239. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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239. Nacht

“Herr, wir ließen gestern die beiden unnatürlichen Königinnen in dem abscheulichen Vorsatz, die beiden Prinzen, ihre Söhne, zu verderben.

Als am folgenden Morgen der König Kamaralsaman von der Jagd zurückkam, war er sehr erstaunt, sie in einem Bett liegen zu finden, ganz verweint, und in einem so gut verstellten Zustand, dass er zum Mitleid bewegt wurde. Er fragte sie hastig, was ihnen geschehen wäre.

Auf diese Frage verdoppelten die treulosen Königinnen ihr Seufzen und Schluchzen, und nachdem sie sich genug hatten bitten lassen, nahm endlich die Königin Badur das Wort. “Herr,” sagte sie, “der gerechte Schmerz, der uns ergriffen hat, ist so groß, dass wir das Tageslicht nicht mehr erblicken sollten, nach der Schmach, welche die Prinzen, eure Söhne, uns durch eine Zügellosigkeit ohne gleichen angetan haben. In Gemeinschaft haben sie, ihrer Geburt unwürdig, in eurer Abwesenheit die Frechheit und Schamlosigkeit gehabt, unsere Ehre anzutasten. Euer Majestät erlasse uns, mehr davon zu sagen. Unsere Betrübnis wird euch genügend das Übrige erraten lassen.”

Der König ließ sogleich die beiden Prinzen rufen, und er hätte ihnen mit seiner eigenen Hand das Leben genommen, wenn der alte König Armanos, sein Schwäher, der gegenwärtig war, seinen Arm nicht zurückgehalten hätte. “Mein Sohn,” sagte er zu ihm, “was willst du tun? Willst du deine Hände und deinen Palast mit deinem eigenen Blut beflecken? Es gibt ja noch andere Mittel, sie zu bestrafen, wenn sie wirklich schuldig sind.” Er bemühte sich, ihn zu besänftigen, und bat ihn, ja genau zu untersuchen, ob sie wirklich das Verbrechen begangen hätten, dessen man sie anklagte.

Kamaralsaman konnte es wohl über sich gewinnen, nicht selber der Scharfrichter seiner Kinder zu sein. Aber, nachdem er sie hatte verhaften lassen, ließ er am Abend einen Emir, Namens Giandar kommen, und trug ihm auf, ihnen außerhalb der Stadt, auf welcher Seite und so weit ab, als er wollte, das Leben zu nehmen und nicht ohne ihre Kleider, zum Zeugnisse des vollzogenen Befehls zurückzukommen.

Giandar ritt die ganze Nacht hindurch mit den beiden Prinzen fort. Am Morgen früh stieg er ab, und machte ihnen, mit Tränen in den Augen, den erhaltenen Befehl bekannt. “Prinzen,” sagte er zu ihnen, “dieser Befehl ist sehr hart, und es ist für mich ein grausamer Schmerz, zum Vollstrecker desselben erwählt zu sein: Wollte Gott, dass ich mich dessen überheben könnte!” – “Tut eure Pflicht,” erwiderten die Prinzen. “Wir wissen, dass ihr nicht die Ursache unsres Todes seid: Wir verzeihen ihn euch von ganzem Herzen.”

Mit diesen Worten umarmten sich die Prinzen und sagten sich das letzte Lebewohl mit solcher Zärtlichkeit, dass sie sich lange nicht voneinander losreißen konnten. Der Prinz Assad bot sich zuerst dar, den Todesstreich zu empfangen. “Beginne mit mir,” sprach er zu Giandar, damit ich nicht den Schmerz habe, meinen lieben Bruder Amgiad sterben zu sehen.” Amgiad wollte es nicht zugeben, und Giandar konnte nicht, ohne noch mehr Tränen zu vergießen, als zuvor, Zeuge ihres Wettstreits sein, welcher bewies, wie aufrichtig und vollkommen ihre Freundschaft war.

Sie schlichteten endlich diesen rührenden Streit, und baten Giandar, sie zusammen zu binden und sie in die bequemste Lage zu setzen, dass er ihnen beiden zugleich den Todesstreich geben könnte. “Verweigert nicht,” fügten sie hinzu, “diesen Trost, zusammen zu sterben, zwei unglücklichen Brüdern, welche, auch bis auf ihre Unschuld, alles gemein gehabt haben, so lange sie auf der Welt sind.”

