begierig ihre Schwester war, zu wissen, auf welche Weise Dame der Schönheit den zweiten Kalender in seinen früheren Zustand zurückversetzte; so sagte sie zu ihr: “Der Kalender nahm seine Erzählung folgendermaßen wieder auf: “Die Prinzessin Dame der Schönheit ging in ihr Zimmer und holte ein Messer, auf dessen Klinge hebräische Worte eingegraben waren. Sie ließ hierauf den Sultan, das Oberhaupt der Verschnittenen, den kleinen Sklaven und mich in einen geheimen Hof des Palastes herabsteigen; dort ließ sie uns unter einer rund umhergehenden Galerie, trat sodann in die Mitte des Hofes, wo sie einen großen Kreis beschrieb und in ihn mehrere Verse in alten und anderen arabischen Schriftzeichen, welche man Schriftzeichen der Kleopatra nennt, niederschrieb. Nachdem sie nun geendet und den Kreis nach gewünschter Weise geordnet hatte, stellte sie sich in die Mitte, wo sie Beschwörungen vornahm und Verse aus dem Aloran hersagte. Nach und nach verdunkelte sich die Luft, so dass es Nacht zu sein und das Weltgebäude auseinander zu fallen schien. Wir fühlten uns von einem ungeheuren Schrecken befallen, und dieses Schrecken vermehrte sich noch, als wir auf einmal den Geist, Sohn der Tochter des Eblis, unter der Gestalt eines Löwen von furchtbarer Größe erscheinen sahen. Sobald die Prinzessin das Ungeheuer gewahrte, sagte sie zu ihm: “Hund, statt vor mir zu kriechen, wagst du es, dich unter dieser fürchterlichen Gestalt zu zeigen, und glaubst mich zu schrecken?” – “Und du,” versetzte der Löwe, “du scheust dich nicht, gegen den Vertrag zu handeln, den wir miteinander gemacht und durch einen feierlichen Schwur bestätigt haben, uns gegenseitig weder zu schaden noch etwas Böses zuzufügen?” – “Ha, Verruchter,” erwiderte die Prinzessin, “dir hab’ ich diesen Vorwurf zu machen.” – “Du wirst,” unterbrach sie der Löwe trotzig, “für die mir gemachte Mühe hierher zu kommen, bezahlt werden.” Indem er dies sagte, öffnete er einen schrecklichen Rachen und fuhr auf sie los, um sie zu verschlingen. Sie aber war auf ihrer Hut, sprang zurück und hatte Zeit genug, um sich ein Haar auszureißen, welches sie durch ein Paar gesprochene Worte in ein schneidendes Schwert verwandelte, womit sie den Löwen mitten durch den Leib in zwei Teile zerhieb. Die beiden Teile des Löwen verschwanden bis auf den Kopf, der sich in einen großen Skorpion verwandelte. Sogleich verwandelte sich die Prinzessin in eine Schlange, und bestand einen harten Kampf mit dem Skorpion, der, da er keine Übermacht gewann, die Gestalt eines Adlers annahm und davon flog. Aber die Schlange nahm nun die Gestalt eines noch gewaltigeren schwarzen Adlers an und verfolgte ihn. Wir verloren beide aus dem Gesicht. Einige Zeit nach ihrem Verschwinden öffnete sich vor uns die Erde und es kam eine schwarze und weiße Katze heraus, deren Haar sich über und über sträubte und die auf eine grässliche Weise miaute. Ihr folgte ganz nahe ein schwarzer Wolf, der ihr keine Ruhe ließ. Die höchst bedrängte Katze verwandelte sich in einen Wurm und befand sich dicht bei einem Granatapfel, der zufällig von einem Granatbaum gefallen war, welcher am Ufer eines ziemlich tiefen, aber nicht sehr breiten Kanals stand. Dieser Wurm durchbohrte den Granatapfel in einem Augenblick und verbarg sich darin. Der Apfel schwoll sogleich zur Größe eines Kürbisses auf, und erhob sich auf das Dach der Galerie, von wo er, nachdem er sich eine Weile hin und her gerollt hatte, in den Hof fiel und in mehrere Stücke brach. Der Wolf, der sich inzwischen in einen Hahn verwandelt hatte, warf sich auf die Kerne des Granatapfels und verschluckte einen nach dem andern. Als es keine mehr sah, kam er mit ausgebreiteten Flügeln und großem Geräusch auf uns zu, gleichsam um uns zu fragen, ob keine Kerne mehr übrig wären. Noch einer lag am Ufer des Kanals, den er erblickte, als er sich umdrehte. Er lief schnell hinzu, aber in dem Augenblicke, als er ihn mit dem Schnabel aufpicken wollte, rollte der Kern in den Kanal und verwandelte sich in einen kleinen Fisch.” “Doch es wird Tag, mein Fürst” sagte Scheherasade, “wäre er nicht so schnell angebrochen, so bin ich überzeugt, Euer Majestät würde sich an dem, was ich noch erzählt hätte, sehr ergötzt haben.” Nach diesen Worten schwieg sie still und der Sultan stand auf, erfüllte von allen diesen unerhörten Begebenheiten, die ihm eine große Lust und Ungeduld einflößten, das Ende dieser Geschichte zu hören. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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