259. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
259. NachtDie Nähe des Tigris hatte den Kalifen veranlasst, Wasser daraus in ein fest ausgemauertes Becken zu leiten, welches einen schönen Teich bildete, wo die besten Fische des Tigris sich hineingezogen hatten. Die Fischer wussten dies wohl, und sie hätten sehr gern die Freiheit gehabt, darin zu fischen, aber der Kalif hatte es Scheich-Ibrahim ausdrücklich verboten, jemand dorthin zu lassen. Eben diese Nacht hatte gleichwohl ein Fischer, der an dem Gartentor vorbeiging, nachdem der Kalif hinein getreten war und es offen gelassen, wie er es gefunden hatte, die Gelegenheit benutzt, und sich in den Garten nach dem Teich geschlichen. Dieser Fischer hatte seine Netze ausgeworfen, und war eben im Begriff, sie ans Land zu ziehen, als der Kalif, der aus der Nachlässigkeit Scheich-Ibrahims wohl vermutete, was geschehen war, und diesen Umstand zu seinem Zweck benutzen wollte, eben dorthin kam. Ungeachtet seiner Verkleidung erkannte der Fischer ihn doch, warf sich sogleich zu seinen Füßen und bat um Verzeihung, indem er sich durch seine Armut entschuldigte. “Steh auf, und fürchte nichts,” erwiderte der Kalif. “Zieh nur dein Netz heraus, damit ich sehe, was für Fische darin sind.” Der beruhigt Fischer gehorchte sofort dem Befehl des Kalifen, und zog fünf oder sechs schöne Fische heraus, von welchem der Kalif die beiden größten auswählte und sie mit einer Rute bei den Kiefern zusammenbinden ließ. Hierauf sagte der Kalif zu dem Fischer: “Gib mir dein Kleid, und nimm das meine.” Der Tausch geschah in wenig Augenblicken, und nachdem der Kalif von den Schuhen bis zum Turban als Fischer verkleidet war, sagte er zu dem Fischer: “Nimm dein Netz und geh deinem Gewerbe nach.” Als der Fischer, sehr zufrieden mit seinem guten Glücke, weggegangen war, nahm der Kalif die beiden Fische in die Hand, und ging wieder zu dem Großwesir Giafar und Mesrur. Er stand vor dem Großwesir still, und dieser erkannte ihn nicht. “Was willst du?”, sagte er zu ihm. “Geh’ deines Weges.” Der Kalif fing sogleich an zu lachen, und nun erkannte ihn der Großwesir: “Beherrscher der Gläubigen,” rief er aus, “ist es möglich, seid ihr es? Ich erkannte euch nicht, und ich bitte euch tausend Mal um Verzeihung wegen meiner Unhöflichkeit. Ihr könnt jetzt in den Saal gehen, ohne Furcht, dass Scheich-Ibrahim euch erkennen werde.” – “Bleibt also noch hier,” sagte er, “während ich meine Rolle spiele.” Der Kalif stieg nun nach dem Saal hinauf, und klopfte an die Türe. Nureddin, der es zuerst hörte, sagte es Scheich-Ibrahim, und Scheich-Ibrahim fragte, wer da wäre. Der Kalif öffnete die Türe, und nachdem er nur einen Schritt in den Saal tat, um sich zu zeigen, antwortete er: “Scheich-Ibrahim, ich bin der Fischer Kerim1): Da ich vernommen, dass ihr eure Fremden bewirtet, und jetzt eben zwei schöne Fische gefangen habe, so komme ich, euch zu fragen, ob ihr sie nicht gebrauchen könnt.” Nureddin und die schöne Perserin freuten sich, als sie von Fischen reden hörten, und die schöne Perserin sagte sogleich: “Scheich-Ibrahim, ich bitte euch, gewährt uns das Vergnügen, ihn hereinkommen und uns seine Fische sehen zu lassen.” Scheich-Ibrahim war nicht mehr im Stand, den vorgeblichen Fischer zu fragen, wie oder wo er hereingekommen wäre. Er dachte nur daran, der schönen Perserin zu gefallen. Er drehte also den Kopf mit ziemlicher Mühe – soviel hatte er getrunken – nach der Türe, und sagte lallend zu dem Kalifen, den er für einen Fischer hielt: “Komm näher, du braver Nachtdieb, komm näher und lass dich sehen.” Der Kalif trat herein, indem er vollkommen alle