359. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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359. Nacht

Ich bat ihn, mich doch nicht in diesem unglücklichen Zustand zu verlassen, und mich wenigstens bis zu der nächsten Karawane zu geleiten. Aber er blieb taub gegen meine Bitten und Wehklagen. Auf diese Weise meines Augenlichts und alles dessen beraubt, was ich auf der Welt besaß, würde ich vor Hunger und Betrübnis gestorben sein, wenn nicht eine Karawane, die von Balsora kam, mich mitleidig mitgenommen und nach Bagdad geführt hätte.

Aus einer Lage, die, wenn auch nicht an Macht und Gewalt, doch gewiss an Reichtum und Pracht mich den Fürsten gleich stellte, sah ich mich jetzt hilflos an den Bettelstab gebracht. Ich musste mich also entschließen, um Almosen zu betteln, was ich denn auch bisher getan habe. Doch um mein Vergehen gegen Gott abzubüßen, legte ich mir zugleich die Strafe auf, von der Hand einer jeden mildtätigen Person, die mein Elend bemitleiden würde, eine Ohrfeige zu empfangen.

Dies ist nun, o Beherrscher der Gläubigen, der Grund jenes Benehmens, das Euer Majestät gestern so seltsam vorkam und mir vielleicht euren Zorn zugezogen hat. Ich bitte euch nochmals als euer Sklave um Verzeihung, und unterwerfe mich gern jeder Strafe, die ich verdient habe. Solltet ihr indes über die Buße, die ich mir aufgelegt, ein Urteil zu fällen geruhen, so bin ich überzeugt, dass ihr sie viel zu leicht und weit unter meinem Vergehen finden werdet.”

Als der Blinde seine Geschichte erzählt hatte, sagte der Kalif zu ihm: “Baba Abdallah, deine Sünde ist groß. Doch Gott sei gelobt, dass du die Größe derselben eingesehen und dir diese öffentliche Buße deshalb aufgelegt hast. Es ist jetzt damit genug. Von nun an setzt du diese Bußübung für dich fort und höre nicht auf, in jedem Gebet, was du aus Pflichten der Religion jeden Tag an ihn richtest, ihn um Vergebung zu bitten, und damit du nicht durch die Sorge um deinen Lebensunterhalt davon abgezogen werden magst, setze ich dir für dein ganzes Leben ein Almosen aus, nämlich jeden Tag vier Drachmen meines Gelds, welche dir mein Großwesir verabreichen lassen wird. Gehe daher nicht weg, und warte, bis er meinen Befehl vollzogen haben wird.”

Bei diesen Worten warf sich Baba Abdallah vor dem Thron des Kalifen nieder, und beim Aufstehen dankte er ihm sodann und wünschte ihm alles mögliche Glück und Heil.

Der Kalif Harun Arreschyd, zufrieden mit der Geschichte Baba Abdallahs und des Derwisches, wendete sich jetzt an den jungen Mann, den er seine Stute so übel behandeln gesehen hatte, und fragte ihm um seinen Namen, wie er es bei dem Blinden gemacht hatte. Der junge Mann sagte ihm, er heiße Sidi Numan.

“Sidi Numan,” sagte hierauf der Kalif zu ihm, “ich habe in meinem Leben schon viele Pferde zureiten gesehen und oft selber welche zugeritten, aber noch nie habe ich eines so grausam stoßen und schlagen gesehen, als du gestern auf freier Straße und zum großen Ärgernis aller Zuschauenden, die darüber laut murrten, gegen deine Stute getan hast. ich ärgerte mich eben so sehr darüber als die Umstehenden, und es fehlte wenig, dass ich mich nicht – ganz gegen meine sonstige Weise – zu erkennen gab, um diesem Unwesen zu steuern. Gleichwohl kündigt dein Äußeres gar nicht einen grausamen und barbarischen Menschen an. Ich will sogar glauben, dass du sie nicht ganz ohne Ursache so behandelst. Da ich weiß, dass es nicht das erste Mal ist, und dass du schon seit langer Zeit täglich deine Stute so misshandelst, so wünschte ich wohl den Grund davon zu erfahren, und ich habe dich hierher kommen lassen, um ihn von dir zu vernehmen. Sage mir daher die Sache ganz so, wie sie wirklich ist, und verhehle mir nichts.”

