23. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
23. NachtGegen das Ende der 23. Nacht weckte Dinarsade die Sultanin, und sagte zu ihr: “Meine Schwester, ich bin äußerst ungeduldig, die Fortsetzung der Geschichte des Fischers zu hören.” Scheherasade nahm sie, mit Erlaubnis des Sultans, folgendermaßen wieder auf: “Herr, ich überlasse es Euer Majestät, zu ermessen, wie groß das Erstaunen des Sultans war, als er die vier Fische sah, welche der Fischer ihm überreichte. Er nahm sie, einen nach dem andern, um sie mit Aufmerksamkeit zu betrachten, und nachdem er sie lange bewundert hatte, sagte er zu seinem ersten Wesir: “Nimm diese Fische, und trage sie zu der geschickten Köchin, welche der griechische Kaiser mir geschickt hat: Ich bilde mir ein, dass sie nicht minder schmackhaft, als schön, sein werden.” Der Wesir trug sie selber zu der Köchin, und indem er sie ihren Händen übergab, sagte er zu ihr: “Da sind vier Fische, welche man soeben dem Sultan gebracht hat. Er befiehlt dir, sie ihm zuzurichten.” Nachdem er sich dieses Auftrages entledigt hatte, kehrte er zu dem König, seinem Herrn zurück, welcher ihm befahl, dem Fischer vierhundert Goldstücke zu geben: Was er auch getreulich erfüllte. Der Fischer, welcher niemals eine so große Summe auf einmal besessen hatte, konnte kaum sein Glück fassen, und es kam ihm vor wie ein Traum. Aber er erkannte in der Folge wohl, dass es wirklich war, durch den guten Gebrauch, welchen er davon machte, indem er es auf die Bedürfnisse seiner Familie verwandte. “Aber Herr,” fuhr Scheherasade fort, “nachdem ich euch von dem Fischer erzählt habe, muss ich nun auch von der Köchin des Sultans erzählen, welche wir in einer großen Verlegenheit finden werden. Sobald sie die Fische gereinigt hatte, welche der Wesir ihr übergeben, setzte sie sie in einem Tiegel mit Öl aufs Feuer, um sie zu braten. Als sie dieselben auf der einen Seite genug gebraten glaubte, kehrte sie sie um. Aber, o unerhörtes Wunder! Kaum waren sie umgedreht, als die Wand der Küche sich auftat: Daraus trat ein Fräulein hervor, von bewunderungswürdiger Schönheit, und herrlichem Wuchs. Sie trug ein Kleid von ägyptischem geblümten Atlas, Ohrgehänge und ein Halsband von großen Perlen, goldene, mit Rubinen geschmückte Armbänder, und hielt eine Rute aus Myrte in der Hand. Sie nahte sich dem Tiegel, zum großen Erstaunen der Köchin, welche bei diesem Anblick unbeweglich dastand, und indem sie einen der Fische mit der Rute berührte, sagte sie zu ihm: “Fisch, tust du deine Pflicht?” Als der Fisch nicht antwortete, wiederholte sie dieselben Worte, und nun erhoben die vier Fische zugleich ihre Köpfe und antworteten sehr deutlich: “Ja, ja: Wenn ihr rechnet, so rechnen wir auch, wenn ihr eure Schulden bezahlt, so bezahlen wir auch die unsrigen, wenn ihr flieht, so siegen wir und sind wir zufrieden.” Sobald sie diese Worte ausgesprochen hatten, stieß das Fräulein den Tiegel um, und trat in die geöffnete Wand zurück, welche sich sogleich wieder zuschloss, und in demselben Zustand erschien, wie zuvor. Als die Köchin, welche alle diese Wunder entsetzt hatten, von ihrem Schreck wieder zu sich gekommen war, ging sie hin, die Fische wieder aufzuheben, welche in die Glut gefallen waren. Aber sie waren alle so schwarz wie Kohlen, und gar nicht im Zustand, dem Sultan vorgesetzt zu werden. Sie war darüber sehr bekümmert, und fing an zu weinen: “Wehe mir,” rief sie aus, was soll aus mir werden! Wenn ich dem Sultan erzähle, was ich gesehen habe, so wird er mir sicher nicht glauben. In welchen Zorn wird er nicht gegen mich geraten!” Während sie sich so betrübte, trat der Großwesir herein, und fragte sie, ob die Fische bereit wären. Sie erzählte ihm alles, was ihr begegnet war, und dieser Bericht, wie man sich denken kann, erstaunte ihn höchlich. Aber ohne dem Sultan etwas davon zu sagen, ersann er eine Entschuldigung, welche ihm genügte. Indessen schickte er auf der Stelle hin, und ließ den Fischer rufen, und als dieser gekommen war, sagte er zu ihm: “Fischer, bringe mir vier andere Fische, welche denen, die du schon gebracht hast, ähnlich sind, denn es ist ein eigenes Unglück damit begegnet, welches verhindert hat, sie dem Sultan vorzusetzen.” Der Fischer sagte ihm nicht, was der Geist ihm empfohlen hatte, sondern um sich davon loszumachen, diesen Tag noch die verlangten Fische zu liefern, entschuldigte er sich durch die Länge des Weges, und versprach, sie am folgenden Morgen zu bringen. In der Tat machte sich der Fischer während der Nacht auf, und begab sich nach dem Teich. Er warf darin sein Netz aus, und als er es herauszog, fand er darin vier Fische, ganz wie die vorigen, jeden von einer verschiedenen Farbe. Er kehrte alsbald zurück, und brachte sie dem Großwesir, zu der Zeit, da er sie ihm versprochen hatte. Dieser Minister nahm sie, und trug sie selber abermals in die Küche, wo er sich allein mit der Köchin einschloss, welche sie in seiner Gegenwart zurichtete, und sie auf das Feuer setzte, wie sie mit den vier andern den vorigen Tag getan hatte. Als sie auf einer Seite gebraten waren, und sie sie auf die andere Seite gedreht hatte, öffnete sich die Wand der Küche abermals, und dieselbe Frau erschien mit ihrer Rute in der Hand. Sie nahte sich dem Tiegel, schlug auf einen der Fische, sprach dieselben Worte zu ihm, und sie gaben ihr alle mit aufgehobenen Köpfen dieselbe Antwort. “Aber, Herr,” fügte Scheherasade hinzu, “da bricht schon der Tag an, und hindert mich, diese Geschichte fortzusetzen.” Schachriar dachte wohl, das ihr Verlauf sehr merkwürdig sein müsste, und beschloss, ihn in der folgenden Nacht zu hören. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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