289. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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289. Nacht

Die sarazenische Fürstin nahm das Erbieten an, und am folgenden Morgen begleitete sie den König, meinen Vater, der am Ausgang des Gehölzes alle seine Leute traf, welche ihn die ganze Nacht gesucht hatten und sehr um ihn in Sorgen waren. Sie waren ebenso erfreut, ihn wieder zu finden, als verwundert, ihn in Begleitung einer Frau zu sehen, deren Schönheit sie in Erstaunen setzte. Er erzählte ihnen, wie er sie gefunden und welche Gefahr er gelaufen hätte, als er sich der Höhle genähert, wo er ohne Zweifel das Leben verloren, wenn der Riese ihn erblickt hätte.

Einer der Offiziere nahm die Fürstin hinter sich auf sein Ross, und ein anderer trug das Kind.

In diesem Aufzug erreichten sie den Palast des Königs, meines Vaters, und ihr Kind mit vieler Sorgfalt erziehen ließ. Die Fürstin war nicht unempfindlich für die Güte des Königs: Sie bewies sich ihm so erkenntlich, wie er nur wünschen mochte. Anfangs schien sie ziemlich unruhig und ungeduldig darüber, dass ihr Gemahl sie nicht heimholte, aber nach und nach verlor sich ihre Unruhe: Die Aufmerksamkeit, welche mein Vater für sie hatte, beschwichtigte ihre Ungeduld. Kurz, ich glaube, dass sie es dem Schicksal weniger Dank gewusst, wenn es sie wieder den ihrigen zugeführt hätte, als dass es sie von denselben entfernt hatte.

Unterdessen wuchs ihr Sohn auf: Er war sehr wohl gebildet. Da es ihm nicht an Verstand fehlte, so ward es ihm leicht, meinem Vater zu gefallen, der große Zuneigung zu ihm fasste. Alle Hofleute bemerkten dies, und meinten, das dieser Jüngling mich wohl heiraten könnte. In solcher Voraussetzung betrachteten sie ihn schon als Thronerben, machten ihm den Hof, und beeiferten sich sämtlich, sein Vertrauen zu gewinnen. Er durchschaute den Beweggrund ihrer Anhänglichkeit, freute sich darüber, und den Abstand zwischen uns vergessend, schmeichelte er sich der Hoffnung, dass mein Vater ihn so sehr liebte, um ihn bei dieser Verbindung allen Prinzen der Welt vorzuziehen. Er tat noch mehr: Da für seine Wünsche der König zu lange säumte, ihm meine Hand anzubieten, so hatte er die Kühnheit, ihn selber darum zu bitten. Welche Strafe seine Dreistigkeit auch verdient hätte, doch begnügte mein Vater sich damit, ihm zu antworten, dass er andere Absichten mit mir hätte, und sah ihn darum nicht scheel an. Den jungen Mann aber erbitterte diese abschlägige Antwort. In seinem Hochmut fand er sich über diese Verschmähung seiner Bewerbung so beleidigt, als wenn er um ein Mädchen aus dem gemeinen Volk geworben hätte, oder als wenn er von gleicher Geburt mit mir gewesen wäre. Er bleib dabei nicht stehen: Er beschloss sich an dem König zu rächen. Mit einer Undankbarkeit, von welcher es wenig Beispiele gibt, stiftete er eine Verschwörung gegen ihn, erdolchte ihn, und ließ sich zum König von Deryabar ausrufen, unterstützt durch eine große Anzahl von Missvergnügen, deren Unzufriedenheit er zu benutzen wusste.

