419. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
419. NachtNun erzählte die Zauberin dem Sultan von Indien, wie sie dadurch, dass sie sich krank gestellt, bewirkt habe, dass der Prinz Achmed, von Mitleid ergriffen, sie an einen unterirdischen Ort habe bringen lassen, sie dort einer Fee von unvergleichlicher Schönheit vorgestellt und empfohlen, und dieselbe gebeten habe, für die Wiederherstellung ihrer Gesundheit Sorge zu tragen. Ferner, mit welcher Gefälligkeit die Fee sogleich zwei andern Feen von ihrem Gefolge befohlen habe, sie in Pflege zu nehmen und nicht eher von ihr zu weichen, als bis sie ihre Gesundheit wiedererlangt haben würde: Woraus sie denn geschlossen habe, dass eine so große Willfährigkeit nur in einem Verhältnis zwischen Mann und Frau möglich sein könne. Auch unterließ die Zauberin nicht, ihm ihr Erstaunen zu schildern, welches sie bei Erblickung des Feenpalastes, den sie für einzig in der Welt hielt, empfunden habe, während die beiden Feen als eine Kranke, die ohne ihre Beihilfe weder gehen noch stehen könne, jede unter einem Arm sie dahin geführt hätten. Sie beschrieb ihm umständlich den Eifer, womit man sie in dem Zimmer, wohin sie gebracht worden, gepflegt, den Trank, welchen man ihr eingegeben, die schnell erfolgte Genesung, die – wiewohl sie an der Kraft des Trankes gar nicht zweifle – ebenso erheuchelt gewesen als ihre Krankheit, ferner die Majestät der Fee, die auf einem von Edelsteinen blitzenden Thron gesessen, deren Wert leicht die Reichtümer des ganzen Indiens übersteige, zuletzt endlich die übrigen unermesslichen und unzuberechnenden Reichtümer, sowohl im Allgemeine als im Besonderen, welche in dem großen Umfang des Palastes enthalten wären. Hier endigte die Zauberin ihren Bericht von dem Erfolg ihrer Sendung und fuhr dann weiter fort: “Herr, was denkt nun Euer Majestät von diesen unerhörten Reichtümern der Fee? Vielleicht werdet ihr sagen, ihr wundert euch darüber und freut euch über das hohe Glück des Prinzen Achmed, der dieselben mit der Fee gemeinschaftlich genießt. Ich indessen bitte Euer Majestät um Vergebung, wenn ich mir die Freiheit nehme zu gestehen, dass ich hierüber anders denke, und sogar in Bangigkeit bin, wenn ich das Unglück bedenke, das für ihn daraus erwachsen kann, und gerade dies ist die Ursache meiner Unruhe, die ich nicht so gut zu verbergen vermochte, dass ihr es nicht zu bemerken im Stande gewesen wärt. Ich will gern glauben, dass der Prinz Achmed vermöge seiner guten Gemütsart nicht fähig ist, etwas gegen Euer Majestät zu unternehmen, allein wer kann dafür Bürge sein, dass nicht die Fee durch ihre Reize, ihre Liebkosungen und durch die Gewalt, die sie bereits über ihren Gemahl erlangt hat, ihm den verderblichen Plan eingibt, euer Majestät zu verdrängen und sich der Krone Indiens zu bemeistern? Es kommt Euer Majestät zu, auf eine Sache von solcher Wichtigkeit alle nur mögliche Aufmerksamkeit zu verwenden.” Wie sehr auch der Sultan von dem guten Gemüt seines Sohnes, des Prinzen Achmed, überzeugt war, so wurde er dennoch durch die Äußerungen der Zauberin innerlich aufgeregt. Er entließ sie mit den Worten: “Ich danke die für deine Mühe und für deinen heilsamen Rat. Ich erkenne die Wichtigkeit desselben, die von der Art zu sein scheint, dass ich hierüber nicht eher etwas beschließen kann, als bis ich meine Ratgeber gehört habe.” Als man dem Sultan die Ankunft der Zauberin gemeldet hatte, unterhielt er sich gerade mit denselben Günstlingen, die ihm bereits früher, wie schon erwähnt ist, Argwohn gegen den Prinzen Achmed eingeflößt hatten. Er gebot nun der Zauberin, ihm zu folgen, und begab sich zu den beiden Günstlingen. Er teilte diesen mit, was er soeben vernommen, und nachdem er ihnen zugleich angezeigt, welchen Grund er habe, zu fürchten, dass die Fee das Gemüt des Prinzen umstimmen werde, um einem solchen Übel vorzubeugen. Einer von den