100. Nacht

admin am Dez 22nd 2011


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100. Nacht

Bedreddin-Hassan von Balsora (so nannte man ihn, weil er in dieser Stadt geboren war) empfand einen unbeschreiblichen Schmerz über den Tod seines Vaters. Statt, dem Gebrauch gemäß, nur einen Monat in Tränen und Einsamkeit zuzubringen, brachte er, ohne irgend jemand zu sehen und ohne selbst dem Sultan von Balsora aufzuwarten, zwei Monate auf solche Weise zu. Der Sultan, über diese Vernachlässigung erzürnt, die er für ein Zeichen der Verachtung seines Hofes ansah, ließ sich vom Zorn hinreißen. Er ließ in seiner Wut seinen neuen Großwesir rufen, (denn er hatte einen ernannt, sobald er den Tod des Nureddin-Ali erfuhr) und befahl ihm, sich in das Haus des Verstorbenen zu begeben, und es samt allen seinen Häusern, Gütern und Habseligkeiten gerichtlich einzuziehen, ohne dem Bedreddin-Hassan, den er in Verhaft zu nehmen befahl, irgend etwas übrig zu lassen.

Der neue Großwesir, von einer großen Menge von Gerichtsdienern, Gerichtsleuten und anderen Beamten begleitet, zögerte nicht, sich zur Vollstreckung seines Auftrages auf den Weg zu machen. Einer der Sklaven des Bedreddin-Hassan, der zufälliger Weise unter der Menge war, hatte kaum das Vorhaben des Wesirs erfahren, als er voraus und zu seinem Herrn lief. Er fand ihn in der Vorhalle seines Hauses, so betrübt, als ob sein Vater eben erst gestorben wäre. Ganz außer Atem warf er sich zu seinen Füßen, und sagte zu ihm, nachdem er den Saum seines Kleides geküsst hatte: “Rettet euch, Herr, rettet euch schnell.” – “Was gibt’s,” fragte ihn Bedreddin, indem er das Haupt erhub, “welche Nachricht bringst du mir?” – “Herr,” erwiderte jener, “es ist keine Zeit zu verlieren. Der Sultan ist schrecklich gegen euch aufgebracht, und man kommt, um in seinem Namen all eure Habe und Gut einzuziehen und sich sogar eurer Person zu bemächtigen.”

Die Rede dieses treuen und ihm sehr ergebenen Sklaven versetzte Bedreddin-Hassan in große Bestürzung. “Habe ich denn,” sagte er, “nicht Zeit genug, um ins Haus zu gehen und mindestens einiges Geld und einige Edelsteine mitzunehmen?” – “Herr,” erwiderte der Sklave, “der Großwesir wird in einem Augenblick hier sein. Eilt, euch zu retten!” Bedreddin-Hassan erhob sich schnell von dem Sofa, auf welchem er saß, zog seine Pantoffeln an, und nachdem er sich den Kopf mit einem Zipfel seines Kleides bedeckt hatte, um sein Gesicht zu verstecken, entfloh er, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte wenden sollte, um der ihm drohenden Gefahr zu entrinnen. Der erste Gedanke, der ihm einkam, war, möglichst schnell das nächst Stadttor zu erreichen. Er lief, ohne anzuhalten, bis zum öffentlichen Begräbnisplatz, und da die Nacht herankam, beschloss er, sie auf dem Grabe seines Vaters zuzubringen. Es war ein ziemlich ansehnliches Gebäude mit einer Kuppel, welches Nureddin-Ali noch bei seinen Lebzeiten hatte bauen lassen; aber er begegnete auf dem Wege einem sehr reichen Juden1), der seines Gewerbes ein Wechsler und Kaufmann war. Er kam von einem Ort, wohin ihn ein Geschäft gerufen hatte, und kehrte in die Stadt zurück. Da dieser Jude den Bedreddin erkannt hatte, so blieb er stehen und grüßte ihn sehr ehrfurchtsvoll.


1) Im ganzen Orient werden die Finanzgeschäfte von Juden oder Armeniern besorgt. ­

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