Nachdem er meinem Vater aus dem Weg geräumt hatte, war seine erste Sorge, selber an der Spitze eines Teils der Verschwornen in mein Zimmer zu dringen. Seine Absicht war, mir das Leben zu nehmen, oder mich mit Gewalt zu zwingen, ihn zu heiraten. Aber ich hatte gerade noch Zeit, ihm zu entrinnen: Während er damit beschäftigt war, meinen Vater zu ermorden, kam der Großwesir, der seinem Herrn stets treu geblieben war, entführte mich aus dem Palast, und brachte mich in dem Haus eines seiner Freude in Sicherheit, wo er mich verborgen hielt, bis ein heimlich durch seine Vorsorge ausgerüstetes Schiff im Stande war, unter Segel zu gehen. Alsdann verließ ich die Insel, allein in Begleitung einer Hofmeisterin und dieses edelmütigen Ministers, der es vorzog, der Tochter seines Herrn zu folgen, und ihr Unglück zu teilen, als dem Thronräuber zu gehorchen.

Der Großwesir hatte die Absicht, mich an die Höfe der benachbarten Könige zu führen, um ihren Beistand anzufehlen, und sie zur Rache meines Vaters zu bewegen. Aber der Himmel begünstigte nicht einen uns so vernünftig erscheinen Vorsatz. Nachdem wir einige Tage fortgeschifft waren, erhub sich ein so wütender Sturm, dass, ungeachtet der Geschicklichkeit unserer Matrosen, unser Schiff durch die Gewalt der Winde und der Wogen an einen Felsen geschleudert wurde uns scheiterte. Ich halte mich nicht bei einer Beschreibung unsers Schiffbruchs auf. Ich könnte euch schlecht schildern, auf welche Weise meine Hofmeisterin, der Großwesir und meine ganze Begleitung in den Abgrund des Meeres verschlungen wurden. Der Schreck, der mich ergriffen hatte, erlaubte mir nicht, unser ganzes grauenvolles Schicksal zu erkennen. Ich verlor das Bewusstsein. Sei es nun, dass einige Trümmer des Schiffes mich ans Ufer trugen, oder dass der Himmel, der mich noch zu anderen Unglücksfällen aufsparte, mich durch ein Wunder rettete, genug, als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich am Gestade.

Oft macht das Unglück uns ungerecht. Anstatt Gott für die besondere Gnade zu danken, welche mir zu Teil wurde, erhob ich die Augen nur gen Himmel, um ihm Vorwürfe über meine Rettung zu machen. Weit entfernt, den Wesir und meine Hofmeisterin zu beweinen, beneidete ich vielmehr ihr Schicksal. Nach und nach wurde meine Vernunft von den furchtbaren Vorstellungen, welche mich beunruhigten, so verwirrt, dass ich den Entschluss fasste, mich ins Meer zu stürzen.

Ich war schon im Begriff, hinein zu springen, als ich hinter mir ein lautes Getöse von Menschen und Pferden hörte. Ich drehte mich sogleich um, um zu sehen, was es wäre, und erblickte mehrere bewaffnete Reiter, unter welchen einer ein arabisches Pferd ritt. Dieser trug einen Silber gestickten Rock, mit einem Edelsteingürtel, und hatte eine Krone auf dem Haupt. Hätte ich auch nicht an seiner Kleidung ihn für den Herrn der Übrigen erkannt, so würde ich es aus dem edlen Wesen geschlossen haben, welches über seine ganze Person verbreitete war. Es war ein vollkommen wohl gebildeter Mann, schöner wie der Tag. Verwundert, an diesem Ort ein Fräulein so allein zu sehen, sandte er einige Offiziere ab, mich zu fragen, wer ich wäre. Ich antwortete ihnen nur durch Tränen. Da das Ufer mit den Trümmern unsers Schiffes bedeckt war, so erkannten sie wohl, dass eben ein Schiff an der Küste gescheitert wäre und ich mich ohne Zweifle aus dem Schiffbruch gerettet hätte. Diese Vermutung und der lebhafte Schmerz, den sie an mir sahen, erregte die Neugier der Offiziere, welche mir nun tausend Fragen stellten, und mir dabei versicherten, ihr König wäre ein großmütiger Fürst, und an seinem Hof würde ich Trost finden.

