319. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
319. NachtIn diesem Augenblick erbebte die Erde ein wenig, öffnete sich an der Stelle vor dem Zauberer und Aladdin, und ließ einen Stein hervor scheinen, welcher anderthalb Fuß ins Gevierte hatte, einen Fuß dick, und waagerecht hingelegt war, mit einem bronzenen Ring, der in der Mitte versiegelt war. Aladdin, der über das, was hier vor seinen Augen vorging, erschrak, ward von Furcht befallen, und wollte die Flucht ergreifen. Allein er war zu dieser geheimnisvollen Handlung notwendig, darum hielt ihn der Zauberer zurück, fuhr ihn heftig an, und gab ihm eine so starke Ohrfeige, das er davon zu Boden fiel, und beinahe seine Vorderzähne im Mund eingebüßt hätte, welcher sehr blutete. Der arme Aladdin reif zitternd und weinend: “Lieber Oheim, was habe ich denn getan, dass ihr mich so heftig schlagt?” – “Ich habe meine Gründe dazu,” erwiderte der Zauberer. “Ich bin dein Oheim, der bei dir jetzt Vaterstelle vertritt, und du darfst dich daher nicht verantworten. Indessen, liebes Kind,” fuhr er etwas besänftigt fort, “du darfst dich gar nicht fürchten. Ich verlange bloß, dass du mir pünktlich gehorchst, sofern du dir selber nützen und dich der großen Vorteile, die ich dir zu verschaffen denke, würdig machen willst.” Diese schönen Versprechungen des Zauberers beruhigten etwas die Furcht und das aufgeregte Gefühl Aladdins, und sobald ihn der Zauberer wieder ganz beruhigt sah, fuhr er fort: “Du hast gesehen, was ich durch die Kraft meines Räucherwerks und der von mir ausgesprochenen Worte bewirkt habe. Vernimm jetzt noch, dass sich unter diesem Stein, den du das siehst, ein verborgener Schatz befindet, der für dich bestimmt ist, und der dich einst reicher machen wird, als die reichsten Könige der Erde. Dies ist so gewiss wahr, dass es außer dir niemand auf der Welt gibt, dem es erlaubt wäre, diesen Stein anzurühren oder weg zu heben. Selbst ich darf ihn nicht einmal berühren, oder auch nur einen Fuß in dies Schatzgewölbe setzen, wenn es geöffnet sein wird. Deshalb musst du pünktlich tun, was ich dir sagen werde, ohne es dabei zu versehen. Die Sache ist für mich und dich von großer Wichtigkeit.” Aladdin, der noch immer voll Staunen war über das, was er sah und was er soeben dem Zauberer von dem Schatz sagen hörte, der ihn auf immer glücklich machen sollte, vergaß alles, was vorgefallen war. Nun wohl, lieber Oheim,” sagte er zu dem Zauberer, indem er sich von der Erde aufraffte, “worauf kommt es denn hierbei an? Befehl nur, ich bin bereit zu gehorchen.” – “Ich freue mich, liebes Kind,” sprach der Afrikanische Zauberer, indem er ihn umarmte, “dass du diesen Entschluss gefasst hast. Komm her, fass diesen Ring an, und hebe den Stein in die Höhe.” – “Aber, lieber Oheim,” erwiderte Aladdin, “ich bin ja nicht stark genug, um ihn in die Höhe zu heben. Ihr müsst mir schon dabei helfen.” – “Nein,” antwortete der Afrikanische Zauberer, “du hast meine Hilfe nicht nötig, und ich und du würden beide nichts ausrichten, wenn ich dir helfe: Du musst ihn ganz allein aufheben. Fasse nur den Ring an, nenne den Namen deines Vaters und deines Großvaters, und hebe in in die Höhe. Du wirst sehen, er wird sich dir ohne Schwierigkeit fügen.” Aladdin tat, wie der Afrikanische Zauberer ihn geheißen hatte. Er hob den Stein mit leichter Mühe empor, und legte ihn bei Seite. Als der Stein weggenommen war, sah er eine Höhle von drei bis vier Fuß Tiefe, mit einer kleinen Tür und Stufen, um noch weiter hinab zu steigen. “Mein Sohn,” sagte hierauf der Afrikanische Zauberer zu Aladdin, “beobachtete genau, was ich dir jetzt sagen werde. Steige in diese Höhle hinab, und wenn du unten auf der letzten Stufe bist, so wirst du eine offene Tür finden, die dich in einen großen gewölbten Ort führen wird, der aus drei großen, aneinander stoßenden Sälen besteht. In einem jeden derselben wirst du links und rechts vier bronzene Vasen, groß wie Kufen, und mit Gold und Silber angefüllt, stehen sehen. Aber hüte dich, etwas davon anzurühren. Ehe du in dem ersten Saal eintrittst, hebe dein Kleid in die Höhe und schließ es eng um deinen Leib. Wenn du hinein gekommen bist, so geh, ohne stillzuhalten, nach dem zweiten, und aus diesem in den dritten, ebenfalls ohne stillzustehen. Vor allen Dingen hüte dich, den Wänden zu nahe zu kommen oder sie auch nur mit dem Kleid zu berühren. Denn im Fall du sie berührtest, würdest du auf der Stelle des Todes sein. Darum sage ich dir, halte dein Kleid eng und knapp an dich. Am Ende des dritten Saales ist eine Türe, die dich in einen Garten hinausführt, der voll schöner, mit Obst beladener Bäume gepflanzt ist. Geh nur immer gerade aus, und ein Weg wird dich quer durch den Garten zu einer Treppe mit fünfzig Stufen führen, auf denen du zu einer Terrasse emporsteigen kannst. Sobald du oben auf der Terrasse bist, wirst du eine Nische vor dir sehen, und in der Nische eine brennende Lampe. Diese Lampe nimmst du, lösche sie aus, und wenn du den Docht heraus geworfen und die brennbare Flüssigkeit ausgegossen hast, so stecke sie vorn in deine Brust und bringe sie mir. Du darfst nicht fürchten, dass du dir dein Kleid verderben wirst, die Flüssigkeit ist nämlich kein Öl, und die Lampe wird sogleich trocken sein, sobald du sie ausgegossen hast. Wenn die Früchte im Garten deine Esslust reizen, so kannst du so viel davon abpflücken, als du nur willst. Es ist dir nicht verboten.” Nachdem der Afrikanische Zauberer diese Worte gesprochen hatte, zog er einen Ring von seinem Finger, und steckte ihn an einen Finger Aladdins, indem er ihm sagte, es wäre dies ein Verwahrungsmittel gegen alles Böse, was ihm etwa begegnen könnte, sofern er nur dasjenige genau beobachten wollte, was er ihm soeben vorgeschrieben hatte. “Jetzt geh, mein Kind,” sagte er nach dieser Vermahnung zu ihm, “steig dreist hinunter, wir werden beide für unser ganzes Leben steinreich werden.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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