401. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
401. NachtIndem die Prinzessin in dem Prinzen von Persien die Neugierde rege machte, den Königspalast von Bengalen zu sehen und darin den König, ihren Vater, zu begrüßen, so hoffte sie, dass, wenn es ihr gelänge, ihr Vater beim Anblick eines so wohl gebildeten, klugen, vollkommenen und mit den vorzüglichsten Eigenschaften ausgestatten Prinzen sich vielleicht entschließen würde, ihm eine Heiratsverbindung anzutragen und ihm sie selber zur Gemahlin vorzuschlagen. Da sie außerdem überzeugt war, dass sie dem Prinzen von Persien nicht gleichgültig sei und dass dieser eine solche Verbindung nicht ablehnen würde, so hoffte sie auf diesem Weg zum Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, und dabei zugleich jenen Wohlstand zu beobachten, der einer Prinzessin, die in allem ganz von dem Willen ihres königlichen Vaters abhängig erscheinen wollte, zu beobachten geziemt. Doch der Prinz von Persien antwortete ihr über diesen Punkt nicht ganz so, wie sie es erwartet hatte. “Prinzessin,” erwiderte er, “eurer Versicherung zufolge zweifle ich keinen Augenblick, dass der Palast des Königs von Bengalen den Vorzug vor dem eurigen verdient. Was euren Vorschlag betrifft, dass ich eurem königlichen Vater meine Aufwartung machen solle, so würde ich mir nicht bloß ein Vergnügen, sondern selbst eine große Ehre daraus machen, ihn in Ausführung zu bringen. Indessen, Prinzessin, ihr mögt hierin selber entscheiden. Würdet ihr mir wohl raten, vor der Majestät eines so großen Fürsten wie ein bloßer Abenteurer ohne Gefolge und die für meinen Stand erforderliche Begleitung zu erscheinen?” “Prinz,” antwortete die Prinzessin, “das darf euch keine Unruhe machen, ihr dürft hier bloß wollen, und es wird euch nicht an Geld fehlen, um euch ein so großes Gefolge anzuschaffen, als euch beliebt. Ich selbst will es euch herbeischaffen. Wir haben hier Kaufleute von eurer Nation, in sehr großer Anzahl, und ihr dürft bloß bestimmen, wie viel euch erforderlich scheint, um euch einen sehr anständigen Hofstaat zu bilden.” Der Prinz Firus Schach erriet die Absicht der Prinzessin von Bengalen, und der sichtbare Beweis, den sie ihm von ihrer Liebe gab, erhöhte die Leidenschaft, die er bereits für sie gefasst hatte. Indessen, wie heftig diese auch war, so ließ sie ihn doch nicht seine Pflicht vergessen. Er antwortete ihr also ohne Bedenken: “Prinzessin, ich würde euer höfliches Anerbieten, wofür ich euch nicht genug danken kann, herzlich gern annehmen, sofern sich die Unruhe, worin sich mein königlicher Vater wegen meiner Entfernung befinden muss, mich nicht daran durchaus hinderte. Ich würde der Güte und Zärtlichkeit, die er stets gegen mich bewiesen, unwürdig sein, wenn ich nicht sogleich zurückkehrte und mich zu ihm begäbe, um seine Unruhe zu stillen. Ich kenne ihn und bin überzeugt, dass, während ich das Glück gehabt, der Unterhaltung mit einer so liebenswürdigen Prinzessin zu genießen, er in die tödlichste Betrübnis versenkt ist und jede Hoffnung, mich wieder zu sehen aufgegeben hat. Ich hoffe, ihr werdet so gerecht sein, von mir zu glauben, das ich nicht wohl, ohne undankbar und strafbar zu sein, es aufschieben kann, ihm durch meine Wiedererscheinung das Leben wiederzugeben, welches ein längerer Aufschub meiner Rückkehr ihm leicht für immer rauben könnte.” “Nachdem dies geschehen sein wird, Prinzessin,” fuhr der Prinz von Persien fort, “und ihr mich dann noch für würdig achtet, um nach dem Glück einer Verbindung mit euch streben zu können, so werde ich, da mein Vater mich stets versichert hat, er werde mich in der Wahl einer Gemahlin nie zwingen, ohne Mühe von ihm die Erlaubnis erhalten, hierher zurückzukehren, nicht als Unbekannter, sondern als Prinz, und in seinem Namen den König von Bengalen zu bitten, durch eine Heiratsverbindung zwischen uns ein Bündnis mit ihm zu schließen. Ich bin überzeugt, dass er selber den ersten Schritt dazu tun wird, sobald ich ihm die Großmut gemeldet haben werde, womit ihr mich in meinem Unfall aufgenommen habt.” Bei der Art und Weise, womit sich der Prinz von Persien hierüber erklärte, war die Prinzessin von Bengalen zu vernünftig, um noch weiter in ihn zu dringen, dass er sich dem König von Bengalen zeigen oder irgend etwas, das seiner Ehre und Pflicht zuwiderliefe, tun möchte, allein sie war wegen seiner baldigen Abreise, die er vor hatte, sehr bekümmert, und sie fürchtete, dass, wenn er sobald wieder von ihr Abschied nähme, er, anstatt sein ihr getanes Versprechen zu halten, es vielmehr, sobald er sie nicht mehr sähe, gänzlich vergessen würde. Um ihn davon abzubringen, sagte sie zu ihm: “Prinz, indem ich euch den Vorschlag machte, euch in die gehörige Verfassung zu setzen, um den König, meinen Vater sehen und sprechen zu können, war es nicht meine Absicht, einer so gegründeten Einwendung, als ihr mir soeben machtet, und die ich nicht voraussehen konnte, zu widersprechen. Ich würde mich selber an dem Vergehen mitschuldig machen, das ihr dann begehen würdet, sofern ich auch nur den geringsten Gedanken daran gehabt hätte. Indessen ich kann es nicht bewilligen, dass ihr sobald schon an eure Rückreise denkt, wie es doch der Fall zu sein scheint. Erweist mir auf meine Bitte wenigstens den Gefallen, euch noch so viel Frist zu gestatten, um euch hier umsehen zu können, und da einmal mein Glücksstern gewollt hat, dass ihr gerade in das Königreich Bengalen, und nicht mitten in eine Wüste oder auf den Gipfel eines steilen Gebirges, von wo kein Hinabweg möglich, gelangt seid, so fordere ich euch auf, euch doch wenigstens hier so lange aufzuhalten, um von hier einige umständlichere Nachrichten an den persischen Hof zurückzubringen.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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