409. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
409. NachtKaum sah sich der Prinz Achmed in dem Zimmer Nurunnihars und die im Sterben liegende Prinzessin, als er nebst seinen Brüdern von dem Teppich aufstand, sich ihrem Bett näherte und ihr den Wunderapfel vor die Nase hielt. Einige Augenblicke nachher schlug die Prinzessin die Augen auf, und wendete den Kopf nach beiden Seiten hin, sah die Umstehenden an, setzte sich dann auf und verlangte angekleidet zu werden, und zwar mit derselben Unbefangenheit und Besonnenheit, als ob sie bloß von einem langen Schlaf erwachte. Ihre Frauen sagten ihr nun sogleich, dass sie den drei Prinzen, ihren Vettern, und vor allen dem Prinzen Achmed diese plötzliche Wiederherstellung ihrer Gesundheit verdanke. Sie bezeigte ihnen daher ihre Freude, sie wieder zu sehen, und stattete ihnen insgesamt und dem Prinzen Achmed insbesondere ihren Dank ab. Da sie angekleidet zu werden wünschte, so begnügten sich die Prinzen, ihr ihre große Freude darüber zu bezeigen, dass sie gerade zu rechter Zeit noch angelangt seien, um insgesamt dazu beitragen zu können, sie aus ihrer augenscheinlichen Lebensgefahr zu retten, und nachdem sie ihr noch ihre innigen Wünsche für eine recht lange Dauer ihres Lebens an den Tag gelegt, entfernten sie sich. Während die Prinzessin sich ankleidete, gingen die Prinzen von ihr unmittelbar hin, um sich zu den Füßen ihres Vaters, des Sultans, zu werfen und ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Als sie vor ihm erschienen, fanden sie, dass der Oberaufseher der Verschnittenen der Prinzessin ihnen bereits zuvorgekommen war und ihm ihre unvermutete Ankunft und die durch sie erfolgte vollständige Heilung der Prinzessin angemeldet hatte. Der Sultan umarmte sie um desto freudiger, da er in dem Augenblick, wo er sie wieder sah, auch zugleich erfuhr, dass seine Nichte, die Prinzessin, die er wie seine eigene Tochter liebte, nachdem sie von den Ärzten bereits aufgegeben worden, auf eine so wunderbare Weise ihre Gesundheit wiedererhalten habe. Nach den bei solchen Gelegenheiten üblichen Begrüßungen zeigte jeder der Prinzen ihm die mitgebrachte Seltenheit vor: Der Prinz Hussain seinen Teppich, den er aus dem Zimmer der Prinzessin wieder mitgenommen hatte, der Prinz Ali das elfenbeinerne Rohr, und der Prinz Achmed den künstlichen Apfel: Und Nachdem jeder das seinige heraus gepriesen, händigten sie ihm nach der Reihe alle drei Stücke ein und baten ihn zu entscheiden, welchem von den drei Stücken er den Vorzug erteile und welchem unter ihnen dreien er seinem Versprechen gemäß die Prinzessin Nurunnihar zur Gemahlin gebe. Der Sultan von Indien, nachdem er sehr wohlwollend alles, was ihm jeder der Prinzen zum Lob der von ihm mitgebrachten Seltenheit sagen mochte, ohne Unterbrechung angehört und sich nach allem, was bei der Heilung der Prinzessin vorgegangen, wohl erkundigt hatte, schwieg eine Weile still, als überlegte er, was er ihnen antworten solle. Endlich unterbrach er dieses Schweigen und hielt folgende sehr weise Rede an sie: “Meine Kinder, ich würde sehr gern einen unter euch nennen, wenn ich es mit voller Gerechtigkeit tun könne. Allein überlegt selber, ob ich es kann. Dir, o Achmed, und deinem künstlichen Apfel verdankt freilich die Prinzessin, meine Nichte, ihre Heilung. Aber ich frage dich selber, würdest du sie haben bewirken können, wenn nicht zuvor das elfenbeinerne Rohr Alis dir Gelegenheit gegeben hätte, die Gefahr kennen zu lernen, worin sie schwebte, und wenn nicht der Teppich Hussains dir seine Dienste geleistet hätte, um ihr schnell zu Hilfe eilen zu können? Dein elfenbeinernes Rohr, o Ali, hat wiederum dazu gedient, dir und deinen Brüdern zu zeigen, dass ihr auf dem Punkt standet, die Prinzessin zu verlieren, und dafür ist sie, wie man gestehen muss, dir großen Dank schuldig. Doch musst du auch gestehen, dass dir deine Kenntnis für die Erreichung des Zwecks nichts genützt