Sidi Numan begriff leicht, was der Kalif von ihm verlangte. Doch diesen Bericht zu geben, setzte ihn in die peinlichste Verlegenheit. Er änderte mehrmals die Farbe und ließ unwillkürlich die große Verwirrung blicken, worin er sich befand. Indessen musste er sich entschließen, den Grund davon anzugeben. Er warf sich daher, bevor er zu sprechen anfing, vor dem Thron des Kalifen nieder, und nachdem er wieder aufgestanden, wollte er beginnen, um die Neugier des Kalifen zu befriedigen. Doch er blieb voll Bestürzung still, minder von der Majestät des Kalifen, vor welchem er erschien, betroffen, als von dem Inhalt der Erzählung, die er ihm machen sollte.

Wie ungeduldig auch immer der Kalif von Natur war, seinen Willen erfüllt zu sehen, ließ er dennoch keinen Unwillen über Sidi Numans Stillschweigen blicken. Er dachte nämlich, dass es ihm vielleicht an Dreistigkeit, vor ihm zu reden, fehle, oder dass er durch den Ton, worin er zu ihm gesprochen, eingeschüchtert worden sei, oder endlich, dass in dem, was er ihm sagen sollte, Dinge vorkämen, die er lieber zu verschweigen wünschte.

“Sidi Numan,” sagte der Kalif zu ihm, um ihn zu beruhigen, “fasse dich, und stelle dir vor, als ob du das, was ich verlange, nicht mir, sondern irgend einem Freund, der dich darum bäte, erzählen solltest. Sollte übrigens in dieser Erzählung irgend etwas enthalten sein, was dich in Verlegenheit setzt, oder wovon du glaubst, dass es mich beleidigen könnte, so verzeihe ich es dir im voraus. Lass also alle deine Unruhe fahren, rede frei heraus und verhehle mir nichts, ganz so, als ob du deinen besten Freund vor dir hättest.”

Sidi Numan, den die letzten Äußerungen des Kalifen beruhigt hatten, nahm endlich das Wort und sagte: “Beherrscher der Gläubigen, wie groß auch immer die Bestürzung sein mag, von welcher jeder Sterbliche in der Nähe Euer Majestät und vor dem Glanz eures Thrones befallen werden muss, so fühle ich mich doch stark genug, um zu glauben, dass diese ehrfurchtsvolle Scheu mir bis zu dem Grad den Mund verschließen könnte, dass ich gegen den euch schuldigen Gehorsam fehlen und euch über irgend etwas, das ihr von mir verlangt, keine Auskunft geben sollte. Wenn ich mich auch nicht für den vollkommensten Menschen ausgeben darf, so bin ich doch anderseits nicht so bösartig, dass ich je den Willen gehabt hätte, irgend etwas gegen die Gesetze zu begehen, das mir Furcht vor ihrer strengen Ahndung einflößen könnte. Indessen wie gut auch immer mein Wille gewesen ist, so erkenne ich doch, dass ich nicht von Fehlern, die man aus Unwissenheit begeht, frei geblieben bin. Dies ist nun mein Fall. Ich sage gleichwohl nicht, dass ich auf die Vergebung baue, welche Euer Majestät, ohne mich angehört zu haben, gnädigst mir erteilt hat. Sondern im Gegenteil unterwerfe ich mich eurem gerechten Urteil und selbst der Strafe, wenn ich sie verdient habe. Ich gestehe, dass seit einiger Zeit die Art und Weise, wie ich meine Stute behandelt habe, seltsam, grausam und nicht nachzuahmen ist, aber ich hoffe, dass ihr die Ursache hiervon sehr wohl begründet und mich selber mehr des Mitleids, als der Strafe würdig finden werdet. Ich darf euch nicht länger durch eine langweilige Vorrede in gespannter Erwartung halten. Hört denn also meine Geschichte.”

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