beiden Günstlingen nahm für die übrigen das Wort und antwortete: “Herr, da euer Majestät denjenigen kennt, welcher dies Unglück zu Wege bringen könnte, da er mitten an eurem Hof lebt und in euren Händen ist, so solltet ihr um diesem Unglück vorzubeugen, ihn ungesäumt verhaften, und wenn auch nicht hinrichten, denn dies würde zu viel Aufsehen erregen, aber doch wenigstens auf Lebenszeit in einen engen Kerker werfen lassen.” Die übrigen Günstlinge gaben dieser Ansicht einstimmig ihren Beifall. Die Zauberin fand indessen diesen Ratschlag zu gewaltsam. Sie bat den Sultan um Erlaubnis zu reden, und als sie dieselbe erhalten, sagte sie folgendes zu ihm: “Herr, ich bin überzeugt, dass bloß der Eifer für das Beste Euer Majestät eure Ratgeber bewogen hat, euch eine Verhaftung des Prinzen Achmed vorzuschlagen. Allein diese werden es nicht übel aufnehmen, wenn ich ihnen zu Gemüt führe, dass man bei Verhaftung des Prinzen auch zugleich seine Begleiter mit verhaften müsste, die aber nicht Menschen, sondern Geister sind. Wird man es nun wohl für etwas leichtes halten, diese zu überfallen, Hand an sie zu legen, und sich ihrer Person zu bemächtigen? Würden sie nicht, vermöge der ihnen innewohnenden Kraft, sich auf der Stelle unsichtbar machen und augenblicklich die Fee von der ihrem Gemahl angetanen Beleidigung unterrichten, welche dann diese Schmach nicht ungerächt lassen würde? Wäre es daher nicht angemessener, wenn der Sultan durch ein anderes, weniger Aufsehen erregendes Mittel sich gegen die bösen Anschläge, die der Prinz Achmed etwa haben mag, sicher stellen könnte, ohne dass dadurch der Ruhm seiner Majestät irgendwie leiden oder irgend jemand ihm dabei eine böse Absicht von seiner Seite zuschreiben könnte? Da die Geister und die Feen Dinge vermögen, welche weit alle menschliche Kraft übersteigen, so könnte seine Majestät, sofern sie auf meine guten Rat irgend nur Vertrauen setzen will, den Prinzen Achmed ja bei seiner Ehre fassen, und ihn verpflichten, ihm durch Vermittlung der Fee, gewisse Vorteile zu verschaffen, unter dem Vorwand, dass er, der Sultan, davon großen Nutzen haben und ihm dafür stets dankbar sein würde. Zum Beispiel, so oft Euer Majestät zu Felde ziehen will, seid ihr genötigt, einen ungeheuren Aufwand zu machen, nicht bloß an Pavillons und Zelten für euch und euer Heer, sondern auch an Kamelen, Mauleseln und andern Lasttieren, um dieses ganze Gerät fortzubringen. Könntet ihr ihn nun nicht verpflichten, dass er euch vermöge seines bedeutenden Einflusses bei der Fee einen Pavillon verschaffen solle, der in der Hand Platz hätte, unter welchem gleichwohl aber euer ganzes Herr Obdach finden könne? Weiter brauche ich Euer Majestät nichts zu sagen. Wenn der Prinz nun auch diesen Pavillon herbeischaffen sollte, so bleiben euch immer noch so viele andere Forderungen der Art an ihn zu machen übrig, dass er am Ende, wie erfinderisch und reich an Mitteln die Fee auch immer sein mag, die ihn durch ihre Bezauberung von euch abwendig gemacht hat, dennoch den Schwierigkeiten oder der Unmöglichkeit der Ausführung wird unterliegen müssen. So wird er dann aus Scham sich nicht mehr sehen lassen und gezwungen sein, sein Leben bei der Fee, fern vom Verkehr mit der Welt, hinzubringen, und so wird dann Euer Majestät nichts mehr von seinen Anschläge zu befürchten haben, ohne dass man euch eine so verhasste Handlung, als die Hinrichtung oder lebenslängliche Einkerkerung sein würde, wird vorwerfen können.” Als die Zauberin ausgeredet hatte, fragte der Sultan seine Günstlinge, ob sie ihm etwas besseres vorzuschlagen wüssten. Da sie stillschwiegen, so beschloss er den Rat der Zauberin zu befolgen, als denjenigen, der ihm am vernünftigsten und den milden Grundsätzen seiner bisherigen Regierung am angemessensten dünkte. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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