28. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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28. Nacht

In der Tat weckte Dinarsade, wie sie es sich gelobt hatte, die Sultanin bei sehr guter Zeit, aus großem Verlangen, von ihr das Ende der angenehmen Geschichte des Königs der Schwarzen Inseln zu hören, und zu wissen, wie er so in Marmor verwandelt worden war.

“Du sollst es vernehmen,” antwortete Scheherasade, “mit Erlaubnis des Sultans.”

“Ich fand also die Königin neben mir liegen,” fuhr der König der vier Schwarzen Inseln fort. “Ich kann euch nicht sagen, ob sie schlief, oder nicht: Ich stand aber leise auf, ging in mein Gemach und kleidete mich vollends an. Hierauf ging ich in meine Ratsversammlung.

Bei meiner Rückkehr erschien die Königin in Trauerkleidern, mit zerstreuten und zum Teil zerrauften Haaren. “Herr,” sprach sie zu mir, “ich komme Euer Majestät zu bitten, sich nicht über den Zustand zu wundern, in welchem ich mich befinde. Drei traurige Nachrichten, welche ich eben zu gleicher Zeit empfangen habe, sind die gerechte Ursache des tiefen Schmerzes, von welchem ihr nur die schwachen Zeichen seht.” – “Und was sind das für Nachrichten, Herrin?”, fragte ich sie. – “Der Tod der Königin, meiner Mutter,” antwortete sie, “zugleich mit dem Tod des Königs, meines Vaters, der in einer Schlacht gefallen ist, und eines meiner Brüder, der in einen Abgrund gestürzt ist1).

Es war mir nicht unlieb, dass sie diesen Vorwand ergriff, um den wahren Grund ihrer Betrübnis zu verbergen, und ich erkannte daraus, das sie mich nicht in Verdacht hatte, ihren Geliebten getötet zu haben.

“Herrin,” sagte ich zu ihr, “weit entfernt, euern Schmerz zu tadeln, versichere ich euch, dass ich allen Teil daran nehme, den ich daran nehmen muss. Ich würde höchst verwundert sein, wenn ihr unempfindlich bliebt bei dem Verlust, welchen ihr erlitten habt. Weint: Eure Tränen sind untrüglich Kennzeichen eures trefflichen Gemüts. Ich hoffe gleichwohl, dass die Zeit und die Vernunft euren Schmerz mäßigen wird.”

Sie zog sich in ihr Gemach zurück, wo sie sich ohne Rückhalt ihrem Schmerz hingab, und ein ganzes Jahr zubrachte mit Weinen und mit Klagen.

Nach Verlauf dieser Zeit bat sie mich um Erlaubnis, in dem Umfang des Palastes ihr Grabmahl erbauen zu lassen, wo sie, wie sie sagte, bis an das Ende ihrer Tage wohnen wollte. Ich erlaubte es ihr, und sie ließ einen prächtigen Palast bauen, mit einer Kuppel, welche man von hier sehen kann. Sie benannte ihn den Tränen-Palast.

Als er vollendet war, ließ sie ihren Geliebten hineinbringen, welchen sie in derselben Nacht, da ich ihn verwundet, nach einem ihr gelegenen Ort versetzt hatte. Sie hatte bisher seinen Tod durch Tränke verhindert, welche sie ihn einnehmen ließ; und sie ihm selber alle Tage zu bringen, seitdem er in dem Tränen-Palast war.

Indessen, mit allen ihren Zaubereien konnte sie diesen Unglücklichen nicht heilen. Er war nicht nur außer Stande zu gehen und sich aufrecht zu halten, sondern er hatte auch den Gebrauch der Zunge verloren, und gab kein anderes Lebenszeichen, als durch seine Blicke. Obwohl also die Königin nur den Trost hatte, ihn zu sehen und ihm alles zu sagen, was ihre törichte Liebe ihr irgend Zärtliches und Leidenschaftliches eingeben mochte, so unterließ sie jedoch nicht, ihm täglich zwei ziemlich lange Besuche zu machen. Ich war von allem diesen wohl unterrichtet, aber ich stellte mich, als wüsste ich nichts davon.

Eines Tages ging ich zu dem Tränen-Palast, aus Neugier, zu wissen, was dort eigentlich die Beschäftigung der Königin wäre, und an einem Ort, wo ich nicht gesehen werden konnte, hörte ich sie folgendermaßen zu ihrem Geliebten reden: “Ich bin in Verzweiflung, dich in dem Zustande zu sehen, worin du dich befindest. Ich fühle nicht minder die brennenden Schmerzen, welche du leidest … Aber, geliebte Seele, ich rede immer zu dir, und du antwortest mir nie. Wie lange willst du im diesem Stillschweigen beharren? Ach! die süßesten Augenblicke meines Lebens sind die, welche ich hier zubringe deine Leiden zu teilen. Ich kann nicht leben ohne dich, und das Vergnügen, dich unaufhörlich zu sehen, würde ich der Herrschaft des Weltalls vorziehen.”

Sie beschloss diese lange Rede mit folgenden Versen:

“Der Tag des Heils ist derjenige, an welchem ich deiner Nähe genieße. Der Tag des Verderbens und des Todes ist derjenige, wo du dich von mir abwendest.

Bringe ich die Nacht ferne von dir zu, so ist es, als ob alle Schrecknisse mir drohten. Deine Nähe aber ist für mich süßer, als Sicherheit!”

Endlich fügte sie noch folgende Verse hinzu:

“Wäre ich von aller Glückseligkeit umgeben, besäße ich die ganze Welt und das Reich der Chosroen:

So würde es für mich nicht so viel wert sein, als die Flügel einer Mücke, wenn mein Auge dich nicht sähe!”

Über diese Klagen, welche mehr als einmal von ihren Seufzern und Schluchzen unterbrochen wurden, verlor ich endlich die Geduld. Ich trat hervor, näherte mich ihr, und sprach: “Frau, ihr habt nun genug geweint; es ist Zeit, diesem Schmerz ein Ziel zu setzen, der uns beide entehrt. Es ist zu viel, zu vergessen, was ihr mir, und was ihr euch selber schuldig seid.”

“Herr,” antwortete sie mir, “wenn ihr noch einige Achtung, oder vielmehr, einige Gefälligkeit für mich hegt, so flehe ich euch, mir keinen Zwang anzutun. Lasst mich meinem tödlichen Schmerze mich hingeben; es ist unmöglich, dass die Zeit ihn verringere.”

Als ich sah, dass meine Worte, anstatt sie zu ihrer Pflicht zurückzubringen, nur dazu dienten, ihre Wut zu reizen, sagte ich nichts mehr zu ihr, und zog mich zurück.

Sie fuhr fort, täglich ihren Geliebten zu besuchen, und zwei volle Jahre hindurch war sie in steter Verzweiflung.

Ich ging noch einmal in den Tränen-Palast, als sie drinnen war; ich verbarg mich wieder, und ich hörte sie Folgendes zu ihrem Geliebten sagen:

“Es sind nun drei Jahre, dass du nicht ein einziges Wort zu mir gesprochen hast, und dass du nichts antwortest auf die Zeichen der Liebe, welche ich durch meine Rede und meine Seufzer dir gebe: ist das Unempfindlichkeit oder Verachtung? O Grabmahl, solltest du dies Übermaß der Zärtlichkeit, welche er für mich hegte, zerstört haben? Solltest du diese Augen geschlossen haben, die mir so viel Liebe verkündigten, und die alle meine Freude ausmachten? Nein, nein, ich kann es nicht glauben. Sage mir vielmehr, durch welches Wunder du der Bewahrer des köstlichen Kleinods geworden bist, welches es jemals gab!”

Ich gestehe euch, Herr, dass ich über diese Worte ganz entrüstet wurde. Denn, am Ende war dieser teure Geliebte, dieser angebetete Sterbliche, nicht ein solcher, wie ihr euch wohl einbilden könntet, sondern es war ein schwarzer Inder, aus diesem Lande gebürtig. Ich wurde, sage ich, über diese Rede dermaßen entrüstet, dass ich ungestüm hervortrat, und ebenso das Grabmahl anredend, ausrief: “O Grabmahl, warum verschlingst du nicht dieses Ungeheuer, vor welchem sich die Natur entsetzt; oder vielmehr, warum verzehrst du nicht den Buhlen und die Buhlin!”

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die Königin, welche neben dem Schwarzen saß, wie eine Rasende aufsprang: “Ha, Grausamer,” schrie sie mir zu, “du bist es, der meinen Schmerz verursacht! Wähne nicht, dass ich es nicht wisse. Ich habe mich nur zu lange verstellt. Es ist deine mörderische Hand, die den Gegenstand meiner Liebe in diesen jammervollen Zustand versetzt hat und du hast noch die Grausamkeit, hierher zu kommen, und eine Liebende in Verzweiflung zu verhöhnen.”

“Ja, ich bin es,” unterbrach ich sie, außer mir vor Zorn, “ich bin es, der dieses Ungeheuer bestraft hat, wie er es verdient. Ich sollte dich eben so behandeln, und es gereut mich, es nicht getan zu haben. Schon allzu lange missbrauchst du meine Güte.”

Indem ich so sprach, zog ich meinen Säbel, und ich hob den Arm, um sie zu bestrafen. Sie aber betrachtete ruhig meine Gebärde, und sprach zu mir mit einem höhnischen Lächeln: “Mäßige deinen Zorn!” Zu gleicher Zeit sprach sie einige Worte aus, die ich nicht verstand, und fügte darauf hinzu: “Kraft meiner Beschwörungen, befehle ich dir, auf der Stelle halb von Marmor zu werden, und halb Mensch zu bleiben.”

Sogleich ward ich, wie ihr mich hier sehet, Herr, schon tot unter den Lebenden und lebend unter den Toten …”

Scheherasade bemerkte bei dieser Stelle, dass es schon Tag war, und hörte auf zu erzählen.

“Meine liebe Schwester,” sagte da Dinarsade, “ich bin dem Sultan sehr verpflichtet: seiner Güte verdanke ich das große Vergnügen, das ich empfinde, die zuzuhören.” – “Meine Schwester,” antwortete die Sultanin, “wenn eben diese Güte mir noch bis morgen das leben lassen will, so sollst du Dinge hören, die dir nicht weniger Vergnügen machen werden, als die, welche ich so eben erzählt habe.”

Wenn Schachriar auch nicht beschlossen hätte, den Tod der Scheherasade einen Monat lang zu verschieben, so würde er sie diesen Tag dennoch nicht haben töten lassen.


1) Die Schwierigkeit der Mitteilung zwischen den verschiedenen Ländern des früheren Orients, macht diese Lüge der Königin viel weniger unwahrscheinlich, als sie in Europa sein würde. ­

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