24. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
24. Nacht“Meine liebe Schwester,” rief Dinarsade, wie gewöhnlich, “wenn du nicht schläfst, so bitte ich dich, das schöne Märchen von dem Fischer fortzusetzen und zu vollenden.” Die Sultanin nahm sogleich das Wort, und sprach folgendermaßen: “Herr, nachdem die vier Fische geantwortet hatten, warf sie den Tiegel mit einem Rutenschlag um, und verschwand an derselben Stelle in die Wand, wo sie herausgetreten war. Der Großwesir, welcher Zeuge von allem gewesen, was vorgegangen war, sagte: “Das ist zu erstaunlich und zu außerordentlich, um dem Sultan ein Geheimnis davon zu machen; ich gehe, ihn von diesem Wunder zu unterrichten.” In der Tat ging er sogleich zu ihm, und machte ihm einen treuen Bericht davon. Der Sultan war sehr erstaunt, und bezeigte großes Verlangen, dieses Wunder zu sehen. In dieser Absicht sandte er hin und ließ den Fischer holen. “Mein Freund,” sprach er zu ihm, “könntest du mir nicht noch vier Fische von verschiedenen Farben bringen?” Der Fischer antwortete dem Sultan: Wenn Seine Majestät ihm zur Erfüllung ihres Wunsches drei Tage Zeit geben wollte, so verspräche er, ihr zu genügen. Als ihm dies bewilligt war, ging er zum dritten Mal nach dem Teich, und er war nicht minder glücklich, als die beiden vorigen Male, denn auf den ersten Zug fing er vier Fische von verschiedenen Farben. Er säumte nicht, sie sogleich dem König zu bringen, dessen Freude darüber umso größer war, als er sie nicht so bald erwartet hatte, und der ihm abermals vierhundert Goldstücke geben ließ. Sobald der Sultan die Fische hatte, ließ er sie in sein Zimmer bringen, samt allem, was zu ihrer Bereitung nötig war. Hier schloss er sich mit seinem Großwesir ein, und dieser richtete die Fische zu, setzte sie in einem Tiegel auf das Feuer, und als sie auf der einen Seite gebraten waren, kehrte er sie auf die andere. Da öffnete sich die Wand des Zimmers, aber anstatt des Fräuleins, trat ein Schwarzer daraus hervor. Dieser Schwarze trug die Kleidung eines Sklaven. Er war von riesenhafter Dicke und Größe, und hielt einen dicken grünen Stock in der Hand. Er nahte sich dem Tiegel, berührte mit seinem Stock einen der Fische, und sprach zu ihm mit furchtbarer Stimme: “Fisch, Fisch, tust du deine Pflicht?” Auf diese Worte hoben die Fische ihre Köpfe empor, und antworteten: “Ja, ja, wir tun unsere Pflicht, wenn ihr rechnet, so rechnen wir auch, wenn ihr eure Schulden bezahlt, so bezahlen wir auch die unsrigen: wenn ihr flieht, so siegen wir und sind wir zufrieden.” Kaum hatten die Fische diese Worte ausgesprochen, als der Schwarze den Tiegel mitten im Zimmer umstieß, und die Fische in Kohlen verwandelte. Als dies geschehen war, entfernte er sich stolz, und trat in die geöffnete Wand zurück, welche sich wieder schloss und in demselben Zustande erschien, wie zuvor. “Nachdem, was ich soeben gesehen habe,” sprach der Sultan zu seinem Großwesir, “ist es mir unmöglich, ruhig zu sein. Diese Fische bedeuten ohne Zweifel etwas außerordentliches, worüber ich Aufklärung haben will.” Er sandte abermals nach dem Fischer. Man brachte ihn, und er sagte zu ihm: “Fischer, die Fische, welche du uns gebracht hast, verursachen mir große Unruhe. An welchem Ort hast du sie gefangen?” – “Herr,” antwortete er, “Ich habe sie in einem Teich gefangen, welcher zwischen vier Hügeln liegt, jenseits des Berges, den man von hier sieht.” “Kennst du diesen Teich?” fragte der Sultan den Wesir. – “Nein, Herr,” antwortete der Wesir, “ich habe nie davon reden gehört, es sind gleichwohl schon sechzig Jahre, dass ich in der Umgegend und jenseits dieses Berges jage.” Der Sultan fragte nun den Fischer, wie weit der Teich von seinem Palast entfernt wäre, und der Fischer versicherte, dass es nicht mehr als drei Stunden Weges wäre. auf diese Versicherung, und weil es noch hoch genug am Tage war, um vor der Nacht dorthin zu gelangen, befahl der Sultan seinem ganzen Hofe, zu Pferde zu steigen, und der Fischer diente ihm als Führer. Sie ritten den Berg hinauf, und beim Hinabsteigen sahen sie, mit großer Verwunderung, eine weite Ebene, welche niemand bisher bemerkt hatte. Endlich gelangten sie an den Teich, welchen sie wirklich zwischen vier Hügeln liegen fanden, wie der Fischer berichtet hatte. Das Wasser darin war so durchsichtig, dass sie bemerkten, wie alle Fische darin denen ähnlich waren, welche der Fischer nach dem Palast gebracht hatte. Der Sultan hielt am Ufer des Teiches still, und nachdem er die Fische darin einige Zeit mit Verwunderung betrachtet hatte, fragte er seine Emire und alle seine Hofleute, wie es möglich wäre, dass sie diesen so nahe bei der Stadt gelegenen Teich noch nicht