Ihr König war ungeduldig, zu vernehmen, wer ich wäre, und die Rückkunft seiner Offiziere währte ihm zu lange: Er näherte sich mir, und betrachtete mich mit vieler Aufmerksamkeit. Da ich nicht aufhörte zu weinen und zu jammern, ohne denen antworten zu können, die mich befragten, so verbot er ihnen, mich länger mit ihren Fragen zu belästigen. Hierauf wandte er selber sich zu mir mit den Worten:

“Mein Fräulein, ich beschwöre euch, eure überschwängliche Betrübnis zu mäßigen. Wenn der Himmel, in seinem Zorn, euch seine Härte empfinden lässt, dürft ihr euch deshalb nur der Verzweiflung hingeben? Ja, ich wage es, euch zu versichern, dass, wenn euer Unglück vergütet werden kann, dies in meinem Reich geschehen soll. Ich biete euch meinen Palast an: Ihr könnt darin bei der Königin, meiner Mutter, wohnen, welche sich bemühen wird, durch eine freundliche Behandlung eure Leiden zu lindern. ich weiß noch nicht, wer ihr seid, aber ich fühle schon, dass ich herzlichen Teil an euch nehme.”

Ich dankte dem jungen König für seine Gütigkeit. Ich nahm sein freundliches Erbieten an, und um ihm zu zeigen, dass ich desselben nicht unwürdig wäre, entdeckte ich ihm meine Herkunft. Ich schilderte ihm die Frechheit des jungen Sarazenen, und ich durfte ihm nur ganz einfach meine Unglücksfälle erzählen, um sein und all seiner Offiziere Mitleid zu erregen.

Als ich meine Erzählung geendigt hatte, nahm der Prinz wieder das Wort, und versicherte mich von neuem, dass er großen Teil an meinem Unglück nähme.

Er führte mich hierauf in seinen Palast, wo er mich der Königin, seiner Mutter, vorstellte. Dort musste ich die Erzählung meiner Abenteuer wiederholen, was nicht ohne neue Tränen geschah. Die Königin bezeigte auch große Zärtlichkeit. Der König, ihr Sohn, ward sogleich sterblich verliebt in mich, und bot mir bald seine Hand und Krone dar. Ich war noch zu sehr mit meinem Unglück beschäftigt, so dass der junge Fürst, so liebenswürdig er war, auf mich nicht den ganzen Eindruck machte, welchen er zu einer anderen Zeit gemacht haben würde. Indessen, von Dankbarkeit durchdrungen, versagte ich es nicht, sein Glück zu machen. Unsere Hochzeit wurde mit aller ersinnlichen Pracht vollzogen.

Während alle Welt mit den Vermählungsfeierlichkeiten des Königs beschäftigt war, überfiel in einer Nacht ein benachbarter feindlicher Fürst die Insel mit einem ansehnlichen Kriegsheere. Dieser furchtbare Feind war der König von Sangebar. Er fiel über alles her, und hieb alle Untertanen meines Gemahls in Stücken.

Es fehlte nicht viel, so hätte er selbst uns beide gefangen, denn er war schon mit einem Teil seiner Leute in den Palast gedrungen. Aber wir fanden noch Mittel und Wege, uns zu retten und das Ufer des Meeres zu gewinnen, wo wir uns in eine Fischerbarke warfen, welche wir glücklicherweise dort antrafen.

Wir schwammen, ein Spiel der Winde und Wogen, zwei Tage lang dahin, ohne zu wissen, was aus uns werden sollte. Am dritten erblickten wir ein Schiff, welches mit vollen Segeln auf uns zusteuerte. Wir freuten uns anfangs darüber, weil wir es für einen Kauffahrer hielten, welcher uns aufnehmen könnte. Aber ich kann euch unsere Bestürzung nicht ausdrücken, als das Schiff herankam und auf dem Verdeck zehn bis zwölf bewaffnete Seeräuber erschienen. Sie kamen, uns aufzunehmen. Fünf oder sechs warfen sich in ein Boot, bemächtigen sich unser beider, banden den Fürsten, meinem Gemahl, und brachten uns in ihr Schiff, wo sie mir erst den Schleier abnahmen.

