349. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
349. NachtGanem, der oben auf dem Palmbaum alles, was die Sklaven sprachen, gehört hatte, wusste nicht, was er von diesem Abenteuer denken sollte. Er mutmaßte, der Kasten müsse wohl etwas kostbares enthalten, und die Person, welcher er gehöre, müsse ihre Gründe haben, ihn auf dem Totenacker verstecken zu lassen. Er beschloss, sich auf der Stelle hierüber Aufklärung zu verschaffen, und stieg von Palmbaum herab. Der Weggang der Sklaven hatte ihm jede Furcht benommen. Er fing an, an dem Grabhügel zu arbeiten, und wusste so gut seine Hände und Füße zu benutzen, dass er in kurzer Zeit den Kasten von der Erde entblößt hatte. Indessen er fand ihn durch ein großes Vorlegeschloss verschlossen. Er ärgerte sich außerordentlich über dies neue Hindernis, welches ihn abhielt, seine Neugierde zu befriedigen. Indessen er verlor den Mut nicht, und als unterdessen der Tag anbrach, so entdeckte er auf dem Begräbnisplatz mehrere große Kieselsteine. Er suchte sich einen derselben aus und zersprengte ohne sonderliche Mühe das Vorlegeschloss. Hierauf öffnete er voll Ungeduld den Kasten. Allein, wie groß war Ganems Erstaunen, als er, anstatt, wie er erwartet hatte, Geld darin zu finden, ein junges Mädchen von unvergleichlicher Schönheit darin antraf. An ihrer frischen und rosigen Gesichtsfarbe, und mehr noch an ihrem sanften und regelmäßigen Atemholen erkannte er, dass sie noch voll Leben sei. Nur konnte er nicht begreifen, warum sie doch, im Fall sie bloß schlief, bei dem Geräusch, das er beim Aufsprengen des Vorlegeschlosses gemacht hatte, nicht erwacht war. Sie hatte ein so prächtiges Kleid, diamantene Armbänder und Ohrgehänge, nebst einem Halsband von so großen und seinen Perlen, dass er keinen Augenblick zweifelte, es müsse eine von den vornehmsten Frauen des Hofes sein. Beim Anblick einer solchen Schönheit wurde Ganem nicht bloß von Mitleid und jener natürlichen Neigung, andern in Gefahr beizustehen, sondern von einem stärkeren Gefühl, welches er sich nicht erklären konnte, angetrieben, dieser jungen Schönen alle die Hilfe zu leisten, die in seiner Macht stand. Vor allen Dingen verschloss er die Tür des Begräbnisortes, welche die Sklaven offen gelassen hatten. Sodann kehrte er zurück, fasste die Dame unter den Armen, zog sie aus dem Kasten heraus und legte sie auf die frisch aufgewühlte Erde hin. Sie war kaum in diese Lage gebracht und der frischen Luft ausgesetzt, als sie nieste und, nach einer kleinen Anstrengung mit dem Kopf, durch den Mund eine Flüssigkeit von sich gab, die ihr, wie es schien, bisher den Magen beschwert hatte. Sodann blinzelte sie, rieb sich die Augen, und rief mit einer Stimme, wovon Ganem, den sie nicht sehen konnte, ganz bezaubert wurde: “Gartenblume, Korallenzweig, Zuckerrohr, Tageslicht, Morgenstern, Zeitvertreib, so redet doch, wo seid ihr?” Dies waren nämlich die Namen von Sklavinnen, die ihr gewöhnlich aufwarteten. Sie rief nach ihnen, und wunderte sich sehr, dass niemand antwortete. Endlich schlug sie die Augen auf, und als sie sich auf einem Totenacker erblickte, wurde sie von Furcht ergriffen. “Was ist das?”, rief sie, noch stärker als zuvor. “Stehen die Toten auf? Sind wir schon am jüngsten Tag? Welch eine seltsame Veränderung seit gestern Abend!” Ganem wollte die junge Schöne nicht länger in dieser Unruhe lassen. Er trat mit aller nur möglichen