489. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
489. NachtDer Räuberhauptmann, der unerschrockene Farek-Serwar1), war beim Anblick dieses Kindes entzückt von seiner Schönheit, und die reichen Kleidungsstücke, die es bedeckten, ließen ihn nicht zweifeln, dass es der Sohn eines Königs oder irgend eines vornehmen Mannes wäre. Dieser Räuberhauptmann war ohne Kinder, und beschloss, dieses, welches der Zufall ihm darbot, an Kindesstatt anzunehmen. Er gab ihm den Namen Chodadad, nahm ihn mit sich, und ließ ihn durch eine Amme säugen. Als der junge Prinz älter und lehrfähig wurde, ließ er ihm eine treffliche Erziehung geben, und übte ihn besonders auch in der Reitkunst. Chodadad benutzte so eifrig den dargebotenen Unterricht, dass er im Alter von fünfzehn Jahren schon imstande war, ganz allein es mit fünfhundert Feinden aufzunehmen. Farek-Serwar war mit seinem Pflegesohn so zufrieden, dass er sich keinen Augenblick von ihm trennen konnte, sondern ihn überall mitnahm, wohin sein Handwerk ihn zu reiten zwang. Eines Tages jedoch, als der Räuberhauptmann ihn zu einer Unternehmung gegen eine Karawane mit sich führen wollte, bat der Jüngling, dem dieses Handwerk sehr missfiel, um die Erlaubnis, von diesem Jammer entfernt zu bleiben, weil er das Wehklagen und Weinen der Reisenden, die so unmenschlich beraubt wurden, nicht kaltblütig anhören konnte. Farek-Serwar willigte ein, dass er nicht am Angriff Teil nehmen sollte, forderte jedoch, dass er wenigstens Zuschauer des Kampfes wäre. Nun geschah es aber, dass die angegriffene Karawane den Räubern weit überlegen war. Die Reisenden wehrten sich tapfer. Im Kampfgewühle empfing Farek-Serwar eine Wunde, und war schon nahe daran, gefangen zu werden, als Chodadad sich mitten unter die Streitenden warf, und mehrere Feinde zu Tode schlug. Aber das Schicksal spottete seines Mutes: Er stürzte vom Pferd, wurde von den Kaufleuten gefangen, mit Ketten belastet, und wenige Zeit darauf als Straßenräuber zum Gericht vor den König Asad-bacht geführt. Das väterliche Herz des Königs regte sich bei dem Anblick des unbekannten Jünglings, und er konnte sich nicht erwehren, einige Tränen zu vergießen. “Ach!”, sprach er bei sich selber, “wenn mein Kind, welches ich in der Wüste verließ, noch lebte, so würde es das Alter dieses Jünglings haben.” Und seine Blicke wurden unwillkürlich immer wieder auf den jungen Angeklagten hingezogen. “Mein Kind,” sprach er, “wie hast du, mit einer so lieblichen Bildung, dich dem ehrlosen Gewerbe, welches du treibst, hingeben, und so den göttlichen und menschlichen Gesetzen trotzen können? Wie heißt du?” “Chodadad,” antwortete der junge Prinz. Hierauf blickte er gen Himmel und rief Gott zum Zeugen an, dass er niemals an den Räubereien Teil genommen, deren er beschuldigt wurde. “Wenn das wahr ist,” sagte Asad-bacht, “so sollst du nicht nur dein Leben behalten, sondern ich will dich auch in meinem Palast in Dienst nehmen.” Chodadad verneigte sich bei diesen Worten, und küsste stillschweigend den Boden, um dem König seine innige Dankbarkeit zu bezeugen. Der König ließ ihn auf der Stelle mit einem prächtigen Chilat2) bekleiden, befahl sein Haupt mit einem schönen Turban zu bedecken, und sprach zu ihm: “Ich nenne dich Bacht-jar, und übertrage dir die Besorgung meines Marstalls.” Asad-bacht ließ die übrigen Räuber los, unter dem eidlichen Versprechen, ihr ehrloses Handwerk aufzugeben. 1) Farek-Serwar bedeutet im persischen tapferer Ritter. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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