Meine Jugend und meine Züge verblendeten sie: Alle diese Seeräuber erklärten mir, das sie bezaubert von meinem Anblick sind. Anstatt zu losen, will jeder den Vorzug und mich zur Beute haben. Sie erhitzen sich, werden handgemein, und schlagen wie Rasende aufeinander los. In einem Augenblick ist das Verdeck mit Leichen bedeckt. Kurz, sie erschlagen einander alle, bis auf einen, der sich nun im Besitz meiner Person sah, und zu mir sprach:

“Du gehörst mir: Ich werde dich nach Kairo führen, um dich einem meiner Freunde zu überliefern, dem ich eine schöne Sklavin versprochen habe. – Aber,” fügte er hinzu, indem er den König, meinem Gemahl anblickte, “wer ist dieser Mann da? Welche Bande verknüpfen ihn mit dir? Sind es Bande des Blutes oder der Liebe?” – “Herr,” antwortete ich, “es ist mein Gemahl.” – “Wenn das ist,” fuhr der Seeräuber fort, “so muss ich aus Erbarmen mich seiner entledigen: Er würde zu viel leiden, wenn er euch in den Armen meines Freundes sähe.” Mit diesen Worten ergriff er den unglücklichen gefesselten Fürsten, und stürzte ihn ins Meer, trotz allen Anstrengungen, die ich machen konnte, ihn daran zu verhindern.

Ich stieß bei dieser grausamen Tat ein Geschrei des Entsetzens aus, und ich hätte mich ohne Zweifel in die Fluten gestürzt, wenn der Seeräuber mich nicht zurückgehalten hätte. Er sah wohl, dass dieses mein einziger Wunsch war, deshalb band er mich mit Stricken an den großen Mastbaum.

Sodann spannte er die Segel auf, und segelte ans Land, wo er aussteigen wolle. Er band mich los, führte mich in eine kleine Stadt, wo er Kamele, Zelte und Sklaven kaufte, und nahm dann seinen Weg nach Kairo, in der Absicht, wie er immer wiederholte, mich seinem Freunde zu bringen und so sein Wort zu lösen.

Wir waren schon mehrere Tage unterwegs, als wir gestern durch diese Ebene zogen und den Schwarzen erblickten, der dieses Schloss bewohnte. Wir hielten ihn von Ferne für einen Turm; und noch als er uns nahe kam, konnten wir kaum glauben, dass es ein Mensch wäre. Er zog sein breites Schlachtschwert, und forderte den Seeräuber auf, sich zu ergeben, samt allen seinen Sklaven und dem Fräulein, die er mit sich führte. Der Seeräuber war beherzt, und in Beistand aller seiner Sklaven, welche ihm Treue gelobten, griff er den Schwarzen an. Der Kampf dauerte lange, aber endlich fiel der Seeräuber unter den Streichen seines Feindes, und eben so wie alle seine Sklaven, die lieber sterben, als ihn verlassen wollten.

Danach führte der Schwarze mich in dieses Schwarze mich in dieses Schloss, wohin er auch den Leichnam des Seeräubers brachte, welchen er zum Abendbrot verzehrt. am Ende dieser grässlichen Mahlzeit sprach er zu mir:

“Fräulein, bequeme dich lieber, meine Begierde zu stillen, anstatt dich so sehr zu betrüben. Weiche gutwillig der Notwendigkeit: Ich gebe dir bis morgen Zeit es zu überlegen. Ich möchte dich ganz getröstet über dein Unglück sehen. Du solltest dich freuen, für mein Bett aufgehoben zu sein.”

Mit diesen Worten führte er mich in ein besonderes Zimmer, und legte sich in dem seinen zu Bette, nachdem er selber alle Türen des Schlosses verschlossen hatte.

Er öffnete dieselben auch diesen Morgen, und schloss sie wieder hinter sich zu, um einigen Reisenden nachzusetzen, welche er von Ferne bemerkte, aber sie müssen ihm entwischt sein, weil er allein und ohne Beute zurückkam, als ihr ihn angegriffen habt.”

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