Ehrerbietung und auf die artigste Weise vor sie hin und sagte zu ihr: “Edle Frau, ich kann euch nur sehr schwach die Freude schildern, die ich darüber empfinde, dass ich hier zugegen war und euch diesen Dienst leisten konnte, und dass ich euch alle die Hilfe anbieten kann, deren ihr in eurem jetzigen Zustand bedürfet.” Um der schönen Frau Zutrauen zu sich einzuflößen, sagte er ihr zuerst, wer er wäre, und durch welchen Zufall er auf diesen Begräbnisort geraten sei. Sodann erzählte er ihr die Ankunft der drei Sklaven und wie sie den Kasten vergraben hätten. Die Frau, welche sich beim Anblick Ganems das Gesicht mit ihrem Schleier verhüllt hatte, wurde von lebhaftem Dankgefühl gegen ihn ergriffen, und sagte: “Ich danke Gott, dass er mir einen so wackern Mann, wie ihr seid, zugesandt hat, um mich vom Tod zu befreien. Doch da ihr ein so mildtätiges Werk einmal angefangen habt, so beschwöre ich euch, es nicht unvollendet zu lassen. Geht, ich bitte euch darum, in die Stadt und holt einen Mauleseltreiber, der mich hier wegholt und in demselben Kasten nach eurer Wohnung führe. Denn wenn ich mit euch zu Fuße von hier wegginge, so könnte jemandem unterwegs meine Kleidung, die sich von der Kleidung de übrigen Frauen in der Stadt, unterscheidet, auffallen und ihn bewegen, mir nachzugehen, was ich aber um äußerst wichtiger Gründe willen zu vermeiden suchen muss. Sobald ich in eurem Haus bin, werdet ihr aus der Erzählung meiner Geschichte erfahren, wer ich bin. Unterdessen aber seid versichert, dass ihr nicht eine Undankbare zu Dank verpflichtet habt.” Der junge Kaufmann zog, bevor er sie schöne Frau verließ, den Kasten aus der Grube heraus, schüttete diese mit Erde wieder zu, legte die Frau dann wieder in den Kasten, und machte diesen wieder so zu, dass man nicht merkte, dass das Schloss daran zersprengt sei. Damit indessen die Frau nicht ersticken konnte, ließ er einen kleinen Ritz offen, durch welchen sie frische Luft schöpfen konnte. Beim Weggehen aus dem Begräbnisplatz zog er die Tür hinter sich zu, und da das Stadttor bereits offen war, so fand er bald, was er suchte. Er kehrte nun nach dem Totenacker zurück, half dem Maultiertreiben den Kasten auf seinen Maulesel laden, und sagte, um ihm jeden Verdacht zu nehmen: Er sei in der Nacht mit einem anderen Maultiertreiber hier angekommen, und dieser hätte in der Eile, um schnell umkehren zu können, den Kasten auf dem Begräbnisplatz abgeladen. Ganem, der seit seiner Ankunft in Bagdad sich nur mit seinem Handel beschäftigt hatte, hatte noch nie die Macht der Liebe empfunden. Jetzt fühlte er sie zum ersten Mal. Er hatte die junge Schöne nicht ansehen können, ohne von ihrer Schönheit ganz geblendet zu werden, und die Unruhe, die er empfand, als er von fern dem Maultiertreiber folgte, so wie die Besorgnis, dass ihm unterwegs irgend etwas zustoßen könnte, was ihm seine Eroberung entreißen könnte, gaben ihm über seinen innern Zustand Aufschluss. Seine Freude war unbeschreiblich, als er glücklich bei seiner Wohnung angelangt war und den Kasten abladen sah. Nachdem er den Maultiertreiber entlassen, und durch einen seiner Sklaven die Haustür hatte verschließen lassen, öffnete er den Kasten, half der jungen Schönen heraus steigen, bot ihr die Hand, und führte sie nach seinem Zimmer, indem er sie wegen dessen bedauerte, was sie in diesem engen Verschluss ausgestanden habe. “Wenn ich etwas