Gebärden eines Fischers nachmachte, und zeigte die beiden Fische vor. “Das sind sehr schöne Fische,” sagte die schöne Perserin. “Ich möchte gern davon essen, wenn sie nur gekocht und gut zugerichtet wären.” “Die gnädige Frau hat Recht,” sprach Scheich-Ibrahim. “Was sollen wir mit deinen Fischen, wenn sie nicht zugerichtet sind? Geh, richte sie selber zu, und bringe sie uns: Du findest alles dazu in meiner Küche.” Der Kalif ging wieder zu dem Großwesir Giafar, und sagte zu ihm: “Giafar, ich bin sehr wohl aufgenommen worden, aber sie verlangen die Fische zugerichtet.” “Ich will sie zurichten,” sagte der Großwesir Giafar, “es soll im Augenblicke getan sein.” “Mir liegt die Ausführung meines Plans so sehr am Herzen,” fuhr der Kalif fort, “dass ich gern selber die Mühe übernehmen will. Da ich so gut den Fischer spiele, so kann ich auch wohl den Koch machen: Ich habe mich in meiner Jugend mit der Küche abgegeben, und meine Sache nicht übel gemacht.” Mit diesen Worten nahm er den Weg nach Scheich-Ibrahims Wohnung, und der Großwesir und Mesrur folgten ihm dahin. Sie legten alle drei Hand ans Werk, und obgleich die Küche Scheich-Ibrahims nicht groß war, so fehlte doch nichts von allem, was sie gebrauchten, und in kürzer Zeit hatten sie die Schüssel Fische zugerichtet. Der Kalif trug sie auf, und legte dabei jedem eine Zitrone hin, sich nach Belieben davon zu bedienen. Sie aßen mit großer Lust, besonders Nureddin und die schöne Perserin und der Kalif wartete ihnen auf. Als sie fertig waren, betrachtete Nureddin den Kalifen und sprach zu ihm: “Fischer, man kann keine trefflicheren Fische essen, und du hast uns das größte Vergnügen von der Welt gemacht.” Zu gleicher Zeit fuhr er mit der Hand in seinen Busen und zog seine Börse hervor, in welcher sich dreißig Goldstücke befanden, der Rest von den vierzig, die Sandschiar, der Türhüter des Königs von Balsora, ihm vor seiner Abreise geschenkt hatte. “Nimm,” sagte er zu ihm, “ich würde dir mehr geben, wenn ich mehr hätte. Ja, ich würde dich aus der Armut gerissen haben, wenn ich dich bekannt hätte, bevor ich mein Erbteil verzehrte. Nimm es indessen ebenso gutwillig an, als wenn es ein ansehnlicheres Geschenk wäre.” Der Kalif nahm die Börse, dankte Nureddin dafür, und als er fühlte, dass Gold darin war, sagte er zu ihm: “Herr, ich kann euch nicht genug für eure Freigebigkeit danken. Es ist ein großes Glück mit so edlen Männern zu tun zu haben, wie ihr seid, aber ehe ich mich entferne, habe ich noch eine Bitte an euch, welche ihr mir ja gewähren müsst. Da sehe ich eine Laute, woraus ich schließe, dass die gnädige Frau darauf spielen kann. Wenn ihr sie dazu bewegen könntet, mir die Gnade zu erzeigen, und ein Stück darauf zu spielen, so würde ich als der vergnügteste Mensch von der Welt heimgehen: Die Leute ist ein Saitenspiel, welches ich leidenschaftlich liebe.” “Schöne Perserin,” sagte sogleich Nureddin, indem er sich zu ihr wandte, “ich bitte euch um diese Gnade, und hoffe, ihr werdet sie nicht versagen.” Sie nahm die Laute, und nachdem sie dieselbe in wenig Augenblicken gestimmt hatte, spielte und sang sie ein Lied, das den Kalifen bezauberte. Zuletzt spielte sie, ohne dazu zu singen, und sie tat dies mit solcher Kraft und Anmut, dass er davon zum Entzücken hingerissen wurde. Als die schöne Perserin aufhörte zu spielen, rief der Kalif aus: “Welche Stimme, welche Hand und welches Spiel! Kann man besser singen, besser die Laute spielen! Nimmer hat man desgleichen gesehen, noch gehört!” Nureddin, gewohnt alles, was ihm gehörte, denjenigen zu schenken, die es lobten, erwiderte: “Fischer, ich sehe wohl, dass du dich