Giandar gewährte den beiden Prinzen ihren Wunsch: Er band sie, und als er ihnen die, wie er glaubte, angemessenste Stellung gegeben hatte, um ihnen, ohne zu fehlen, mit einem Streich die Häupter abzuschlagen, fragte er sie, ob sie vor ihrem Tod ihm noch etwas aufzutragen hätten.

“Wir bitten euch nur noch um eins,” antworteten die beiden Prinzen, “nämlich, bei eurer Rückkehr den König, unsern Vater fest zu versichern, dass wir unschuldig sterben, ihm jedoch nicht die Vergießung unseres Blutes zurechnen. Denn wir wissen, dass er von der Wahrheit des uns angeschuldigten Verbrechens nicht recht unterrichtet ist.”

Giandar versprach ihnen, es nicht zu unterlassen, und zog zugleich seinen Säbel. Sein an einen Baum neben ihm gebundenes Pferd ward von dieser Bewegung und dem Blinken des Säbels scheu, zerriss den Zaum, sprang fort, und lief, was es laufen konnte, über das Feld dahin.

Es war ein kostbares und reich aufgeschirrtes Ross, welches Giandar ungern verlieren wollte. Verwirrt durch diesen Zufall warf er, anstatt den Prinzen den Kopf abzuhauen, den Säbel weg, und lief seinem Pferd nach, um es wieder zu fangen.

Das mutige Ross machte vor Giandar mehrere Seitensprünge, führte ihn so bis zu einem Wald, und lief hinein. Giandar folgte ihm auch hier: Das Wiehern des Rosses erweckte einen schlafenden Löwen, der Löwe lief hervor, und anstatt auf das Ross loszugehen, kam er gerade auf Giandar zu, sobald er ihn erblickte.

Giandar dachte nun nicht mehr an sein Ross: Er war jetzt in größerer Sorge für die Erhaltung seines Lebens, und musste dem Angriff des Löwen ausweichen, der ihn nicht aus dem Gesicht verlor, sondern ihn durch die Bäume nahe verfolgte. In dieser höchsten Not sprach er bei sich selber: “Gott würde mir nicht diese Strafe zuschicken, wenn die Prinzen, deren Tod mir befohlen ist, nicht unschuldig wären: Zu meinem Unglück habe ich nicht einmal meinen Säbel, mich zu verteidigen.”

Während Giandars Entfernung empfanden die beiden Prinzen einen gleich brennenden Durst, den die Todesangst ihnen verursachte, ungeachtet ihrer edelmütigen Ergebung in den grausamen Befehl ihres Vaters: Der Prinz Amgiad machte seinem Bruder Assad bemerkbar, dass nicht weit von ihnen eine Quelle wäre, und schlug ihm vor, sich loszubinden, um hinzugehen und zu trinken. “Mein Bruder,” erwiderte der Prinz Assad, “für die kurze Zeit, die wir noch zu leben haben, verlohnt es sich nicht der Mühe, unsern Durst zu stillen: Wir können ihn wohl noch einige Augenblicke aushalten.”

Ungeachtet dieser Einwendung, band Amgiad sich los, und auch seinen Bruder wider dessen Willen. Sie gingen zu der Quelle, und nachdem sie sich erfrischt hatten, hörten sie in dem Wald, wohin Giandar seinem Ross gefolgt war, das Gebrüll des Löwen und lautes Geschrei. Amgiad ergriff sogleich den Säbel, den Giandar weggeworfen hatte, und sagte zu Assad: “Mein Bruder, lass uns dem unglücklichen Giandar zu Hilfe eilen: Vielleicht kommen wir noch zeitig genug, ihn aus der Gefahr, worin er ist, zu befreien.”

Die beiden Prinzen verloren keine Zeit, und kamen in demselben Augenblick an, da der Löwe den Giandar niedergeworfen hatte. Als der Löwe den Prinzen Amgiad mit geschwungenem Säbel auf sich zukommen sah, ließ er seine Beute fahren, und sprang wütend gerade auf ihn los. Der Prinz erwartete ihn unerschrocken, und versetzte ihm einen so gewaltigen und geschickten Schlag, dass er tot niederstürzte.