ausgestanden habe,” sagte sie hierauf, “so bin ich durch das, was ihr für mich getan, und durch das Vergnügen, das ich empfinde, mich in Sicherheit zu sehen, hinlänglich dafür entschädigt. Das Zimmer Ganems, so reich möbliert es auch war, zog minder die Aufmerksamkeit der Schönen auf sich, als der schlanke Wuchs und der edle Anstand ihres Befreiers, dessen Artigkeit und verbindliches Wesen ihr das lebhafteste Dankgefühl einflößten. Sie setzte sich auf ein Sofa, und um dem Kaufmann an den Tag zu legen, wie sehr sie den ihr geleisteten Dienst anerkenne, nahm sie ihren Schleier ab. Ganem fühlte seinerseits die Gunst, die eine so liebenswürdige Dame ihm dadurch erzeigte, dass sie ihn ihr entschleiertes Gesicht sehen ließ, in ihrer ganzen Größe, oder vielmehr er fühlte, dass er für sie bereits die leidenschaftlichste Zuneigung hegte. Wie viel Verbindlichkeiten sie ihm auch schuldig sein mochte, er fühlte sich durch eine so köstliche Gunstbezeigung nur zu sehr belohnt. Die Schöne erriet Ganems Gesinnungen, wurde aber darüber nicht unruhig, weil er sich in ehrerbietiger Ferne hielt. Da er mutmaßte, dass sie wohl zu essen wünschen möge, und keinem andern das Geschäft übertragen wollte, einen so reizenden Gast zu bewirten, so ging er in Begleitung eines Sklaven zu einem Speisenwirt und bestellte eine Mahlzeit. Von dem Speisewirt begab er sich dann zu einem Obsthändler, wo er sich die schönsten und vortrefflichsten Früchte auslas. Ebenso kaufte er sich von dem köstlichsten Wein und von demselben Brot, das der Kalif auf seiner Tafel speiste. Sobald er in seine Wohnung zurückgekehrt war, errichtete er mit eigener Hand von den eingekauften Früchten eine Pyramide, und setzte diese selber in einer Schüssel von dem feinsten Porzellan vor sie hin, indem er zu ihr sagte: “Edle Frau, unterdessen, bis eine nahrhaftere und eurer würdige Mahlzeit bereitet sein wird, wählt und nehmt, ich bitte euch, einige von diesen Früchten hier.” Er wollte vor ihr stehen bleiben, doch sie erklärte, dass sie nicht eher etwas anrühren würde, als bis er sich gesetzt haben und mit ihr essen würde. Er gehorchte, und als sie einige Stücke gespeist hatten, bemerkte Ganem, dass der Schleier, den die Dame neben sich aufs Sofa hingelegt, mit einem Saume aus Gold gestickten Buchstaben gefasst war, und bat um die Erlaubnis, diese Stickerei sehen zu dürfen. Die schöne Frau nahm und überreichte ihm den Schleier, mit der Frage, ob er auch wohl lesen könne? “Verehrungswürdige Frau,” erwiderte er mit Bescheidenheit, “ein Kaufmann, der nicht wenigstens lesen und schreiben kann, würde sehr schlecht seine Geschäfte betreiben.” – “Nun gut,” erwiderte sie, “so lest die Worte, die hier in den Schleier gestickt sind. Es ist dies zugleich ein Anlass für mich, euch meine Geschichte zu erzählen.” Ganem nahm den Schleier und las folgende Worte: “Ich gehöre dir und du gehörst mir, o Abkömmling von dem Oheim des Propheten!” Dieser Abkömmling von dem Oheim des Propheten war der Kalif Harun Arreschyd, der damals regierte und von Abbas, dem Oheim Mohammeds, abstammte. Als Ganem den Sinn dieser Worte begriffen hatte, rief er traurig aus: “Ach, gnädige Frau, ich habe euch so eben das Leben wieder gegeben, und diese Schrift gibt mir den Tod! Ich verstehe die geheime Bedeutung derselben zwar nicht ganz, doch sehe ich nur zu wohl ein, dass ich der unglückseligste aller Menschen bin. Verzeiht