darauf verstehst: Da sie dir so sehr gefällt, so ist sie dein, ich mache dir ein Geschenk damit.” Zu gleicher Zeit stand er auf, nahm seinen Rock, den er abgelegt hatte, und wollte weggehen, um den Kalifen, den er immer nur für einen Fischer hielt, im Besitze der schönen Perserin zu lassen. Die schöne Perserin, höchst erstaunt über Nureddins Freigebigkeit, hielt ihn zurück, und sagte zu ihm, ihn zärtlich anblickend: “Herr, wo wollt ihr denn hin? Ich bitte euch, setzt euch wieder auf euren Platz, und hört, was eich euch spielen und singen will.” Er tat, was sie wünschte. Nun rührte sie die Saiten, und mit Tränen in den Augen ihn anblickend, sang sie dazu aus dem Stehgreif von ihr gedichtete Verse, worin sie ihm lebhaft seine geringe Liebe zu ihr vorwarf, weil er sie so leicht und mit solcher Kälte dem Kerim überließ. Sie meinte, ohne sich weiter darüber zu erklären, einem Fischer, wie Kerim, welchen sie ebenso wenig, als er, für den Kalifen erkannte. Als sie geendigt hatte, legte sie die Laute neben sich hin, und hielt ihr Schnupftuch vor das Gesicht, um ihre Tränen zu verbergen, die sie nicht zurückhalten konnte. Nureddin erwiderte kein Wort auf ihre Vorwürfe, und sein Schweigen bezeugte, dass sein Geschenk ihn nicht gereute. Aber der Kalif, voll Verwunderung über das, was er hörte, sprach zu ihm: “Herr, so wie ich sehe, so ist diese so schöne, so seltene, so bewunderungswürdige Frau, welche ihr mir mit solcher Großmut zum Geschenk gemacht habt, eure Sklavin, und ihr seid ihr Herr?” “Allerdings, Kerim,” erwiderte Nureddin, “und du würdest noch weit mehr erstaunt sein, als du es jetzt scheinst, wenn ich dir alle die Unglücksfälle erzählte, welche mir im Betreff ihrer begegnet sind.” – “Oh, ich bitte euch, Herr,” versetzte der Kalif, immer sehr gut die Rolle des Fischers spielend, “erzeigt mir den Gefallen, und erzählt mir ihre Geschichte.” Nureddin, der ihm eben schon etwas Wichtigeres gewährt hatte, obwohl er ihn nur für einen Fischer hielt, wollte ihm auch gern noch diesen Gefallen tun. Er erzählte ihm also seine ganze Geschichte, von Anfang her, wie der Wesir, sein Vater, die schöne Perserin für den König von Balsora gekauft hatte, und verschwieg nichts von allem, was er getan und was ihm begegnet war, bis zu seiner Ankunft in Bagdad mit ihr, und bis zu diesem Augenblick, da er mit ihm sprach. Als Nureddin geendigt hatte, fragte ihn der Kalif: “Und wohin wollt ihr jetzt gehen?” “Wohin ich gehen will,” antwortete er: “Wohin Gott mich führt.” “Wollt ihr mir folgen,” fuhr der Kalif fort, “so geht nicht weiter: Ihr müsst im Gegenteil nach Balsora zurückkehren. Ich will euch ein Paar Zeilen an den König mitgeben. Ihr werdet sehen, er wird euch gut aufnehmen, sobald er sie gelesen hat, und niemand wird euch auch nur mit einem Wort Leid tun.” “Kerim,” entgegnete Nureddin, “was du mir da sagst, klingt sehr wunderbar: Wo hat man je gehört, dass ein Fischer, wie du, mit einem König in Briefwechsel steht.” “Das darf euch nicht verwundern,” erwiderte der Kalif, “wir sind zusammen bei demselben Lehrmeister in die Schule gegangen, und sind immer die besten Freunde von der Welt gewesen. Zwar hat das Glück uns nicht auf gleiche Weise begünstigt, es hat ihn zum König, und mich zum Fischer gemacht: Aber diese Ungleichheit hat unsere Freundschaft nicht vermindert. Er hat sich alle ersinnliche Mühe gegeben, mich aus meinem Stand empor zu ziehen: Ich aber habe mich immer damit begnügt, die Achtung, welche er für mich hat, mir nichts abzuschlagen, zu Gunsten meiner Freunde zu benutzen. Drum lasst mich nur machen: Ihr werdet den Erfolg davon sehen.” Nureddin ließ sich den Vorschlag des Kalifen gefallen. Da im Saal alles zum Schreiben Notwendige vorhanden war, so schrieb der Kalif an den König von Balsora folgenden Brief, über welchen er, fast am äußersten Rande des Papiers, in sehr kleinen Schriftzügen, die Formel setzte: “Im Namen des allbarmherzigen Gottes.” Brief des Kalifen Harun Arreschyd an den König von Balsora“Harun Arreschyd, Mahdi’s Sohn, sendet diesen Brief an Muhammed, seinen Vetter. Sobald Nureddin, des Wesirs Chakan Sohn, der Überbringer dieses Briefes, dir denselben übergeben und du ihn gelesen hast, so lege auf der Stelle den königlichen Mantel ab, bekleide ihn damit, und räume ihm deine Stelle ein. Gott befohlen.” Der Kalif faltete und versiegelte den Brief, und ohne Nureddin dessen Inhalt zu sagen, sprach er zu ihm: “Nimm und geh unverzüglich hin, und besteig ein Boot, das bald abgehen wird, so wie alle Tage eins zu derselben Stunde abgeht. Du kannst auf dem Schiffe schlafen.” Nureddin nahm den Brief, und reiste mit dem wenigen Geld ab, das er bei sich hatte, als Sandschiar ihm seine Börse gab. Die schöne Perserin war untröstlich über seine Abreise, drückte sich in eine Ecke des Sofas, und zerfloss in Tränen. Kaum hatte Nureddin den Saal verlasen, als Scheich-Ibrahim, der bisher alles, was vorging, mit Stillschweigen beobachtet hatte, den Kalifen ansah, den er noch immer für den Fischer Kerim hielt, und zu ihm sagte: “Höre, Kerim, du bist hergekommen und hast zwei Fische gebracht, die höchstens zwanzig Kupfermünzen wert sind, und hast dafür eine Börse und eine Sklavin zum Geschenk erhalten. Denkst du das alles für dich zu behalten? Ich erkläre dir, dass ich für mein Halbteil die Sklavin haben will. Was die Börse betrifft, so lass sehen, was drinnen ist: Ist es Silbergeld, so magst du ein Stück für dich behalten. Ist es aber Gold, so nehme ich alles, und gebe dir etliche Kupferstücke, die ich noch im Beutel habe.” “Um recht zu verstehen, was nun folgt,” unterbrach sich hier Scheherasade, “ist zu bemerken, dass der Kalif, bevor er die zugerichtete Schüssel mit den Fischen in den Saal trug, dem Großwesir Giafar befohlen hatte, eilig nach dem Palast zu gehen, und ihm vier Kammerdiener und ein Kleid zu holen, und damit auf der andern Seite des Saales zu warten, bis er aus einem der Fenster in die Hände klatschte. Der Großwesir hatte diesen Befehl vollzogen, und er und Mesrur, mit den vier Kammerdienern, erwarteten an dem bestimmten Ort das verabredete Zeichen. Ich komme nun zu meiner Erzählung zurück,” fuhr die Sultanin fort. “Der Kalif, noch immer in der Verkleidung als Fischer, antwortete kühn dem Scheich-Ibrahim: “Scheich-Ibrahim, ich weiß nicht, was in der Börse ist: Sei’s Gold oder Silber, ich will es von Herzen gern mit euch teilen. Was aber die Sklavin betrifft, die will ich für mich allein behalten. Wenn ihr euch mit dem, was ich euch anbiete, nicht begnügen wollt, so kriegt ihr nichts.” Scheich-Ibrahim, von Zorn entbrannt über solche Unverschämtheit, wofür er diese Rede eines Fischers gegen sich betrachtete, nahm eines von den Porzellangefäßen, die auf dem Tisch standen, und warf es dem Kalifen nach dem Kopf. Der Kalif wich leicht dem Wurf eines vom Wein berauschten Mannes aus: Das Gefäß flog gegen die Wand, und zerbrach in tausend Stücke. Scheich-Ibrahim, durch den Fehlwurf noch mehr erzürnt als zuvor, nimmt nun das auf dem Tisch stehende Licht, steht taumelnd auf, und steigt eine verborgene Treppe hinab, um einen Stock zu holen. 1) Kerim bedeutet der Großmütige, Freigebige. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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