49. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
49. NachtIn der folgenden Nacht rief Dinarsade der Sultanin zu: “Meine liebe Schwester, ich bitte dich, erzähle uns, wie der Geist den Prinzen behandelte.” “Ich will deine Neugier befriedigen,” antwortete Scheherasade, und nahm die Geschichte des zweiten Kalenders wieder auf: “Der Kalender erzählte Sobeïde weiter, und sagte: “Gnädige Frau, als der Geist in Wut mir diese Frage getan hatte, ließ er mir keine Zeit, ihm zu antworten; und ich hätte es auch nicht vermocht, so sehr hatte seine furchtbare Erscheinung mich außer mir gesetzt. Er fasste mich um die Mitte des Leibes, und schleppte mich aus der Kammer, dann schwang er sich mit mir bis zum Himmel empor, und riss mich mit solcher Gewalt und Schnelligkeit durch die Luft dahin, dass ich mehr nur die Höhe erblickte, zu welcher ich gestiegen war, als den Weg, welchen er in wenigen Augenblicken mit mir zurücklegte. Er senkte sich eben so wieder auf die Erde nieder, stampfte mit dem Fuße, dass sie sich auftat, und fuhr mit mir hinein: und alsbald befand ich mich in dem Zauberpalast bei der schönen Prinzessin von der Ebenholz-Insel. Aber, ach, welch’ ein Schauspiel! Ich sah hier etwas, das mir das Herz durchbohrte: die Prinzessin lag gestreckt, mehr tot als lebend, und die Wangen in Tränen gebadet. “Treulose,” sprach der Geist zu ihr, indem er mich ihr zeigte, “ist dies hier nicht dein Buhle?” Sie wandte ihre schmachtenden Augen nach mir, und antwortete traurig: “Ich kenne ihn nicht, ich sehe ihn diesen Augenblick zum ersten Mal.” – “Wie,” fuhr der Geist fort, ” er ist die Ursache, dass du in diesem verdienten Zustande bist, und du erschreckst dich zu sagen, dass du ihn nicht kennst?” – “Wenn ich ihn nun nicht kenne,” antwortete die Prinzessin, “wollt ihr denn, dass ich eine Lüge sage, welche die Ursache seines Verderbens wäre?” - “”Wohlan denn!” sagte der Geist, indem er einen Säbel herauszog, und ihn der Prinzessin darbot, “wen du ihn niemals gesehen hast, so nimm diesen Säbel, und haue ihm den Kopf ab.” – “Ach!” sagte die Prinzessin, “wie vermöchte ich das tun, was ihr von mir fordert? Meine Kräfte sind dermaßen erschöpft, dass ich den Arm nicht aufheben kann; und wenn ich es könnte, wo sollte ich den Muth hernehmen, einem Menschen den Tod zu geben, den ich nicht kenne, einem Unschuldigen.” - “Diese Weigerung,” sagte darauf der Geist, “lässt mich dein ganzes Verbrechen erkennen.” Darauf wandte er sich zu mir, und sagte: “Und du, kennst du sie auch nicht?” Ich wäre der undankbare und treuloseste aller Menschen gewesen, wenn ich der Prinzessin nicht dieselbe Treue bewiesen hätte, welche sie mir bewies, mir, dem Urheber ihres Unglücks. Deshalb antwortete ich dem Geist: “Wie sollte ich sie kennen, der ich sie heute zum ersten Mal sehe?” – “Wenn das ist,” fuhr er fort, “so nimm doch diesen Säbel und haue ihr den Kopf ab. Das ist der Preis, um welchen ich dir die Freiheit schenken und überzeugt sein werde, dass du sie nie zuvor gesehen hast, wie du sagst.” Ich nahm den Säbel aus seiner Hand … “Aber, Herr,” sagte Scheherasade, indem sie sich bei dieser Stelle unterbrach, “es ist Tag, und ich darf die Geduld Euer Majestät nicht missbrauchen.” “Das sind wunderbare Begebenheiten,” sagte der Sultan bei sich selber: “wir wollen morgen doch sehen, ob der Prinz so grausam ist, dem Geiste zu gehorchen.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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