mir, edle Frau, die Freiheit, die ich mir nehme, es euch zu sagen: Ich konnte euch nicht sehen, ohne euch mein Herz zu schenken, ihr selber wisst, wie wenig es in meiner Macht stand, es euch zu versagen, und das ist es, was meiner Verwegenheit zur Entschuldigung gereichen wird. Ich nahm mir vor, das eurige durch meine Verehrung, meine Sorgfalt, meine Gefälligkeiten, meinen Eifer, meine Unterwürfigkeit und meine Beharrlichkeit zu rühren, und kaum habe ich diesen schmeichelhaften Plan gefasst, als ich auch schon meine Hoffnungen wieder dahin sinken sehe. Ich kann nicht dafür stehen, dass ich ein so großes Unglück lange zu ertragen im Stand sein werde. Allein, was auch immer daraus entstehen mag, ich werde wenigstens den Trost haben, für euch zu sterben. Gebt mir, edle Frau, ich beschwöre euch, völlige Aufklärung über mein trauriges Schicksal.” Er konnte diese letzten Worte nicht ohne Tränen aussprechen. Die schöne Frau wurde davon gerührt. Anstatt über die Erklärung, die sie so eben vernommen, sich zu beklagen, empfand sie vielmehr eine geheime Freude darüber, denn ihr Herz hatte sich bereits von ihm einnehmen lassen. Jedoch verhehlte sie es, und als ob sie auf Gamens Rede gar nicht Acht gegeben, antwortete sie ihm: “Ich hätte mich wohl gehütete, euch meinen Schleier zu zeigen, wenn ich geglaubt hätte, dass er euch so großes Missvergnügen machen würde, und ich sehe nicht ab, wie das, was ich euch gesagt, euer Los so beklagenswert machen könne, als ihr euch einbildet. Ihr müsst nämlich wissen,” fuhr sie fort, “um euch meine Geschichte zu erzählen, dass ich Herzenspein1) heiße, – ein Name, der mir bei meiner Geburt gegeben wurde, weil man glaubte, dass mein Anblick dereinst viel Leid verursachen würde. Er wird euch nicht unbekannt sein, da in ganz Bagdad niemand ist, der nicht wüsste, dass der Kalif Harun Arreschyd eine Favoritin hat, die so heißt. Man brachte mich schon in meiner frühsten Jugend in den Palast, und erzog mich mit aller Sorgfalt, die man nur irgend auf Personen meines Geschlechts, die darin zu bleiben bestimmt sind, zu verwenden pflegt. Ich machte in alle dem, was man mich lehrte, nicht üble Fortschritte, und dies, nebst einem Zug von Schönheit, erwarb mir die Freundschaft des Kalifen, der mir ein besonderes Zimmer neben dem seinigen einräumte. Der Kalif ließ es bei dieser Auszeichnung nicht bewenden. Er ernannte zwanzig Frauen mir zur Aufwartung, nebst eben so vielen Verschnittenen, und machte mir seitdem so ansehnliche Geschenke, dass ich mich bald reicher sah, als irgend eine Königin auf der Welt. Ihr könnt leicht denken, dass Sobeïde, die Gemahlin und Verwandte des Kalifen, mein Glück nicht ohne Eifersucht ansehen konnte. Obwohl Harun ihr alle mögliche Achtung erzeigte, so suchte sie doch jede Gelegenhit auf, mich ins Verderben zu stürzen. Bisher hatte ich mich immer vor ihren Fallstricken zu hüten gewusst, doch endlich unterlag ich dem letzten Anschlag ihrer Eifersucht, und ohne euch würde ich in diesem Augenblick meinem unvermeidlichen Tod entgegen sehen. Es ist mir unzweifelhaft, dass sie eine meiner Sklavinnen bestochen hat, die mir gestern Abend im Zitronenwasser ein Pulver beibrachte, welches einen so tiefen Schlaf verursachte, dass man mit denen, die es zu sich genommen, nach Belieben schalten kann, und zwar ist dieser Schlaf von der Art, dass sieben bis acht Stunden hindurch nichts ihn zu