129. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
129. NachtDer Lieferant des Sultans von Kaschghar hatte, indem er den Buckligen schlug, seinen Buckel nicht bemerkt; als er ihn nun gewahrte, fing er an zu fluchen. “Verdammter Buckliger,” rief er aus, “Hund von einem Buckligen! Hätte es doch Gott gefallen, dass du mir all mein Fett gestohlen hättest und dass ich dich hier nicht gefunden hätte, dann würde ich nicht in der Verlegenheit sein, in welcher ich mich wegen deiner und deines nichtswürdigen Buckels befinde! Ihr Sterne,” setzte er hinzu, “die ihr am Himmel leuchtet, habt in so dringender Gefahr nur Licht für mich.” Indem er diese Worte sagte, lud er den Buckligen auf seine Schultern, verließ sein Zimmer, ging bis an das Ende der Straße, wo er ihn aufrecht an einen Laden lehnte, und machte sich sodann, ohne sich umzusehen, auf den Weg nach Hause. Einige Augenblicke vor Tagesanbruch fiel es einem sehr reichen christlichen Kaufmann ein, der den Palast des Sultans mit fast allem Nötigen versorgte, nachdem er die Nacht durchschwelgt hatte, auszugehen, um sich in ein Bad zu begeben. Obgleich er betrunken war, bemerkte er doch, dass die Nacht sehr vorgerückt wäre, und dass man bald zum frühen Morgengebete rufen würde, er beschleunigte deshalb seine Schritte und eilte, ins Bad zu kommen, damit kein in die Moschee gehender Muselmann ihm begegnen und ihn als Betrunkenen ins Gefängnis führen möchte. Er verweilte jedoch, als er an das Ende der Straße gekommen war, eines Bedürfnisses wegen, bei der Bude, an welche der Lieferant des Sultans den Leichnam des Buckligen gelehnt hatte, welcher, da er erschüttert wurde, an den Rücken des Kaufmanns fiel, der ihn für einen Räuber hielt, von welchem er angegriffen würde, und ihm einen Faustschlag auf den Kopf gab, der ihn niederstürzte. Er gab ihm hierauf noch mehrere andere Schläge und rief um Hilfe. Der Wächter des Viertels kam auf sein Geschrei herbei, und da er sah, dass es ein Christ war, der einen Muselmann misshandelte, (denn der Muselmann war von unserer Religion,) sagte er zu ihm: “Was für einen Grund habt ihr, einen Muselmann zu misshandeln?” – “Er hat mich bestehlen wollen,” erwiderte der Kaufmann, “und hat sich auf mich geworfen, um mich bei der Gurgel zu fassen.” – “Ihr habt euch hinlänglich gerächt,” sagte der Wächter, indem er ihn am Arme zog, “deshalb geht weg von da.” Zu gleicher Zeit bot er dem Buckligen die Hand, um ihm zum Aufstehen behilflich zu sein, als er jedoch bemerkte, dass er tot war, fuhr er fort: “Oho, so hat also ein Christ die Kühnheit einen Muselmann zu ermorden!” Indem er diese Worte sprach, hielt er den Christen fest, und führte ihn zum Polizeimeister, wo man ihn einsperrte, bis der Richter aufgestanden und im Stande war, den Beklagten zu verhören. Der christliche Kaufmann wurde inzwischen nüchtern, und je mehr er über sein Abenteuer nachdachte, je weniger konnte er begreifen, wie bloße Faustschläge einen Menschen hatten ums Leben bringen können. Der Polizeimeister befragte, nach dem Bericht des Wächters und nach Besichtigung des zu ihm gebrachten Leichnams, den christlichen Kaufmann, der ein Verbrechen, welches er nicht begangen hatte, nicht leugnen konnte. Da der Bucklige dem Sultan angehörte, denn er war einer von seinen Lustigmachern, so wollte der Polizeimeister den Christen nicht hinrichten lassen, ohne zuvor den Willen des Fürsten zu wissen. Er ging deshalb in den Palast, um den Sultan von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, und dieser sagte zu ihm: “Ich habe keine Gnade für einen Christen, der einen Muselmann tötet. Geh und erfülle deine Pflicht.” Der Polizeirichter ließ demnach einen Galgen aufrichten, und schickte Ausrufer in der Stadt umher, um bekannt zu machen, dass man einen Christen hängen würde, der einen Muselmann getötet hatte. Man führte nun den Kaufmann aus dem Gefängnis an den Fuß des Galgens, und der Henker, nachdem er ihm den Strick um den Hals gelegt hatte, wollte ihn eben hinaufziehen, als der Lieferant des Sultans durch die Menge drang, und dem Henker, indem er sich ihn nahte, zurief: “Haltet ein, haltet ein, übereilt euch nicht. Nicht er hat den Mord begangen, sondern ich.” Der Polizeimeister, welcher der Hinrichtung beiwohnte, begann hierauf den Lieferanten zu befragen, der ihm, Punkt für Punkt erzählte, auf welche Weise der Bucklige von ihm getöteten worden wäre, und damit endete, zu sagen, dass er den Leichnam an den Ort gebracht, wo der christliche Kaufmann ihn gefunden hätte. – “Ihr wart im Begriff,” fügt er hinzu, “einen Unschuldigen hinrichten zu lassen, weil er einen Menschen, der nicht mehr lebte, nicht getötet haben kann. Es ist wahrlich schon genug für mich, einen Muselmann ermordet zu haben, ohne mein Gewissen noch mit dem Tod eines Christen zu belasten, der kein Verbrecher ist.” Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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