179. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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179. Nacht

Als dieses traurige Abenteuer meinem vierten Bruder begegnete, war ich nicht in Bagdad. Er begab sich nach einer entfernten Gegend, wo er solange im Verborgenen lebte, bis er von den Stockschlägen, wovon sein Rücken gebläut worden, geheilt war. Sobald er wieder zu gehen im Stande war, begab er sich des Nachts auf Umwegen nach einer Stadt, wo er von niemanden gekannt war, mietete sich da eine Wohnung, die er fast nie verließ. Endlich ward er dieser eingeschlossenen Lebensweise überdrüssig, und ging einst in eine Vorstadt hinaus spazieren, als er plötzlich einen großen Lärm von Reitern vernahm, die hinter ihm hergeritten kamen. Er befand sich in diesem Augenblick gerade an der Tür eines großen Hauses, und da er seit dem letzten Begegnung alles mögliche befürchtete, so besorgte er denn auch, dass diese Reiter vielleicht ihn verfolgten, um ihn zu verhaften. Er öffnete also die Tür, um sich zu verbergen, und nachdem er sie hinter sich verschlossen, gelangte er in einen großen Hof, wo er sich kaum zeigte, als auch schon zwei Bedienten auf ihn los kamen, und ihn beim Kragen fassten, und zu ihm sagten: “Gott sei gelobt, dass du dich uns selber in die Hände lieferst! Du hast uns in drei verflossenen Nächten so viel zu schaffen gemacht, dass wir nicht haben schlafen können, und du hättest unser Leben gewiss nicht geschont, sofern wir uns nicht gegen deinen bösen Anschlag zu sichern gewusst hätten.”

Ihr könnt leicht denken, wie sehr mein Bruder über diese Begrüßung erschrak. “Liebe Leute,” sagte er zu ihnen, “ich weiß gar nicht, was ihr von mir haben wollt, und ihr haltet mich gewiss für einen anderen.” – “Nein, nein!”, erwiderten sie. “Wir wissen recht gut, dass du und deine Spießgesellen echte Spitzbuben seid. Ihr begnügt euch nicht damit, unserem Herrn alles das Seinige weggenommen und ihn an den Bettelstab gebracht zu haben, sondern ihr wollt auch noch an sein Leben. Wir wollen doch einmal nachsehen, ob du nicht noch das Messer bei dir hast, welches du in der Hand hattest, als du uns gestern Nacht verfolgtest.” Indem sie dies sagten, durchsuchten sie ihn, und fanden, dass er ein Messer bei sich hatte. “Oh,” riefen sie jetzt, indem sie ihn festhielten, “wagst du jetzt noch zu sagen, dass du kein Dieb seiest?” – “Je nun,” erwiderte mein Bruder, “kann man denn nicht ein Messer bei sich führen, ohne deshalb gerade ein Räuber zu sein? Hört meine Geschichte an,” fuhr er fort, “und anstatt eine schlechte Meinung von mir zu fassen, werdet ihr von meinen Unfällen gerührt werden.” Allein, anstatt ihn anzuhören, stürzten sie auf ihn los, traten ihn mit Füßen, rissen ihm die Kleider herunter und zerrissen ihm das Hemd. Als sie nun auf seinem Rücken die Narben erblicken, riefen sie aus, indem sie ihre Schläge verdoppelten: “Ach, du Hund, du willst uns überreden, du seiest ein ehrlicher Mann, während dein Rücken das Gegenteil verrät?” – “Ach,” rief mein Bruder, “die Zahl meiner Sünden muss sehr groß sein, da ich jetzt, nachdem ich schon einmal so ungerechter Weise misshandelt worden bin, noch einmal dasselbe erfahren muss, ohne im mindesten strafbar zu sein.”

Die beiden Bedienten ließen sich indes durch seine Klagen nicht rühren, sondern führten ihn vor den Polizeirichter, welcher zu ihm sagte: “Warum warst du so keck, in ihr Haus einzudringen und sie mit dem Messer in der Hand zu verfolgen?” – “Herr,” erwiderte der arme Alkus, “ich bin der unschuldigste Mensch von der Welt, und ich bin verloren, wenn ihr nicht die Gnade habt, mich geduldig anzuhören. Niemand ist bemitleidenswerter als ich.” – “Herr,” unterbrach ihn sofort einer der Bedienten, “wollt ihr noch einen Räuber anhören, der in die Häuser eindringt, um zu plündern und die Leute zu morden? Wenn ihr uns nicht Glauben beimessen wollt, so dürft ihr nur seinen Rücken ansehen.” Mit diesen Worten entblößte er den Rücken meines Bruders und zeigte ihn dem Richter, der nun ohne weitere Untersuchung auf der Stelle ihm hundert Hiebe mit dem Ochsenziemer auf die Schultern zu geben befahl. Sodann ließ er ihn auf einem Kamel durch die ganze Stadt führen und vor ihm ausrufen: “So bestraft man die, welche mit Gewalt in die Häuser einbrechen!”

Nachdem dieser Umzug geschehen war, schaffte man ihn aus der Stadt, und verbot ihm, jemals wieder dahin zurückzukehren. Gewisse Personen, die ihm nach diesem zweiten Unfall begegnet waren, benachrichtigten mich von seinem Aufenthaltsort. Ich suchte ihn auf und führte ihn heimlich nach Bagdad zurück, wo ich ihn nach Kräften unterstützte.

Der Kalif Mostanser Billah,” fuhr der Barbier fort, “lachte über diese Geschichte nicht so wie über die vorigen, sondern war so gütig, den unglücklichen Alkus zu bedauern. Er geruhte sodann, mir etwas verabreichen zu lassen und mich zu entlassen, doch ohne ihm Frist zur Vollziehung seines Befehls zu lassen, nahm ich wieder das Wort und sagte zu ihm: “Erhabener Herr und Gebieter, ihr seht wohl, dass ich wenig spreche, und da Euer Majestät so gnädig gewesen ist, mich bis hierher anzuhören, so werdet ihr wohl auch die Güte haben, die Abenteuer meiner zwei anderen Brüder zu vernehmen, die, wie ich hoffe, euch nicht minder belustigen werden als die vorhergehenden. Ihr könnt dann davon eine vollständige Geschichte abfassen lassen, die der Aufnahme in eure Geschichte abfassen lassen. die der Aufnahme in eure Büchersammlung nicht unwert sein wird: Ich habe also die Ehre, euch zu sagen, dass mein fünfter Bruder Annaschar hieß …”

Aber ich bemerke, dass es bereits Tag ist, sagte Scheherasade. Sie schwieg still und nahm ihre Erzählung in der folgenden Nacht also wieder auf:

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