verscheuchen im Stande ist. Ich habe umso mehr Grund, dies zu vermuten, da ich von Natur einen so leichten Schlaf habe, und bei dem geringsten Geräusch erwache. Sobeïde hat zur Ausführung ihres boshaften Planes die Abwesenheit des Kalifen benutzt, der vor einigen Tagen an der Spitze seines Heeres ins Feld gezogen ist, um die Kühnheit einiger benachbarten Könige zu bestrafen, die sich zum Krieg gegen ihn verbunden haben. Ohne diesen günstigen Zufall würde meine Nebenbuhlerin, so wütend sie sein mag, dennoch nichts gegen mein Leben zu unternehmen gewagt haben. Ich weiß nicht, was sie tun wird, um dem Kalifen die Kenntnis von diesem ihrem Verfahren zu entziehen. Indessen ihr seht wenigstens, wie wichtig es für mich ist, dass ihr die Sache als Geheimnis bewahrt. Mein Leben steht auf dem Spiel, und so lange der Kalif von Bagdad abwesend ist, werde ich in eurer Wohnung nicht sicher sein. Euch selbst muss darin liegen, mein Abenteuer geheim zu halten, denn wenn Sobeïde erführe, welche Verpflichtung ich gegen euch habe, sie würde euch selber für meine Lebensrettung bestrafen. Nach der Rückkehr des Kalifen werde ich weniger Vorsichtsmaßregeln zu beobachten haben. Ich werde dann schon Mittel und Wege finden, ihn von dem Vorgefallenen zu unterrichten, und ich bin überzeugt, dass er eifriger, als ich selber bemüht sein wird, einen Dienst zu vergelten, der mich seiner Liebe wiederschenkt.” Als die schöne Favoritin Harun Arreschyds ausgesprochen hatte, nahm Ganem das Wort und sagte: “Gnädige Frau, ich sage euch tausendfachen Dank für die Aufklärung , die ihr mir auf meine Bitte gegeben, und ich bitte euch, zu glauben, dass ihr hier völlig in Sicherheit seid. Die Gefühle, die ihr mir eingeflösst, bürgen euch für meine Verschwiegenheit. Indessen was die meiner Sklaven betrifft, so gestehe ich euch, dass man sich nicht ganz darauf verlassen kann. Sie könnten leicht die mir schuldige Treue aus den Augen setzen, wenn sie wüssten, durch welchen Zufall und an welchem Ort ich euch zu treffen das Glück gehabt. Indessen dies können sie unmöglich ahnen, ja ich glaube euch sogar versichern zu können, dass sie nicht die mindeste Neugier haben werden, danach zu forschen. Es ist etwas so gewöhnliches an jungen Männern, dass sie sich schöne Sklavinnen zu verschaffen suchen, dass sie sich gar nicht wundern werden, euch hier zu sehen, in der Meinung, ihr wärt eine solche Sklavin, die ich eben erst gekauft hätte. Auch werden sie denken, ich hätte meine Gründe gehabt, um euch auf diese Art und Weise, als es geschehen ist, in meine Wohnung zu bringen. Seid also darüber ganz ruhig und versichert, dass man euch mit all der Ehrerbietung dienen wird, die der Favoritin eines so mächtigen Fürsten gebührt. Indessen auf welchem hohen Standpunkt der Größe er auch stehen mag, so werdet ihr mir dennoch erlauben, euch, edle Frau, zu versichern, dass nichts mich je dazu vermögen wird, das Geschenk zu widerrufen, welches ich euch mit meinem Herzen gemacht habe. Ich weiß wohl, dass ich nie jene Vorschrift vergessen darf: “Was dem Herrn gehört, ist dem Sklaven verwehrt.” Jedoch ich liebe euch, bevor ihr mir noch gesagt hattet, dass ihr bereits an den Kalifen versagt wäret, und es hängt nicht mehr von mir ab, eine Leidenschaft zu unterdrücken, die in ihrem Aufkeimen bereits alle die Stärke einer durch die vollkommenste Gegenliebe erhöhten Neigung hat. Ich wünsche, dass