119. Nacht
admin am Dez 22nd 2011
119. NachtNachdem Schemseddin Mohammed seine Schwägerin von allem, was in Kairo in der Hochzeitnacht seiner Tochter vorgefallen war, unterrichtet, und ihr von dem Erstaunen erzählt hatte, in welches er durch das in den Turban des Bedreddin gefundene Heft geraten war, stellte er ihr Agib und Dame der Schönheit vor. Als die Witwe des Nureddin-Ali, welche sitzen geblieben war, wie eine Frau, die keinen Anteil mehr an dem Treiben der Welt nimmt, aus dem ihr Erzählten vernahm, dass der liebe Sohn, den sie so betrauerte, noch am Leben sein könnte, stand sie auf und umarmte sehr innig Dame der Schönheit und Agib; und da sie in diesem letzten die Züge des Bedreddin erkannte, so vergoss sie Tränen ganz anderer Art, als die bisher vergossenen, und sprach folgende Verse: “Willkommen ist mir der Bote, der mir eure Ankunft meldet; denn von ihm vernehme ich dass Schönste, was ich jemals vernommen habe. Sie konnte nicht müde werden, den Knaben zu küssen, der seinerseits ihre Umarmungen mit allen ihm möglichen Freudenbezeugungen erwiderte. “Edle Frau,” sagte Schemseddin Mohammed, “es ist Zeit, eurem Schmerz Einhalt zu tun und diese Tränen zu trocknen: ihr müsst euch bereit machen, mit uns nach Ägypten zu ziehen. Der Sultan von Balsora erlaubt mir, euch mitzunehmen, und ich zweifle nicht, dass ihr darein willigt. Ich hoffe, dass wir endlich euren Sohn, meinen Neffen, wieder finden werden, und wenn das geschieht, so wird seine Geschichte, die eurige, die meiner Tochter und die meinige verdienen, der Nachwelt aufbewahrt zu werden.” Die Witwe des Nureddin-Ali hörte diesen Vorschlag mit Vergnügen, und ließ von Stund an die nötigen Vorbereitungen zu ihrer Reise treffen. Während dieser Zeit erbat sich Schemseddin Mohammed ein zweites Gehör, und nachdem er vom Sultan Abschied genommen, und dieser ihn mit Ehrenbezeigungen überhäuft und ihm ein ansehnliches Geschenk für den Sultan von Ägypten gegeben hatte, reiste er von Balsora ab, und nahm den Weg nach Damaskus. Als er in der Nähe dieser Stadt war, ließ er seine Zelte vor dem Tor, durch welches er seinen Einzug halten sollte, aufschlagen, und sagte, dass er dort drei Tage verweilen würde, um sein Gefolge ausruhen zu lassen, und um einzukaufen, was er des Sultans von Ägypten am meisten würdig hielte. Während er damit beschäftigt war, selbst die schönsten Stoffe auszuwählen, welche ihm die angesehensten Kaufleute unter seine Zelte gebracht hatten, bat Agib den schwarzen Verschnittenen, seinen Führer, ihn in der Stadt herumzuführen, weil er die Dinge, die er im Vorübergehen nicht hätte sehen können, gern sehen möchte, und weil er sich auch sehr darüber freuen würde, etwas von dem Pastetenbäcker zu erfahren, den er mit dem Steine geworfen hätte. Der Verschnittene willigte darin ein, und ging mit ihm nach der Stadt, nachdem er die Erlaubnis dazu von seiner Mutter, Dame der Schönheit erhalten hatte. Sie gingen in die Stadt durch das Palasttor, welches den Zelten des Wesirs Schemseddin Mohammed am nächsten lag. Sie durchstreiften die großen Plätze, die bedeckten öffentlichen Märkte, auf welchen die reichsten Waren verkauft wurden, und sahen die alte Moschee der Ommiaden1), gerade zu der Zeit, in welcher man sich in ihr versammelte, um das Gebet zwischen Mittag und Sonnenuntergang zu halten. Sie gingen hierauf an den Laden des Bedreddin-Hassan, den sie wieder mit dem Backen von Sahnetorten beschäftigt fanden. “Ich grüße euch,” sagte Agib zu ihm, “seht mich an, erinnert ihr euch, mich gesehen zu haben?” Bei diesen Worten warf Bedreddin die Augen auf ihn, und als er ihn erkannte, fühlte er dieselbe Bewegung, wie das erste Mal; er wurde unruhig, und statt ihm zu antworten, konnte er lange Zeit kein einziges Wort herausbringen. Als er jedoch seinen Geist wieder gesammelt hatte, sprach er die folgenden Verse: “Wie sehnte ich mich nach dem, was ich liebe! Und als es mir zu Teil ward, verstummte ich, gleich als hätte ich weder Zunge noch Auge. Hierauf sagte er zu ihm: “Mein lieber junger Herr, erzeigt mir die Gunst, nochmals mit eurem Hofmeister in meinen Laden zu treten; kommt und esst eine Sahnetorte. Ich bitte euch sehr, mir die Besorgnis zu verzeihen, die ich in euch erregte, als ich euch vor die Stadt folgte; ich war meiner nicht mächtig, ich wusste nicht, was ich tat, und ich fühlte mich euch nachgezogen, ohne einer so süßen Gewalt widerstehen zu können.” 1) Ommiaden heißen die Kalifen von Damask, nach Ommiah, einem ihrer Ahnen. Dieses Märchen als PDF downloaden? – Klicken sie oben rechts. Dieses Märchen als EPUB downloaden? – Klicken Sie unten.
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Tags: 1001 Nacht, Märchen
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