339. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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339. Nacht

Es kam jetzt darauf an, zu wissen, wo die Lampe sei. Ob Aladdin sie bei sich trüge, oder wo er sie aufbewahrte, und dies musste der Zauberer vermittelst der Punktierkunst entdecken. sobald er in seiner Wohnung angekommen war, nahm er sein Viereck nebst dem Sand wieder vor, welches beides er auf allen seinen Reisen bei sich führte. Nachdem er damit die gewöhnlichen Versuche vorgenommen, erfuhr er, dass die Lampe sich in Aladdins Palast befände, und er war über die Entdeckung so erfreut, dass er ganz außer sich war. “So werde ich denn also zum Besitz dieser Lampe gelangen,” sagte er bei sich selbst, “und Trotz sei Aladdin geboten, wenn er mich hindern wollte, sie ihm zu entreißen und ihn wieder in den niedrigen Stand hinabzudrücken, aus dem er so hoch emporgestiegen ist.”

Das Unglück wollte, dass Aladdin damals gerade auf acht Tage auf die Jagd gegangen und erst seit drei Tagen fort war. Der afrikanische Zauberer erfuhr dies auf folgende Weise. Sobald er durch sein Punktierverfahren die frohe Kunde bekommen, ging er zu dem Aufseher des Kahns, unter dem Vorwand, sich mit ihm zu unterhalten, und dieser hatte dazu einen solchen hang, dass es nicht erst nötig war, weit auszuholen. Er erzählte ihm, dass er Aladdins Palast besehen, und nachdem er ihm alles heraus gepriesen, was er daran Bewunderungswertes entdeckt hatte, fuhr er fort: “Meine Neugier geht noch weiter, und ich werde nicht eher befriedigt sein, als bis ich den Herrn dieses wundervollen Gebäudes selbst gesehen haben werde.” – “Diesen zu sehen,” erwiderte der Aufseher des Kans, “wird nicht schwer halten, da fast jeden Tag Gelegenheit dazu  ist, sobald er sich in der Stadt aufhält. Doch seit drei Tagen befindet er sich auf der Jagd, welche acht Tage dauern wird.”

Mehr wollte der afrikanische Zauberer nicht wissen. Er nahm von dem Mann Abschied, entfernte sich und sagte bei sich selber: “Dies ist ein günstiger Augenblick zum Handeln, ich darf mir ihn nicht entgehen lassen.” Er ging hierauf in den Laden eines Mannes, welcher Lampen zum Verkauf machte, und sagte zu diesem: “Meister, ich brauche ein Dutzend kupferne Lampen. Könnt ihr mir sie wohl ablassen?” Der Lampenverkäufer antwortete, dass ihm zwar einige zum vollen Dutzend fehlten, doch wenn er sich bis morgen gedulden wolle, so könne er ihm die volle Anzahl bis zu jeder beliebigen Stunde schaffen. Der Zauberer nahm dies an, nur empfahl er ihm, dass sie sauber und blank sein müssten, und nachdem er ihm eine gute Bezahlung versprochen, ging er in seinen Kan zurück.

Den folgenden Tag wurde das Dutzend Lampen dem Zauberer abgeliefert, welcher sie nach dem Preis, der verlangt wurde, bezahlte, ohne das mindeste davon abzuhandeln. Er legte sie in einen Korb, womit er sich zu diesem Behelf versehen hatte, und mit diesem Korb am Arm ging er nach Aladdins Palast, und fing, als er sich demselben näherte, zu rufen an:

“Wer will alte Lampen gegen neue eintauschen?”

Je näher er kam, kamen die kleinen Kinder, die auf dem Platz spielten, so wie sie ihn nur hörten, herbeigelaufen, versammelten sich mit lautem Hohngelächter um ihn her und betrachteten ihn wie einen Narren. Selbst die vorübergehenden lachten über seine Dummheit, wofür sie es hielten. “Er muss wohl,” sagten sie, “den Verstand verloren haben, dass er alte Lampen zum Tausch gegen neue anbietet.”

Der afrikanische Zauberer wunderte sich weder über das Auspfeifen und Auszischen von Seiten der Kinder, noch über das, was man etwa über ihn reden mochte. Sondern, um seine Waren loszuwerden, fuhr er fort zu schreien:

“Wer will alte Lampen gegen neue vertauschen?”

Er wiederholte diesen Ruf so oft, im Auf- und Niedergehen auf dem Platz, vor dem Palast und neben demselben, dass die Prinzessin Badrulbudur, welche damals eben in dem Saal von vierundzwanzig Fenstern war, die Stimme des Mannes hörte. Da sie indessen nicht verstehen konnten, was er ausrief, wegen des Pfeifens und Zischens der ihn begleitenden Kinder, deren Menge jeden Augenblick größer wurde, so schickte sie eine ihrer Sklavinnen, die ihr am nächsten stand, hinunter, um zu sehen, was denn dieser Lärm zu bedeuten habe.