euer erhabener und nur zu glücklicher Geliebter für euch an der Bosheit Sobeïdes dadurch Rache nehme, dass er euch an seine Seite zurückrufe, und wenn ihr euch dann seinen Wünschen wiedergegeben sehen werdet, so wünsche ich, dass ihr euch bisweilen des unglücklichen Ganem erinnern mögt, dessen Herz ihr ebenso wohl erobert habt, als das des Kalifen. So mächtig dieser Fürst auch ist, so wird er doch – sofern ihr anders Gefühl für zärtliche Liebe habt – mich, wie ich hoffe, nicht ganz aus eurem Gedächtnis verdrängen können. Er kann euch nicht feuriger lieben, als eich euch liebe, und ich werde nicht aufhören für euch zu erglühen, in welchen Winkel der Erde ich auch nach eurem Verlust hingehen mag, um zu sterben.” Herzenspein bemerkte, dass Ganem vom tiefsten Schmerz durchdrungen war, und wurde davon gerührt. Doch da sie die Verlegenheit voraus sah, worin sie geraten würde, wenn sie die Unterhaltung über diesen Gegenstand fortsetzte, die sie leicht dahin führen könnte, ihre Neigung, die sie für ihn fühlte, zu verraten, so sagte sie zu ihm: “Ich sehe wohl, dass dies Gespräch euch zu sehr betrübt. Wir wollen es daher lassen, und von der unendlichen Verpflichtung sprechen, die ich zu euch habe. Ich kann euch nicht meine Freude beschreiben, wenn ich daran denke, dass ich ohne eure Hilfe jetzt das Tageslicht nicht mehr sehen würde.” Zum Glück für beide klopfte man in diesem Augenblick an die Tür. Ganem stand auf, um zu sehen, was es wäre, und es fand sich, dass es einer von den Sklaven war, der ihm die Ankunft des Speisewirts meldete. Ganem, der zu größerer Vorsicht seine Sklaven nicht in das Zimmer, worin Herzenspein war, eintreten lassen wollte, nahm dem Speisewirt seine Speisen ab und setzte sie selber seinem schönen Gast vor, die im Herzen von seiner zuvorkommenden Sorgfalt gegen sie entzückt war. Nach der Mahlzeit trug Ganem die Speisen wieder ab, so wie er sie aufgetragen, und als er sie an der Tür des Zimmers dem Sklaven übergeben hatte, sagte er zu Herzenspein: “Gnädige Frau, ihr werdet jetzt vielleicht gern ruhen wollen?” Ich verlasse euch daher, und sobald ihr etwas Ruhe genossen habt, werdet ihr mich wieder zu euren Befehlen bereit sehen.” Nachdem er dies gesprochen, ging er fort, und kaufte zwei Sklavinnen, ferner auch zwei Päckchen, wovon das eine die feinste Leinwand, das andere alles das enthielt, was irgend zum Putz für eine Favoriten des Kalifen erforderlich war. Er führte die beiden Sklavinnen nach seiner Wohnung, und stellte sie der schönen Herzenspein mit den Worten vor: “Edle Frau, eine Person eures Standes bedarf zum wenigsten zwei Sklavinnen zur Bedienung genehmigt also, dass ich euch diese beiden hier übergebe.” Herzenspein bewunderte Ganems zarte Aufmerksamkeit und sagte zu ihm: “Herr, ich sehe wohl, dass ihr nicht der Mann seid, der etwas bloß halb zu tun pflegt. Ihr vermehrt durch euer gegenwärtiges Benehmen die Verbindlichkeiten, die ich euch schuldig bin. Indessen hoffe ich, dass ich nicht als eine Undankbare sterben werde, und dass der Himmel mich bald in den Stand setzen wird, euch alle eure großmütigen Handlungen vergelten zu können.” 1) Der Name der Schönen heißt im arabischen Fitnat, d.h. Versuchung, Anfechtung, überhaupt alles, wodurch der Mensch zu etwas gereizt oder verführt wird. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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