Sobald Giandar erkannte, dass er den beiden Prinzen das Leben verdankte, warf er sich ihnen zu Füßen, und dankte ihnen für die große Verpflichtung, die er ihnen hatte, in Ausdrücken, die seine vollkommen Erkenntlichkeit bezeigten. “Prinzen,” sprach er zu ihnen, indem er wieder aufstand und ihnen mit Tränen in den Augen die Hand küsste, “Gott behüte mich, dass ich noch euer Leben fordern sollte, nach einer so großen und glänzenden Hilfe, als ihr mir jetzt geleistet habt! Nimmer soll man dem Emir Giandar vorwerfen, dass er einer so großen Undankbarkeit fähig gewesen sei.”

“Der Dienst, den wir euch geleistet haben,” erwiderten die Prinzen, “darf euch nicht abhalten, euren Befehl zu vollziehen. Wir wollen erst euer Pferd wieder fangen, und dann nach dem Orte zurückkehren, wo ihr uns verlassen hattet.”

Sie hatten nicht viel Mühe, das Ross wieder zu fangen, nachdem seine Wildheit vergangen und es stehen geblieben war.

Aber als sie wieder bei der Quelle waren, konnten sie durch all ihr Bitten und Zureden den Emir Giandar doch nimmer dahin bringen, sie zu töten. “Das Einzige, was ich mir die Freiheit nehme, von euch zu fordern,” sagte er zu ihnen, “und um dessen Bewilligung ich euch bitte, ist, dass ihr euch mit dem behelft, was ich euch von meinen Kleidern anbieten kann, mir dagegen die eurigen gebt, und so weit weg geht, dass der König, euer Vater, nimmer von euch reden höre.”

Die Prinzen waren gezwungen, sich seinem Willen zu fügen. Nachdem sie ihm ihre Kleider gegeben, und sich mit dem bedeckt hatten, was er ihnen von den seinigen gab, nötigte sie der Emir Giandar, alles anzunehmen, was er an Gold und Silber bei sich hatte, und nahm Abschied von ihnen.

Als der Emir Giandar sich von den Prinzen getrennt hatte, ritt er durch den Wald, färbte dort ihre Kleider mit dem Blut des Löwen, und setzte seinen Weg nach der Hauptstadt der Ebenholzinsel fort.

Bei seiner Ankunft fragte ihn der König Kamaralsaman, ob er treulich den ihm gegebenen Befehl vollzogen hätte. “Herr,” antwortete Giandar, indem er ihm die Kleider der Prinzen überreichte, “hier sind die Zeugnisse davon.”

“Sage mir,” fragte der König weiter, “auf welche Weise empfingen sie die Strafe, die ich ihnen antun ließ?”

“Herr,” erwiderte Giandar, “sie empfingen sie mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit, und mit einer Hingebung in den Willen Gottes, welche die Aufrichtigkeit ihres Glaubensbekenntnisses bezeugte. Vorzüglich aber mit großer Ehrfurcht für Euer Majestät, und mit einer unbegreiflichen Unterwerfung bei ihrem Todesurteil. “Wir sterben unschuldig,” sagten sie, “aber wir murren deshalb nicht. Wir empfangen unsern Tod von der Hand Gottes, und verzeihen ihn dem König, unserm Vater: Wir wissen sehr wohl, dass er nicht recht von der Wahrheit unterrichtet ist.”

Kamaralsaman, innig gerührt über diesen Bericht des Emirs Giandar, fiel darauf, die Taschen in den Kleidern der beiden Prinzen zu durchsuchen, und begann bei denen Amgiads. Er fand darin einen Brief, öffnete ihn und las ihn. Er erkannte bald, dass die Königin Haïat-al-nefus ihn geschrieben hatte, nicht allein an der Handschrift, sondern auch an einer kleinen, darin liegenden Haarlocke, und schauderte. Zitternd untersuchte er auch Assads Taschen, und der Brief der Königin Badur, den er darin fand, traf ihn mit einem so plötzlichen und gewaltigen Schlag, dass er in Ohnmacht fiel …”

Die Sultanin Scheherasade bemerkte bei diesen letzten Worten, dass der Tag anbrach, hielt inne, und schwieg. In der folgenden Nacht nahm sie den Faden der Geschichte wieder auf, und sagte zum Sultan von Indien:

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