Die Sklavin kam bald wieder, und trat mit lautem Lachen in den Saal. Sie lachte so herzlich, dass die Prinzessin nicht umhin konnte, bei ihrem Anblick mitzulachen. “Nun, du Närrin,” sagte die Prinzessin, “willst du mir nicht sagen, warum du lachst?” – “Prinzessin,” erwiderte sie Sklavin, indem sie noch immer fort lachte, “wer wollte nicht lachen, wenn man einen Narren sieht, mit einem Korb voll schöner neuer Lampen am Arm, der sie nicht etwa verkaufen, sondern sie gegen alte eintauschen will? Den Lärm aber, den man hört, machen die Kinder, die ihn in solcher Menge umringen, dass er kaum von der Stelle gehen kann, und die ihn zum besten halten.”

Auf diese Nachricht nahm eine andere Sklavin das Wort und sagte: “Da von alten Lampen die Rede ist, so weiß ich nicht, ob die Prinzessin schon bemerkt hat, dass da eine auf dem Kranzgesims steht. Der, dem sie gehört, wird es nicht übel nehmen, wenn er statt der alten eine neue findet. Wenn die Prinzessin es genehmigt, so kann sie das Vergnügen haben, zu erfahren, ob dieser Narr wirklich so verrückt ist, eine neue Lampe für eine alte hinzugeben, ohne Geld dazu zu verlangen.”

Die Lampe, wovon die Sklavin sprach, war die Wunderlampe, deren sich Aladdin bedient hatte, um sich zu dieser hohen Stufe, auf der er stand, zu erheben. Er selber hatte sie, bevor er auf die Jagd ging, auf jenes Kranzgesims gestellt, aus Furcht, sie zu verlieren, und er hatte diese Vorsichtsmaßregel jedes Mal angewendet, so oft er sich vom Haus entfernte. Doch weder die Sklavinnen, noch die Verschnittenen, noch die Prinzessin selber, hatten jemals während seiner Abwesenheit dieselbe bemerkt. Außer der Zeit, wo er sich auf der Jagd befand, trug er sie beständig bei sich. Man wird vielleicht hierbei bemerken, die Vorsicht Aladdins sei recht gut gewesen, doch hätte er wenigstens die Lampe wohin verschließen sollen. Dies ist freilich wahr, doch dergleichen versehen sind zu allen Zeiten begangen worden, sie fallen heutzutage noch vor, und sie werden auch in Zukunft nicht ausbleiben.

Die Prinzessin Badrulbudur, welche den Wert der Lampe nicht kannte, und nicht wusste, wie viel ihr und dem Aladdin daran liegen müsse, dass dieselbe niemand anrühre und dass sie aufbewahrt werde, ging auf den Scherz ein, und befahl einem der Verschnittenen, sie zu nehmen und einzutauschen. Der Verschnittene gehorchte, ging die Treppe hinunter, und war kaum aus der Türe des Palastes getreten, als er auch schon den afrikanischen Zauberer bemerkte. Er rief ihn, und als er zu ihm getreten war, zeigte er ihm die alte Lampe und sagte: “Gib mir eine neue Lampe für diese da.”

Der afrikanische Zauberer zweifelte nicht, dass es die Lampe sei, die er suchte. Auch konnte es in Aladdins Palast, wo alles Tischgeschirr nur von Silber oder Gold war, nicht füglich eine andere außer dieser noch geben. Er nahm sie daher schnell aus der Hand des Verschnittenen, und nachdem er sie zuvor in seinen Busen geschoben, überreichte er ihm seinen Handkorb, und ließ ihn daraus nach Belieben eine auswählen. Der Verschnittene wählte sich eine aus, verließ den Zauberer, und brachte die neue Lampe der Prinzessin Badrulbudur. Doch kaum war der Tausch geschehen, als auch schon die Kinder auf dem Platz ein lautes Gelächter erhoben und sich über die Dummheit des Zauberers lustig machten.

Doch dieser ließ sie schreien, so viel sie wollten, und ohne sich länger in der Nähe von Aladdins Palast zu verweilen, entfernte er sich unbemerkt und ohne alles Geräusch, das heißt ohne weiter zu schreien und ohne weiter neue Lampen gegen alte zum Tausch anzubieten. Er wollte ja auch keine andere mehr, als die er jetzt eben empfangen hatte, und sein Stillschweigen bewirkte, dass die Kinder sich entfernten und ihn gehen ließen.

