209. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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209. Nacht

“Bevor der Juwelier sich entfernte, unterließ Ebn Thaher nicht, ihn bei ihrer beider Freundschaft zu beschwören, an niemand etwas von allem dem zu sagen, was er ihm mitgeteilt hatte. “Seid ganz ruhig deshalb,” antwortete ihm der Juwelier, “ich werde euer Geheimnis auf Gefahr meines Lebens bewahren.”

Zwei Tage nach dieser Unterredung ging der Juwelier an Ebn Thahers Laden vorbei, und als er ihn geschlossen sah, zweifelte er nicht, dass er seinen Vorsatz ausgeführt, von welchem er ihm gesagt hatte. Um darüber gewiss zu sein, fragte er einen Nachbar, ob er nicht wüsste, warum der Laden nicht offen wäre. Der Nachbar antwortete ihm, er wüsste nichts weiter, als dass Ebn Thaher eine Reise angetreten hätte. Der Juwelier brauchte nicht mehr zu wissen, und dachte sogleich an den Prinz von Persien.

“Unglücklicher Prinz,” sagte er bei sich selber, “welchen Schmerz wird euch diese Neuigkeit verursachen! Durch welche Vermittlung werdet ihr nun eure Verbindung mit Schemselnihar unterhalten? Ich fühle Mitleid mit euch. Ich muss euch für den Verlust eines zu furchtsamen Vertrauten entschädigen.”

Das Geschäft, deswegen er ausgegangen, war nicht sehr wichtig. Er verschob es also, und obschon er den Prinzen von Persien nicht weiter kannte, als dass er ihm einige Juwelen verkauft hatte, so ging er gleichwohl zu ihm hin. Er wandte sich an einen seiner Leute, und bat ihn, seinem Herrn zu melden, dass er ihn wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte.

Der Bediente kam bald wieder zurück, und führte den Juwelier in das Zimmer des Prinzen, der auf dem Sofa halb ausgestreckt lag, das Haupt auf ein Kissen gestützt. Da er sich erinnerte, ihn schon gesehen zu haben, richtete er sich auf, ihn zu empfangen, und hieß ihn willkommen. Nachdem er ihn eingeladen hatte, sich zu setzen, fragte er ihn, ob er ihm irgend einen Dienst leisten könnte, oder ob er ihm etwas eine Neuigkeit brächte, die ihn selber beträfe.”

“Prinz,” antwortete ihm der Juwelier, “obwohl ich nicht die Ehre habe, euch näher bekannt zu sein, so hat doch das Verlangen, euch meinen Diensteifer zu beweisen, mich so dreist gemacht, zu euch zu kommen, um euch eine Neuigkeit mitzuteilen, die euch betrifft. Ich hoffe, dass ihr meine Dreistigkeit durch meine gute Absicht entschuldigen werdet.”

Nach diesem Eingang kam der Juwelier zur Sache, und fuhr also fort: “Prinz, ich habe die Ehre, euch zu sagen, dass schon seit langer Zeit Übereinstimmungen der Gemüter und einige gemeinsame Geschäfte mich mit Ebn Thaher zu einer engen Freundschaft verbunden haben. ich weiß, dass ihr ihn kennt, und dass er sich bisher bemüht hat, euch in allem, was er vermochte, gefällig zu sein. Ich habe es von ihm selber vernommen, denn er hat nie ein Geheimnis für mich gehabt. Nun kam ich eben an seinem Laden vorbei, und war sehr verwundert, diesen verschlossen zu sehen. Ich wandte mich an einen seiner Nachbarn, und fragte nach der Ursache davon. Der antwortete mir, dass Ebn Thaher schon vor zwei Tagen Abschied von ihm und den anderen Nachbarn genommen, und ihnen seine Dienste in Balsora angeboten hätte, wohin er, wie er sagte, wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit reiste. Diese Antwort genügte mir nicht, und meine Teilnahme an allem, was ihn angeht, hat mich bestimmt, hierher zu kommen, um euch zu fragen, ob ihr nichts näheres von einer so plötzlichen Abreise wisst.”

Auf diese Rede, welche der Juwelier also gewendet hatte, um leichter zum Ziel zu gelangen, verwandelte der Prinz seine Farbe, und sah den Juwelier mit einer Miene an, welche ihm deutlich zu erkennen gab, wie betrübt er über diese Neuigkeit war.

“Was ihr mir da sagt, überrascht mich,” antwortete er ihm, “es konnte mir kein größeres Unglück begegnen. Ja,” rief er aus, mit Tränen in den Augen, “es ist um mich geschehen, wenn das wahr ist, was ihr mir sagt! Ebn Thaher, der mein ganzer Trost war, auf den ich alle meine Hoffnung setzte, verlässt mich! Nach einem so harten Schlag darf ich nicht mehr ans Leben denken.”

Der Juwelier brachte nicht mehr zu hören, um von der heftigen Leidenschaft des Prinzen, von welcher Ebn Thaher ihm gesagt hatte, völlig überzeugt zu sein. “Die bloße Freundschaft,” sagte er bei sich selber, “redet nicht diese Sprache: Nur die Liebe ist im Stande, solche Gefühle hervorzubringen.”

Der Prinz blieb einige Augenblicke in die traurigsten Gedanken versunken. Endlich erhob er wieder das Haupt, und sagte zu einem seiner Leute: “Geh nach Ebn Thahers Haus, und erkundige dich bei einem von seinem Gesinde, ob er wirklich nach Balsora verreist ist. Lauf, und komm schleunigst wieder, mir Bescheid zu bringen.”

Bis zur Rückkehr des Bedienten, bemühte sich der Juwelier, den Prinzen von gleichgültigen Dingen zu unterhalten, aber dieser gab fast gar nicht Acht darauf: Er war der Raub einer tödlichen Unruhe. Bald konnte er nicht glauben, dass Ebn Thaher weggereist wäre. Bald zweifelte er nicht mehr daran, wenn er an die Vorstellungen dachte, welche dieser Vertraute ihm bei seinem letzten Besuch gemacht, und an das ungestüme Wesen, womit er ihn verlassen hatte.

Endlich kam der Bediente des Prinzen zurück, und meldete, er hätte mit einem von Ebn Thahers Leuten gesprochen, der ihn versichert, dass er nicht in Bagdad, sondern schon seit zwei Tagen nach Balsora verreist wäre. “Als ich aus Ebn Thahers Haus trat,” fügte der Bediente hinzu, “kam eine wohl gebildete Sklavin auf mich zu, und nachdem sie mich gefragt, ob ich nicht die Ehre hätte, euch anzugehören, sagte sie zu mir, dass sie euch zu sprechen wünschte, und bat mich zugleich, sie mitzunehmen. Sie ist in dem Vorzimmer, und ich glaube, dass sie euch einen Brief von irgend einer vornehmen Person zu übergeben hat.”

Der Prinz befahl sogleich, sie herein zu lassen. Er zweifelte nicht, dass es die vertraute Sklavin Schemselnihars wäre, und in der Tat war sie es. Der Juwelier erkannte sie auch, weil er sie einige Mal bei Ebn Thaher gesehen, und dieser ihm gesagt hatte, wer sie wäre. Sie konnte nicht gelegener kommen, um die Verzweiflung des Prinzen zu verhindern. Sie grüßte ihn …

“Aber, Herr,” sagte Scheherasade bei dieser Stelle, “ich sehe, dass es schon Tag ist.” Sie schwieg, und in der folgenden Nacht fuhr sie folgendermaßen fort:

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