gesehen hätten. Sie antworteten ihm, dass sie niemals auch nur davon reden gehört hätten. “Weil ihr denn alle einstimmig seid,” sagte er darauf zu ihnen, “dass ihr nicht einmal davon reden gehört habt, und da ich nicht minder als ihr über diese neue Erscheinung erstaunt bin, so habe ich mich entschlossen, nicht eher in meinen Palast zurückzukehren, als bis ich weiß, wie dieser Teich hierher kommt, und warum es nur Fische von viererlei Farben darin gibt.” Nachdem er dieses gesagt hatte, befahl er, sich zu lagern, und alsbald wurde sein Zelt und die Zelte für seinen Hof am Ufer des Teiches aufgeschlagen. Bei Anbruch der Nacht begab der Sultan sich in sein Zelt, besprach sich insgeheim mit seinem Großwesir, und sagte zu ihm: “Wesir, ich fühle in mir eine große Unruhe, dieser an diesen Ort versetzte Teich, dieser Schwarze, der uns in meinem Zimmer erschienen ist, diese Fische, welche wir reden gehört haben: alles dies erregt meine Neugier dermaßen, dass ich der Ungeduld nicht widerstehen kann, sie zu befriedigen. Zu diesem Zweck habe ich einen Plan erdacht, welchen ich durchaus ausführen muss. Ich werde mich allein aus dem Lager entfernen, und befehle dir, meine Abwesenheit geheim zu halten: Bleib’ unter meinem Zelt, und morgen früh, wenn meine Emire und Hofleute sich vorzustellen kommen, weise sie ab, mit dem Vorgeben, dass ich von einer leichten Unpässlichkeit befallen bin, und allein sein will. Die folgenden Tage wiederhole ihnen dasselbe, bis ich wieder zurückkomme.” Der Großwesir machte dem Sultan mehrere Vorstellungen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er erinnerte ihn an die große Gefahr, der er sich aussetze, und dass er sich vielleicht eine vergebliche Mühe gäbe. Aber wie er auch seine Beredsamkeit erschöpfte, der Sultan ließ nicht ab von seinem Entschluss, sondern bereitete sich, ihn auszuführen. Er zog sich ein zum Wandern bequemes Kleid an, versah sich mit einem Säbel, und sobald er sah, dass alles still war in seinem Lager, machte er sich ohne irgend eine Begleitung auf den Weg. Er richtete seine Schritte gegen einen der vier Hügel, und bestieg ihn gemächlich. Noch leichter stieg er jenseits hinab, und als er in der Ebene war, wanderte er bis Sonnenaufgang darauf fort. Da erblickte er in der Ferne vor ihm ein großes Gebäude, und freute sich in der Hoffnung, dort etwas von dem zu erfahren, was er zu wissen wünschte. Als er nahe daran war, bemerkte er, dass es ein prächtiger Palast war, oder vielmehr ein sehr festes Schloss, von schönem schwarzen geschliffenen Marmor, mit einem Dach von feinem Stahl, so glatt wie ein Spiegelglas. Erfreut, dass er nicht lange gehen durfte, ohne wenigstens etwas Merkwürdiges anzutreffen, blieb er an der Vorderseite des Schlosses stehen, und betrachtete sie mit großer Aufmerksamkeit. Er näherte sich hierauf der Pforte, welche zwei Flügeltüren hatte, deren eine offen stand. Obgleich er gerade hineintreten konnte, so glaubte er doch anklopfen zu müssen. Er klopfe also einmal, ziemlich leise, und wartete einige Zeit, da er niemand kommen sah, wähnte er, man hätte ihn nicht gehört, deshalb klopfte er zum zweiten Male etwas stärker, und als er niemand sah noch hörte, noch stärker: Aber immer noch erschien niemand. Das verwunderte ihn höchlich, denn er konnte sich nicht denken, dass ein so wohl unterhaltenes Schloss unbewohnt wäre. “Wenn niemand darin ist,” sagte er zu sich selber, “so habe ich nichts zu fürchten, und ist jemand drinnen, so habe ich etwas, mich zu verteidigen.” Kurz, der Sultan trat hinein, er ging weiter in den Vorhof, und rief laut: “Ist niemand hier, einen Wanderer aufzunehmen, der eine Erquickung bedarf?” Er wiederholte dieselbe Frage zwei- oder dreimal, aber, so laut er auch sprach, niemand antwortete ihm. Dieses Stillschweigen vermehrte sein Erstaunen. Er ging weiter in einen sehr geräumigen Hof, und blickte sich nach allen Seiten um, ob er niemand entdecken könnte. Er erblickte aber nicht das geringste lebende Wesen … “Aber, Herr,” sagte Scheherasade bei dieser Stelle, “der anbrechende Tag legt mir Stillschweigen auf.” “Ach, meine Schwester,” sagte Dinarsade, “du lässt uns gerade an der schönsten Stelle!” – “Es ist wahr,” antwortete die Sultanin; “aber liebe Schwester, du siehst die Notwendigkeit davon ein. Jedoch käme es nur auf den Sultan, meinen Herrn an, dass du morgen auch das Übrige hörtest.” Es geschah nicht sowohl Dinarsade zu Gefallen, dass Schachriar die Sultanin nochmals leben ließ, als um seine eigene Neugier zu befriedigen und zu vernehmen, was sich in dem Schlosse zutragen würde. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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