519. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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519. Nacht

Als beide außerhalb der Stadtmauer waren, schickte der Serge sich an, seinem Schlachtopfer den Kopf abzuhauen, aber beim Anblick seine reizenden Gestalt stand er erstaunt und betroffen: Er glaubte einen vom Himmel herabgestiegenen Engel zu erblicken und konnte sich nicht entschließen, ihm den Tod zu geben. “Nein,” sprach er bei sich, “eines Weibes wegen will ich nimmer einen so reizenden Jüngling töten, das wäre ein Verbrechen, welches die Strafe des Himmels verdiente. Ich will im Gegenteil ihn als meinen Sohn annehmen und in mein Haus führen, wo ich ihn schon der Wut des Königs zu entziehen weiß.”

Er teilte Fareksad seien Absicht mit, und dieser antwortete ihm: “Die Wohltat, welche Du mir jetzt erzeigst, wird Dir einst noch belohnt werden. Ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, und sicherlich werde ich einst noch den Rang und die Reichtümer wiedererlangen, deren ich vor meinem Unglück mich erfreute: Mehr brauchte ich Dir nicht zu sagen.”

Beide begaben sich hierauf in das Haus des Schergen, welcher hier Fareksad mit allem Nötigen versah und dann zu dem König zurückkehrte, um ihm zu melden, dass sein Befehl vollzogen wäre.

Die Königin von Abessinien schmachtete unterdessen, in den tiefsten Jammer versunken. Wenn der König in ihre Nähe kam, so würdigte er sie nicht einmal eines Blickes oder eines Wortes, und die unglückliche Fürstin war ein Raub der grimmigsten Verzweiflung über den Tod ihres Sohnes und den Zorn ihres Gemahls.

Nun befand sich in dem Harem eine alte Frau, welche sehr geschickt war in der Entzifferung geheimer Schriften und Auflösung der verwickeltsten Fragen. Ihre Kunst und Geschicklichkeit hatte ihr die Gunst des Königs erworben, welcher die größte Achtung für sie hegte. Als diese alte Frau die Verzweiflung der Königin sah, hatte sie Mitleid mit ihrem Unglück. Sie kam zu ihr und fragte sie, was sie in so tiefe Betrübnis versetzte.

Nicht imstande zu antworten, schlug die Königin die Augen nieder, und die Alte fuhr folgendermaßen fort:

“Rechnet auf meine Verschwiegenheit, Herrin, und vertraut mir das Geheimnis Eurer Leiden, ich verspreche Euch die unverbrüchlichste Treue, und vielleicht kann ich ein Mittel dafür finden. Ich schwöre Euch bei allem, was mir heilig ist, dass niemand aus meinem Mund erfahren soll, was Ihr mir entdecken werdet.”

Diese Versicherungen machten der Königin Zutrauen, und sie antwortete: “Wohlan, gute Frau, ich will Euch den Gegenstand meiner Leiden entdecken: aber, ach! Diese sind von der Art, dass sie immerdar fortdauern werden. Ich hatte heimlich einen Sohn geboren, den ich zärtlich liebte, und der aus Persien entfloh, um hier in Abessinien wieder mit mir vereinigt zu sein. Aber das grausamste Missgeschick erwartete ihn hier, und ich habe ihn jetzt für immer verloren. Der König, mein Gemahl, hat ihn umbringen lassen und würdigt mich seitdem sogar keines Blickes mehr.”

Hierauf erzählte sie der Alten alle Umstände dieses Abenteuers: Als sie aber an die Verurteilung ihres Sohnes kam, zerschmolz sie in Tränen und klagte ihr Herzeleid, dass ihr nicht einmal der Trost bliebe, ihm die Ehre des Begräbnisses zu erweisen und auf seinem Grabe weinen zu können.

Der Schmerz der Königin rührte die alte Frau innig, und diese bemühte sich, sie zu trösten, und versprach ihr, auf Mittel zu sinnen, um ihren Kummer zu stillen. “Ich begreife wohl,” sprach sie zu ihr, “dass das Geständnis, welches Ihr dem König zu Eurer Rechtfertigung ablegen müsst, Euch peinlich ist, aber hört, was ich Euch vorschlage: Ihr müsst Euch niederlegen, bevor der König in Eure Schlafkammer tritt. Er wird mit einem Papier kommen, es Euch auf das Herz legen und dabei folgende Worte sprechen: “Ich gebiete Dir Kraft dieses Talismans, die reine Wahrheit zu sagen.” Hierauf wird es Euch leicht fallen, zwar als wider Euern Willen, ihm alles zu bekennen, was in Persien vorgegangen ist, und ihm Euer Betragen gegen den jungen Fareksad zu erklären. Dadurch, bin ich gewiss, werdet Ihr seine Gunst wiedergewinnen und Euren Leiden ein Ziel setzen.”

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