hätte, wenn nicht der Teppich und der künstliche Apfel gewesen wäre. Und was dich, Hussain, betrifft, so würde die Prinzessin sehr undankbar sein, wenn sie dir nicht wegen des Teppichs, der zu Bewirkung ihrer Wiederherstellung so nötig gewesen, vielen Dank wissen sollte. Allein bedenke selbst, dass er dir hierzu von gar keinem Nutzen gewesen sein würde, wenn du nicht durch das elfenbeinerne Rohr Alis ihre Krankheit erfahren und Achmed nicht seinen Wunderapfel zu ihrer Heilung angewendet hätte. Da nun also weder der Teppich, noch das elfenbeinerne Rohr, noch der künstliche Apfel irgend einem von euch einen Vorzug vor den andern geben, sondern vielmehr euch alle einander gleichstellen, und da ich die Prinzessin Nurunnihar doch nur einem einzigen geben kann, so seht ihr selber, dass die einzige Frucht, die ihr von euren Reisen geerntet habt, in dem Ruhm steht, dass ihr alle auf gleiche Weise zur Herstellung ihrer Gesundheit beigetragen habt.” “Wenn dies nun so ist,” fuhr der Sultan fort, “so seht ihr zugleich ein, dass ich zu einem anderen Mittel meine Zuflucht nehmen muss, um mich über die Wahl, die ich unter euch darin treffen soll, bestimmt zu entscheiden. Da es nun aber bis zu Anbruch der Nacht noch lange hin ist, so will ich noch heute folgendes tun. Geht und nehmt ein jeder einen Bogen und einen Pfeil, und begebt euch aus der Stadt hinaus auf die große Ebene, wo die Pferde zugeritten werden. Ich werde eben dahin mich begeben und ich erkläre, dass ich die Prinzessin Nurunnihar demjenigen zur Gemahlin geben werde, welcher am weitesten schießen wird.” “Übrigens kann ich bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, euch insgesamt und jedem noch insbesondere für das Geschenk zu danken, welches ihr mir mitgebracht habt. Ich besitze in meiner Sammlung gar manche Seltenheiten, doch keine einzige derselben kommt an Vorzüglichkeit dem Teppich, dem elfenbeinernen Rohr, und dem künstlichen Apfel bei, womit ich jetzt meine Sammlung vermehren und bereichern will. Alle drei Stücke werden die erste Stelle darin einnehmen, und ich werde sie das sorgfältig aufbewahren, nicht bloß wegen ihrer Merkwürdigkeit, sondern auch um bei Gelegenheit nützlichen Gebrauch davon zu machen.” Die drei Prinzen wussten gegen diese, soeben ausgesprochene Entscheidung des Sultans nichts einzuwenden. Als sie sich von seinem Angesicht entfernt hatten, verschaffte man einem jeden von ihnen einen Bogen und einen Pfeil, die sie sofort einem von ihren Dienern, die sich auf die Nachricht von ihrer Wiederkehr sogleich versammelt hatten, einhändigten und sich dann, von einer unzähligen Menge Volk begleitet, auf die Ebene hinaus begaben, wo die Pferde zugeritten zu werden pflegten. Der Sultan ließ nicht lange auf sich warten. Sobald er angekommen war, nahm der Prinz Hussain, als der älteste, Pfeil und Bogen und schoss zuerst. Darauf schoss der Prinz Ali, und man sah seinen Pfeil viel weiter fliegen und niederfallen, als den des Prinzen Hussain. Der Prinz Achmed schoss zuletzt, aber man verlor seinen Pfeil aus dem Gesicht, und niemand sah ihn niederfallen. Man eilte hin, man suchte, allein wie viel Sorgfalt alle und auch der Prinz Achmed selber anwendeten, es war nicht möglich, den Pfeil weder in der Nähe noch in der Ferne aufzufinden. Obwohl man glauben musste, dass er am weitesten geschossen und folglich verdient habe, dass ihm die Hand der Prinzessin Nurunnihar zugesprochen würde, so war dennoch, um die Sache augenscheinlich und gewiss zu machen, die Auffindung des Pfeils erforderlich, und der Sultan ermangelte daher nicht, ungeachtet aller Gegenvorstellungen Achmeds, sich zu Gunsten seines Bruders Ali zu entscheiden. Er gab nun sogleich Befehl, dass zu der Hochzeitsfeier die nötigen Anstalten getroffen würden, und wenige Tage darauf wurde die Hochzeit mit vielem Glanz gefeiert. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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