Sobald er von dem Platz, der zwischen den beiden Palästen lag, herunter war, entschlüpfte er durch einige unbesuchte Straßen, – da er jetzt weder die übrigen Lampen noch den Korb weiter bedurfte, setze er den Korb mit den Lampen mitten auf einer Straße hin, wo gerade niemand vorüber ging. Hierauf schlug er eine andere Straße ein, und schritt hastig fort, bis er eines von den Stadttoren erreichte. Sodann setzte er seinen Weg durch die Vorstadt, die sehr lang war, fort, und kaufte sich einige Lebensmittel ein, ehe er aus derselben hinaus war. So wie er auf freiem Feld war, lenkte er von der großen Straße ab, nach einem abgelegenen Platz hin, wo er von niemanden bemerkt werden konnte, und wo er den günstigen Augenblick abwartete, um seinen Plan vollends auszuführen. Er bedauerte jetzt nicht weiter den Verlust des Berberhengstes, den er in dem Kan, wo er abgestiegen, zurückgelassen hatte, sondern hielt sich durch den soeben erworbenen Schatz hinlänglich dafür entschädigt.

Der afrikanische Zauberer brachte den übrigen Teil des Tages an diesem Ort zu, bis um ein Uhr Nachts, wo die Finsternis am größten war. Da erst zog er die Lampe aus seinem Busen und rieb sie. Auf diesen Ruf erschien der Geist sogleich.

“Was willst du?”, fragte ihn der Geist. “Hier bin ich, als dein Sklave und als Sklave aller derer, welche die Lampe in der Hand haben!”

“Ich befehle dir,” erwiderte der afrikanische Zauberer, “dass du augenblicklich den Palast, den du oder die übrigen Sklaven der Lampe in dieser Stadt erbaut haben, so wie er da ist, mit allen seinen lebenden Bewohnern aufhebst und ihn zugleich mit mir an den und den Ort nach Afrika führst.” Ohne etwas zu antworten, schaffte der Geist mit Hilfe der übrigen, der Lampe dienstbaren Geister in sehr kurzer Zeit ihn selbe rund den ganzen Palast nach Afrika an den von ihm bezeichneten Ort. Wir wollen indessen den afrikanischen Zauberer und den Palast nebst der Prinzessin Badrulbudur in Afrika lassen, und jetzt bloß von dem Erstaunen des Sultans reden.

Als der Sultan aufgestanden war, unterließ er nicht, seiner Gewohnheit zufolge, sich nach dem offenen Erker zu begeben, um das Vergnügen zu haben, den Palast Aladdins zu betrachten und zu bewundern. Er richtete seinen Blick nach der Gegend hin, wo er sonst diesen Palast zu sehen gewohnt war, und erblickte bloß einen leeren Platz, ganz so wie er früher war, ehe noch das Gebäude darauf errichtet worden. Er glaubte anfangs, dass er sich täusche, und rieb sich die Augen, doch er sah ebenso wenig etwas als früher, obwohl das Wetter sehr heiter, der Himmel rein, und die Morgenröte, die bereits im Aufgehen war, alle Gegenstände sehr deutlich zeigte. Er blickte links und rechts durch die beiden Öffnungen, und sah noch immer nichts. Sein Erstaunen war so groß, dass er eine Zeitlang auf derselben Stelle stehen blieb, die Augen nach dem Platz hingewendet, wo bisher der Palast gewesen, aber jetzt nicht mehr zu finden war, indem er gar nicht begreifen konnte, wie es möglich sei, dass ein so große rund ansehnlicher Palast wie der des Aladdin, den er seit jenem Tag, wo er mit seiner Erlaubnis erbaut worden, tagtäglich und selbst gestern noch gesehen hatte, auf einmal so spurlos verschwunden sein könne. “Ich täusche mich nicht,” sprach er bei sich selbst, “er stand wirklich auf jenem Platz. Wäre er zusammengestürzt, so würden sich doch Haufen von Trümmern noch zeigen, und hätte die Erde ihn verschlungen, so müsste man doch noch einige Spuren davon sehen.” Obwohl er nun überzeugt war, dass der Palast nicht mehr da sei, so unterließ er doch nicht, noch eine Weile zu warten, um zu sehen, ob er sich wirklich nicht täusche. Endlich entfernte er sich, und nachdem er noch einmal zurückgeblickt, kehrte er in sein Zimmer zurück, und befahl, dass man in aller Eile den Großwesir rufen möchte. Unterdessen setzte er sich nieder, während sein Geist von so verschiedenartigen Gedanken bestürmt wurde, dass er nicht wusste, welchen Entschluss er fassen sollte.

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