509. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
509. NachtKardar ließ es sich so angelegen sein, dass er nach zwei Tagesreisen die beiden Flüchtlinge einholte. Er ließ sie unerbittlich binden, und führte sie so nach der Hauptstadt zurück. “Elender,” rief der Sultan bei dem Anblick Kamkars wütend aus, “wo haben Deine frechen Schritte Dich hingeführt?”, und zu gleicher Zeit warf er einen Stuhl mit solcher Gewalt nach ihm, dass er dem unglücklichen Wesir den Schädel einschlug und auf der Stelle verschied. Hierauf blickte er die Tochter seines Schlachtopfers an, und wurde sogleich entwaffnet durch ihre Schönheit, ihre Anmut, den Ausdruck ihrer schönen Augen, die Schlankheit ihres Wuchses, und die Sanftmut in allen ihren Zügen. Er fühlte auf der Stelle den tiefen Eindruck einer leidenschaftlichen Liebe, und dachte nur auf die Mittel, eine so schöne Frau zu besitzen. Er ließ sogleich den Kadi und die Ulemas kommen, und befahl ihnen, den Heiratsvertrag aufzusetzen. Hierauf hieß er sie in seinen Harem bringen, und ließ alle ihre Sklaven, welche sie gewöhnlich bedienten, bei ihr. Nur einen Lustigmacher, der sie erzogen hatte, nahm er davon aus und verbot ihm den Eingang des Harems. Diese Trennung betrübte den alten Diener sehr. Er schrieb mehrmals an seine Herrin, bat sie, sich bei dem König um seine Zulassung bei ihr zu verwenden, und erklärte, dass er vor Gram sterben würde, wenn seine Bitte unerhört bleibe. Die neue Sultanin bat ihren Gemahl um diese Gnade, welche er nicht versagen konnte. Die Gefälligkeit und die Sorgfalt, welche der König der Tochter seines Wesirs widmete, ließen diese allmählich ihren grausamen Verlust vergessen, und sie begann schon, sich an das Leben im Harem zu gewöhnen. Aber während dieser Zeit war Kardar stets mit dem Gedanken beschäftigt, wie er diejenige, die eine so heiße Begierde in ihm entzündet hatte, in seien Gewalt bekäme, und sann unaufhörlich auf eine List, sie dem König verdächtig zu machen, so dass sie aus dem Palast gejagt würde. Der Zufall begünstigte sein verbrecherisches Vorhaben: Ein Krieg brach aus, und der König war gezwungen, sich an die Spitze seiner Heere zu stellen, und vertraute während seiner Abwesenheit die Verwaltung seines Reiches dem Wesir. Kardar fand durch dieses gänzliche Zutrauen seines Herrn um so leichter Mittel, der Sultanin zu nahen. Er erblickte sie eines Tages von der Höhe eines flachen Daches, welches die Aussicht auf die Gärten des Harems hatte: Sie war allein, und saß in nachdenklicher Stellung da. Bei ihrem Anblick war die Freude des Wesirs so groß, dass er sich beinahe von seinem Standort herabgestürzt hätte, er ergriff schleunig ein Steinchen, und warf es nach der Gegend, wo die Tochter Kamkars saß. Dieser Wurf veranlasste sie, die Augen aufzuschlagen, sie senkte sie aber gleich wieder, sobald sie den Wesir erblickt hatte. Als dieser sah, dass sie schweigend sitzen blieb, redete er sie mit einem Gruß an, welchen sie erwiderte. Dreister gemacht, durch diese leichte Gunstbezeugung, rief er aus: “Oh meine Seele, Ihr kennt die Liebe, welche Ihr mir eingeflößt habt: Sie ist so heftig, dass sie mir Tag und Nacht keine Ruhe lässt. Ohne Euch muss ich mein Leben traurig und schmachtend hinschleppen. Würdigt mich Eures Mitleids, und erhört meine Wünsche, ich verheiße Euch Glückseligkeit. Wenn Ihr mein herz nicht verschmäht, so fliehen wir, mit unermesslichen Reichtümern, welche in meiner Gewalt sind, aus diesem Reich, oder ich kann Euch auch den Thron desselben erhalten, indem ich mich durch ein Gift von demjenigen befreie, der allein der Erfüllung meiner Wünsche im Weg steht.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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